Das BR-Symphonieorchester im KonzertMeditation über die Liebe – ein Klangerlebnis

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Robin Ticciati hält das Orchester in Bewegung und ermöglicht organisches Phrasieren.
Robin Ticciati hält das Orchester in Bewegung und ermöglicht organisches Phrasieren. (Foto: Severin Vogl)

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielt Hector Belioz „Roméo et Juliette“ in der Isarphilharmonie.

Kritik von Paul Schäufele

Fesselnde, einzigartige Musik ist es auf jeden Fall. Wie genau das Stück zu definieren ist – darüber lässt sich streiten: Gegen den Begriff „Konzertoper“ hat sich Hector Berlioz selbst gewehrt, aber eine klassische Symphonie lässt sich sein siebensätziges, Chor, Orchester, Solisten, Rezitativ, Arie und Massenszene kombinierendes Meisterwerk „Roméo et Juliette“ auch nicht nennen.

Letztlich ist das auch nicht so wichtig, wenn das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in der Isarphilharmonie es auf solche Weise spielt. Expressiv, mit sichtlichem Spaß an den überschäumenden Fest-Szenen und mit Gespür für die langen, sich endlos windenden Berlioz’schen Melodien. Robin Ticciati strukturiert hier gewissenhaft, hält das Orchester in Bewegung und ermöglicht organisches Phrasieren.

Die zentrale „Scène d’amour“ wird so zur fließenden Meditation über schöne, schwebende, farbige Orchesterklänge, die beweisen, wie sehr sich Wagner von diesem Werk inspirieren ließ: Romeo ist Tristans Bruder. Dass dafür das Zusammenspiel in den immer heiklen schnellen Sätzen nicht so perfekt koordiniert ist, fällt dabei kaum ins Gewicht. Zumal die vokalen Kräfte, von Ticciati konzentriert begleitet, hier glänzen können.

Die Mezzosopranistin Julie Boulianne zeigt ihre kostbare, gerundete Stimme in den sonst oft als dröge empfundenen „Strophes“ und veredelt den Satz mit subtiler Phrasierungskunst. Valentin Thill hat leider nicht sehr viel zu singen, doch die paar Takte zeigen einen strahlenden, kompakten Tenor. William Thomas brilliert im Finale als Pater Lorenzo mit einem ungewöhnlichen Bass, der zugleich raumfüllend, aber nie forciert wirkt und trotz seines bronzenen Schimmers leicht und mühelos wirkt. So schafft es der junge Brite, echte Rührung zu erzeugen, wenn er über das traurige Paar singt und kurz darauf Autorität zu vermitteln, wenn er den verfeindeten Familien predigt.

Zum wahren Hauptakteur des Abends macht sich allerdings der BR-Chor. Das schafft er durch geradezu überwältigende Musikalität, mit der er epische Verse ebenso belebt wie das sprudelnde Scherzetto. Egal, ob lange, pathetische Phrasen oder purzelnde Silben-Kaskaden, der BR-Chor bleibt klangschön, homogen und trotz beachtlicher Größe flexibel und leichtfüßig und macht den Abend zum Erlebnis. „Ganz hab ich nicht verstanden, was das war“, sagt eine Besucherin beim Hinausgehen. Vielleicht keine Konzertoper, aber eine Reihe klingender Bilder, die mit virtuosem Orchesterspiel und herausragenden Stimmen eine der großen Liebesgeschichten erzählen. Dafür gibt es verdiente Bravo-Rufe.

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