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Konzertreise des BRSO:Hamburg ist zu kapriziös, Helsinki zu analytisch

Vieles kann hier äußerst delikat gelingen, gerade wenn ein Orchester eine Perfektion wie das BRSO besitzt. Auch ist die Akustik nicht ganz so kapriziös wie die der Elbphilharmonie. Aber das letzte Quantum Begeisterung verweigert der Saal, dazu ist er dann dennoch zu analytisch, zu objektiv. Allerdings: Alle Musiker sind sich darin einig, dass sie sich auf dem Podium sehr gut hören. Anders gesagt: "Es ist geil, hier zu spielen." Man könne Nebenstimmen wahrnehmen wie sonst ganz selten (stimmt), er wirke im Leisen wie ein Verstärker (stimmt auch).

Am nächsten Tag, auf der Zugfahrt nach St. Petersburg, bestätigt Mariss Jansons diese Eindrücke. Ja, auch er empfinde den Saal nicht ganz so analytisch wie die Elbphilharmonie. Aber: "Das ist noch nicht das Ende, das geht noch besser." Übrigens könne, so Jansons, auch die (legendäre) Suntory-Hall zu laut werden. Da könnte man ergänzen, dass ein Saal nie zu laut wird; Die Münchner Philharmonie, da kann man sich die Seele aus dem Leib spielen. "Den einen perfekten Saal gibt es nicht", meint Jansons. Ältere Säle von Toyota klängen auch anders als die der letzten Zeit. Säle leben. Der in Luzern etwa sei sehr positiv gealtert. Und das sagt er, obwohl er von Echokammern nichts hält - die Akustik in Luzern kann man, wie etwa in Breslau, anpassen an Repertoire und ästhetische Vorlieben.

Mariss Jansons, hier in der Philharmonie in St. Petersburg, strahlt reine Freude aus, ein Glück, das die Musiker gleichermaßen empfinden.

(Foto: BRSO)

Überhaupt kann man sich nach dem Konzert in Helsinki trefflich mit den Musikern in die Haare kommen. Manche halten von den europäischen Neubauten der letzten Jahrzehnte Luzern und Breslau für die gelungensten. Für beider Akustik ist nicht Toyota verantwortlich, sondern Tateo Nakajima und die Firma Artec. Andere sagen, Toyota habe einfach die meiste Erfahrung. Übertrage man ihm die Verantwortung für den Klang eines Neubaus in München, könne man davon ausgehen, dass etwas Vernünftiges am Ende herauskomme. In die Architektur des geplanten Konzerthauses passt ohnehin kein so extremer Weinberg-Saal wie eben in Hamburg oder Helsinki.

Andererseits: Toyota macht die Akustik des Ausweichquartiers der Philharmoniker, er ist der von Jansons wie auch von Valery Gergiev bevorzugte Akustiker. Doch müssen alle neuen oder ertüchtigten Säle in München der gleichen Klangphilosophie folgen? Manche Musiker sagen: Ja, denn Hauptsache das Ding taugt am Ende. Andere sagen: Nein, es wäre doch spannend, am Ende zwei etwas unterschiedliche, tolle Säle zu haben.

Und doch ist Musikmachen mehr, viel mehr, als den idealen Saal zu suchen. Das letzte Konzert dieser Tournee im eher rumpeligen Tschaikowski-Saal in Moskau ist ein grandioses Erlebnis allerschönsten Musizierens. Man kann darüber streiten, ob Jansons' Auffassung von Beethovens "Eroica" zeitgemäß ist - es ist egal. Denn es offenbart sich an diesem Abend eine stupende Symbiose zwischen Chefdirgent und Orchester. Es herrscht das totale Vertrauen, "La Valse" dirigiert Jansons, ohne die Partitur zu öffnen, er gibt Freiheit und kriegt ein Geschenk zurück.

Ovationen gibt es überall

Mariss Jansons strahlt reine Freude aus, ein Glück, das die Musiker gleichermaßen empfinden. Tags zuvor, in der strahlend schönen, klassizistisch-festlichen Philharmonie in St. Petersburg, war es ähnlich. Ovationen gibt es auf dieser kleinen Tournee überall, in Russland und in Jansons' Geburtsstadt Riga nähern sie sich der Heiligenverehrung. Blumen werden dargebracht, in Riga bedankt sich nach dem Konzert der lettische Staatspräsident Raimons Vējonis bei Jansons, der Ministerpräsident schickt eine Grußbotschaft.

Übrigens: So nervös wie vor dem Konzert in Riga hat man Jansons, der nie Nervosität ausstrahlt, selten gesehen. Stets wandert er bei Anspielproben durch die fremden Säle, während der Geiger Wolfgang Gieron seine Kollegen durch die Partitur führt. Doch noch nie so lang wanderte Jansons umher wie bei der Probe in Riga. In dem Opernhaus, das nie klingen wird wie ein perfekter Saal, gibt es für ihn nichts als das bestmögliche Ergebnis.

Das Publikum am Abend ist dann übrigens eine Schau. Nicht mehr ganz so jung wie am Abend zuvor - direkt vom Flughafen kann man noch schnell in eine Aufführung von Puccinis "Butterfly" eilen, in einem Bühnenbild von 1925 -, aber immer noch ein lebendiger Querschnitt der Bevölkerung dieser freundlichen Stadt. Während man in Russland vor lauter (eher ineffizient wirkenden) Sicherheitskontrollen kaum in die Säle kommt, ist hier alles offen, gelöst, sexy.

Noch eines war Mariss Jansons wichtig auf dieser Reise: Zum dritten Mal lädt er sein Orchester in seiner Stadt St. Petersburg zum Essen ein. Dazu mietet er ein Stadtpalais, dazu engagiert er die Perkussion-Truppe des Mariisnky-Orchesters. Er weiß, was er an dem Orchester hat. Umgekehrt wissen das die Musiker auch. Es gibt in diesen Tagen keinen Gedanken daran, dass die Zusammenarbeit jemals zu Ende gehen könnte.

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