SV Weißblau-Allianz Allianz kündigt Betriebssportverein - trotz Milliardengewinn

Sichtbarer Protest: Banner beim Vereinsgelände an der Osterwaldstraße rufen dazu auf, die Aktion zum Erhalt des Geländes und des Vereins zu unterstützen.

(Foto: Privat)
  • Der Betriebssportverein SV Weißblau-Allianz zählt mit knapp 4000 Mitgliedern zu den größten Breitensportvereinen der Stadt, er wurde 1926 gegründet.
  • Im Dezember 2017 hat die Allianz Deutschland-AG dem Verein den Pachtvertrag für das Sportgelände an der Osterwaldstraße zum 1. August 2018 gekündigt.
  • Nach SZ-Informationen soll auf dem Areal am Englischen Garten ein Premium-Fitness-Club entstehen.
Von Stefan Mühleisen

Wenn Helmut Jaschkowitz sich in diesen Tagen an die guten Zeiten des Vereins SV Weißblau-Allianz erinnert, dann denkt er oft an Severin Moser. Nahezu jeden Tag war der frühmorgens im Fitnessraum anzutreffen, stemmte Gewichte. Jeder wusste, dass er seine sportliche Karriere längst hinter sich gelassen hatte, dass Moser 1988 für die Schweiz als Zehnkämpfer bei den Olympischen Spielen in Seoul angetreten war. "Ein sehr umgänglicher Mann, exzellenter Sportler, ein Vorbild", sagt Jaschkowitz. "Den bräuchten wir jetzt."

Severin Moser ist jetzt Vorstandsvorsitzender der Allianz Suisse. Doch von Mitte 2010 bis Ende 2013 bekleidete er dieses Amt bei der Allianz Versicherungs-AG, ein Top-Manager ohne Scheu, mit einfachen Angestellten beim Hantel-Training ein Schwätzchen zu halten. Jaschkowitz, damals Vorsitzender des SV Weißblau-Allianz, erinnert sich gut an die hohe Wertschätzung, die Moser diesem Verein entgegenbrachte, der 1926 als Betriebssportverein am Münchner Allianz-Stammsitz in Schwabing gegründet wurde, heute mit knapp 4000 Mitgliedern zu den größten Breitensportvereinen der Stadt zählt - und den Mosers Nachfolger im Vorstand nun de facto abservieren wollen. "Es ist nicht nachvollziehbar, es ist widersprüchlich, es ist zynisch", poltert Jaschkowitz - und eine Gruppe aus zwei Dutzend Männern und Frauen nickt grimmig.

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Darauf weisen interne Papiere hin. In der Belegschaft gibt es indes Unruhe, nachdem der Versicherer dem Betriebssportverein gekündigt hatte.   Von Stefan Mühleisen

Die Allianz will die Betriebskosten nicht weiter subventionieren

Sie alle sitzen an diesem Abend in einem Nebenraum des Vereinslokals an der Osterwaldstraße, idyllisch gelegen am Rand des Englischen Gartens, östlich des Nordfriedhofs. Draußen gleißt die Schneedecke auf den Fußballplätzen und Basketballfeldern im Licht der Scheinwerfer wie auf einem dieser melancholischen Edward-Hopper-Gemälde; drinnen hätte ein Genre-Maler der Münchner Vereinsgaststättenkultur seine Freude: Volles Haus, Spielkarten werden auf den Tisch gedroschen, Weißbiergläser zum Anstoßen erhoben, Geratsche und Gelächter. Im Nebenraum ist den Gästen kaum zum Lachen zumute. Vereinsmitglieder, aktive und ehemalige Allianz-Mitarbeiter, sind zum Gespräch mit dem SZ-Reporter gekommen, um über ihre Gefühlslage zu sprechen. Ein Abend fürs Scherbengericht.

Die Mitglieder wettern und schimpfen über das Dax-Unternehmen, das sich in seinen Nachhaltigkeitszielen auch die soziale Verantwortung groß auf die Fahnen geschrieben hat. "Eine Allianz fürs Leben", zitiert ein Mitarbeiter vom Standort Neuperlach einen alten Allianz-Werbeslogan. "Für uns gilt das nicht mehr."

Im Dezember 2017 hat die Allianz Deutschland-AG dem SV Weißblau-Allianz den Pachtvertrag für das Sportgelände zum 1. August 2018 gekündigt. Die Begründung: Die Anlage sei sanierungsbedürftig, man wolle aber die Investition nicht selbst stemmen, könne mithin den Verein nicht weiter mit den jährlich anfallenden Betriebskosten von 750 000 Euro subventionieren.

Mitglieder bringen ihren Protest im Vereinslokal mit einer "Roten Karte" zum Ausdruck.

(Foto: Robert Haas)

Auf dem Areal soll ein Premium-Fitness-Club entstehen

Zudem wurde bekannt, was die Allianz mit dem Areal vorhat: Ein internes Dossier, das der SZ vorliegt, legt als Wunschpächter David Lloyd Leisure nahe, finanzstarker Akteur im Fitness-Geschäft, der einen seiner Premium-Clubs errichten soll. Als "Mindestmiete" werden 150 000 Euro jährlich angesetzt sowie zehn Prozent Umsatzbeteiligung, wenn dieser 3,5 Millionen Euro übersteigt.

Ob sich das so durchziehen lässt, ist fraglich. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hat bereits klar gemacht, dass die Umnutzung nicht genehmigungsfähig sei. Unterdessen ist die Belegschaft der Allianz in Aufruhr. Der Betriebsrat distanziert sich derzeit auf Aushängen in Schaukästen und auf Bürotüren ausdrücklich von den Plänen. "Es kann nicht sein, dass dem Management Zahlen wichtiger sind als seine Mitarbeiter!", schreiben die Betriebsräte und konstatieren: "Dieser Verein ist über den reinen Sport hinaus vor allem ein Ort der Begegnung und des Networkings über alle Abteilungen hinweg und deshalb wichtig für ein gutes Miteinander."

Das Management, die Zahlen, das Miteinander - das ist der Dreiklang, der das Gespräch der Mitglieder im Nebenraum der Vereinsgaststätte bestimmt. "11,1 Milliarden Euro Gewinn!", ruft Gustav Monseler, Allianz-Mitarbeiter seit 39 Jahren, 38 Jahre im Verein, grollend das erst kürzlich verkündete Bilanzergebnis der Konzernmutter Allianz SE in den Raum. Kollektives Kopfschütteln. Keiner mag verstehen, wieso der Verein angesichts einer solchen Summe eingespart werden muss. "Ich will da die Not nicht erkennen", sagt jemand. Die Management-Entscheidung ist für die Runde umso unbegreiflicher, als ihnen mehr als nur ein Sportgelände genommen wird. "Der Verein ist für viele ein Stück Heimat", sagt Helmut Jaschkowitz.

1981 sportelten Top-Manager noch gerne selbst in dem Verein, wie auf dem Bild aus der Firmenchronik von einem Volleyballturnier zu sehen ist.

(Foto: SV Weißblau-Allianz)

Wenn das Vertrauen verloren geht

Während der Wirtshauslärm gedämpft durch die Tür dringt, wird deutlich: Auf diesem Gelände ist die Ur-Idee eines Breitensportvereins lebendig. Es geht nicht nur um Bewegung, sondern um Begegnung, um Vertrautheit, um Miteinander und um ein soziales Zuhause. "Ich habe hier viele Freundschaften geschlossen", sagt Werner Graßl. Der 52-Jährige ist selbständiger Bauingenieur, seit 34 Jahren in der Box-Abteilung und zählt zu jenen Mitgliedern, die zwar nicht bei der Allianz arbeiten, die dem Verein aber lange die Treue halten.

Seit der Nachkriegszeit wurde aus dem Betriebssport-Verein für die Allianz- und auch Münchener-Rück-Belegschaft sukzessive ein Verein für die breite Öffentlichkeit mit 20 Abteilungen, einem Schwimmbad, Fitnessräumen, einer Sauna. Und der Vereinsgaststätte natürlich. "Die Stimmung ist sehr familiär", berichtet Pächter Dino Lamby. Fast jeden Tag seien die 120 Plätze im Lokal belegt, auch mit Allianz-Pensionären. "Die kommen hier mit der silbernen Anstecknadel am Revers herein." Jetzt, sagt Lamby, seien sie vollkommen vor den Kopf gestoßen, dass ihr Ex-Arbeitgeber sie quasi hinauswerfen wolle.

Denn viele von ihnen erinnern sich noch daran, wie gerne Chefs wie Severin Moser hier trainiert haben, wie sehr sich in den Siebzigerjahren der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Schieren für den Bau der Dreifachturnhalle eingesetzt hat, wie ausgelassen die Stimmung war, als er selbst mit Vorstandsmitgliedern der Allianz und der Münchener Rück bei der Eröffnung der Halle 1981 beim Volleyball-Turnier antrat. Letzteres ist sogar auf einem Foto in der Firmenchronik dokumentiert. "Solche Leute bräuchten wir jetzt", sagt Helmut Jaschkowitz traurig. Dabei ist es nicht so, dass der SV Weißblau-Allianz allein ein Hort der alten Generation wäre. "Der Verein ist für mich ein wichtiger Ort, um soziale Kontakte zu knüpfen", sagt ein 28-jähriger Allianz-Mitarbeiter, der erst vergangenes Jahr wegen des Jobs nach München kam. Er kannte niemanden in der Stadt, wollte in kein anonymes Fitnessstudio. "Dieser Verein war durchaus ein Anreiz für meine Entscheidung. Ich dachte: Aha, der Allianz ist die Work-Life-Balance wichtig."

Wie es nun weiter gehen soll? Keiner weiß es. Was sie zu wissen glauben: Das Versprechen der Firmenleitung, "bei der Suche nach einer alternativen Sportstätte zu helfen", ist angesichts des Mangels an Sporflächen aussichtslos und kaum ernst zu nehmen. Die Mitglieder hoffen nun auf den Erfolg einer Initiative zweier Lokalpolitiker von CSU und Grünen. Die haben Plakat-Banner aufgestellt, rote Postkarten drucken lassen mit der Aufschrift "Rote Karte, Hände weg!", dazu ein goldenes Dollarzeichen. Helmut Jaschkowitz fällt dazu noch ein Schlusswort ein: "Bei einer Versicherungsfirma geht es um Vertrauen", sagt er. "Und das geht jetzt verloren."

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