Strahlend blauer Himmel, wummernde Bassklänge und ausgelassene Feierstimmung: Nach einer teilweise verregneten ersten Festivalhälfte tauschen die Besucher am zweiten Tag des Superbloom-Festivals im Olympiapark ihre Regenponchos gegen Sonnenhüte ein. Die Mischung aus internationalen Künstlern und vielfältigem Rahmenprogramm scheint zu funktionieren.
Der Andrang war groß, laut Veranstalter erschienen am Samstag und Sonntag jeweils 60 000 Besucherinnen und Besucher. Etwa 50 Konzerte auf verschiedenen Bühnen im Olympiapark sorgten für beste Unterhaltung. Während am Samstag noch Post Malone, Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys sowie Nelly Furtado als Hauptacts auf der Bühne standen, waren es am Sonntag Shawn Mendes, Hozier und Ikkimel, die das Publikum lockten.

Open Air im Münchner Olympiapark:So kommt das Superbloom-Festival beim Publikum an
Zwischen großen Träumen, Tausenden Selfies und Superstar-Alarm: Das Superbloom-Festival zeigt im Münchner Olympia-Areal, dass Nachhaltigkeit und Awareness eine gute Basis für ein Pop-Open-Air sind.
Neben dem musikalischen Angebot gab es auch ein buntes Begleitprogramm: Da war der NGO-Bereich rund um Klima und Umwelt, das „Superbrain“-Wissenschaftsprogramm mit TUM und Deutschem Museum sowie zahlreiche Beauty- und Lifestyle-Workshops. Bei angenehmen Temperaturen um die 23 Grad verlief das Festival bis auf kleinere Kritikpunkte reibungslos.
„Hier wird nicht gedrängelt“, donnert das Security-Personal dem Publikum entgegen, das die Treppen des Olympiastadions hinunterströmt. Es ist Sonntag, früher Abend, in wenigen Minuten tritt Shawn Mendes auf, ein Popstar jener Sorte, die fast jeder aus dem Radio kennt – gewollt oder ungewollt. Die Ränge des Stadions, die am Samstag und auch noch am Sonntag tagsüber nur selten vollständig gefüllt waren, sind nun rappelvoll. Und fast alle können sie einstimmen, wenn der kanadische Sänger mit typisch charmantem Lächeln Hits wie „Senorita“, „Mercy“ und „Treat you better“ singt.

Trotz Shawn Mendes’ guter Performance verlassen einige Besucher bereits während der ersten Hälfte seines Auftritts das Stadion – für ein weiteres Highlight des Tages: die Berliner Rapperin Ikkimel. Sie tritt allerdings nicht im Stadion, sondern auf der drittgrößten Bühne des Festivals auf, rund 20 Minuten Fußweg vom Stadion entfernt.
Obwohl bis zu ihrem Auftritt noch mehr als zwei Stunden bleiben, hatte der Veranstalter schon vor Mendes’ Show empfohlen, sich frühzeitig auf den Weg zu machen. Viele Besucher reagieren mit Unverständnis: Warum eine Künstlerin, die ein wahrer Publikumsmagnet ist, nicht im Stadion auftreten darf, bleibt unklar. Wie zu erwarten, ist der Platz vor der kleinen Bühne am Fuß des Olympiabergs lange vor Beginn überfüllt. Die Schlange reicht fast bis zum Olympiaturm. Viele, die sich rechtzeitig auf den Weg gemacht haben, werden abgewiesen – und verpassen damit nicht nur Ikkimel und einen Großteil des Konzerts von Mendes, sondern auch das von Hozier, der direkt nach ihm im Stadion spielt.

Wer aber noch reingekommen ist, den entlohnt Ikkimel gebührend. Während dramatische Basstöne erklingen und Nebel emporsteigt, rollt eine Höllenhund-Attrappe auf die Festivalbühne. Das Jubel-Gekreische der Fans ist bis zur nächsten U-Bahn-Station zu hören. Denn auf dem Rücken des Ungeheuers räkelt sich niemand Geringeres als die Rapperin selbst. Knappe, violettfarbene Unterwäsche, obszöne Posen, bewusst affektierte Stimme: Sie begeistert und polarisiert zugleich mit ihren provokanten, sexuell anzüglichen Texten.
„Keta und Krawall, meine Nase ist wund, Titten sind prall und mein Arsch ist rund“, singt sie, gefolgt von ihrem neuesten Song „I don’t give a fuck“, den sie zum ersten Mal live aufführt. Die Menge bebt vor Begeisterung. Zwischen Drogen und Sex, skurriler Selbstinszenierung und wilden Moshpits, findet man bei Ikkimel doch Feminismus. „Ich find’s super, dass endlich auch eine Frau in dem Bereich Klartext redet“, sagt eine hellauf begeisterte Besucherin.
Ebenfalls politisch wird es bei dem Auftritt des irischen Sängers Hozier. Seine tiefe gefühlvolle Stimme füllt das Olympiastadion. Seine emotionalen, teils morbiden Texte berühren. Bei den bekannteren Liedern, wie „Too Sweet“ oder „Take me To Church“ singen die meisten mit. Ungewöhnlich viel Bühnenzeit nimmt er sich für politische Statements. Unter anderem kritisiert er die Schere zwischen Arm und Reich, betont die Wichtigkeit der Menschenrechte – und er ruft: „Free Palestine“.
Die Menschen jubeln, wobei nicht klar ist, wie viel die meisten wirklich verstanden haben. Das liegt nicht nur an Hoziers starkem irischen Akzent oder mangelnden Englischkenntnissen des Publikums, sondern überwiegend an der schlechten Akustik des Olympiastadions.

„Ihr macht das super! Ein großes Lob von den Sanitätern und der Security“, dröhnt es immer wieder über den Festivaltag hinweg aus Lautsprechern: „Das kann man schon fast als relaxed Crazyness bezeichnen.“ Das beschreibt sowohl die Stimmung als auch die Sicherheitslage des Superblooms sehr gut: Abgesehen von zunächst langen Schlangen vor den Sanitäranlagen und Essensständen, verlief das Festival friedlich und reibungslos: nettes Miteinander und eine lebhafte Atmosphäre.
Nur ihrem Diversitäts- und Inklusionanspruch wurden die Veranstalter nicht gerecht. Mehrere Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer bemängelten die schlechte Beschilderung der barrierefreien Wege. Der Weg ins Stadion sei geradezu „katakombenartig“, erzählte eine junge Besucherin. Selbst die Awareness-Teams hätten ihr nicht weiterhelfen können.
Im Olympiapark war es für längere Zeit das letzte Pop-Festival dieser Größenordnung. Für die nächsten drei Jahre, in denen das Olympiastadion wegen Sanierungsarbeiten voraussichtlich geschlossen bleibt, wird es diese Mischung aus Glitzer, Stars und guter Stimmung hier nicht geben.

