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Süddeutsche Zeitung: Print und Online:Jetzt wächst zusammen...

Zeitung und Internet aus einem Guss: Die Zusammenarbeit von sueddeutsche.de und SZ-Redaktion soll am neuen Standort intensiviert werden.

In Washington ist die Redaktion vor kurzem über den Fluss gegangen. Jenseits des Potomac saßen die Online-Journalisten der Washington Post einst und machten eine weithin geschätzte Website, doch dann entdeckte der Verlag, dass alles noch viel besser sein könnte, wenn Zeitung und Internet aus einem Guss gestaltet würden. Und so zog washingtonpost.com hinein ins große Pressehaus, das vor vielen Jahren mit der Enthüllung des Watergate-Skandals weltweit Schlagzeilen gemacht hat. Aus einem großen gemeinsamen Newsroom entsteht nun das aktuelle Online-Angebot.

(Foto: Foto: Stephan Rumpf)

Zwischen Süddeutscher Zeitung und sueddeutsche.de lag vor zwei Jahren kein großer Fluss, es waren "nur" drei Stockwerke. Die Online-Redaktion hatte einen eigenen kleinen Newsroom, in dem nach 18 Uhr ein einsamer Aufrechter saß und aus dem "Ticker" der Nachrichtenagenturen hier und da Meldungen übernahm und gelegentlich auf die Internetseiten anderer Pressehäuser schaute. Was die eigenen Zeitungskollegen exklusiv recherchiert hatten, was sie über den Fortgang der Geschichten und der Geschichte wussten, spielte keine Rolle.

Wir haben im Zuge des Neustarts von sueddeutsche.de, der mit hohen Investitionen und einer Personalaufstockung verbunden war, mit dem Arbeiten in Parallelgesellschaften Schluss gemacht. Seit Januar 2007 sind die Nachrichtenspezialisten der Online-Redaktion selbstverständlicher Teil des Newsrooms der Zeitung. Sie arbeiten Schulter an Schulter, sprechen Themen ab, sitzen gemeinsam in Konferenzen. Das funktionierte mit der Zeit immer besser, und wenn einmal etwas schief geht, weiß man wenigstens sofort, warum. Sicher ist, dass Zeitungen ohne Online keine Zukunft haben und dass starke Zeitungen einen starken Internet-Auftritt haben.

Der Umzug des Verlags aus dem angejahrten Druckhaus in die sachliche Moderne des Neubaus am Rande der Stadt wird die Zusammenarbeit weiter intensivieren. Die Arbeitsplätze wurden so gestaltet, dass Kommunikation möglichst einfach ist. Außenstehende werden nicht mehr erkennen, wer bei der Zeitung und wer im Online-Team arbeitet, wer also zum analogen Papierreich und wer zur digitalen Welt gehört. Hauptsache, die Information stimmt. Hauptsache, die Geschichte vermittelt Erkenntnisse. Hauptsache, Journalismus macht Spaß.

Tatsächlich ist es ja so, dass sich die Lesergruppen kaum überschneiden. Nur ungefähr jeder Zehnte liest sowohl die Süddeutsche Zeitung als auch sueddeutsche.de. Jeder neue Nutzer von sueddeutsche.de steigert die Reichweite des hauseigenen Journalismus. In Zeiten, in denen Auflagengewinne wie bei der SZ eine Rarität des Zeitungsgewerbes sind, können Marktanteile so neu gewonnen werden. Das erklärt die teilweise ekstatische Aktivität mancher gestandener Verlage. Sein oder Nichtsein? Diese Frage wird, jenseits des Schwarz oder Weiß der Papierrollen, neu beantwortet.

Von dem angeschwollenen, teils absurden Reichweiten-Wettlauf, der den Klick ("Page Impression") zum Maß aller Dinge macht, müssen sich Qualitätsmedien absetzen; ganz entziehen können sie sich nicht. Eine enge Einheit zwischen Zeitung und Internetangebot wirkt hier als Sicherung. Sie verhindert ein sklavisches Produzieren sinnentleerter Bilderteppiche oder ein Verunfallen in der Zone Boulevard, die in ihrer Gänze auch im Internet Medien wie Bild gehören sollte.

Seit dem Neustart von sueddeutsche.de, verbunden mit der einer engen Kooperation mit der SZ, hat sich die Reichweite mehr als verdoppelt. Die Online-Redaktion spricht fast 2,5 Millionen Stammleser ("Unique User") an und erreicht im Oktober 2008 rund 150 Millionen Seitenabrufe. Zum Vergleich: Ende 2006 waren es rund 55 Millionen. Würden wir Reichweite maximieren, mit schlüpfrigen Stories oder elektronischen Fotowänden halbnackter Frauen, könnten wir aus dem Stand 200 Millionen erreichen. Wer aber will das? Wir sind ja nicht im Privatfernsehen.

Aus der Wirtschaft weiß man, dass nur jede zweite Fusion glückt und jede dritte Übernahme die erhoffte Wertsteigerung bringt. "Wenn die Menschen nicht miteinander können, dann kann man alles vergessen", hat der Porsche-Chef einmal mit Blick auf die missglückte Ehe zwischen Daimler und Chrysler erklärt. Dieses Beziehungsgesetz gilt auch für die Liaison zwischen SZ und sueddeutsche.de.

Irren ist dabei so menschlich wie Schlauwerden. Mit dem Umzug werden wir die Aktivitäten von Print und Online weiter verzahnen. Unser Modell ist das eines flexiblen Netzwerks, in dem Themen koordiniert, Informationen und Texte getauscht sowie Zusatzwerte geschaffen werden. Es geht um "Kooperation auf Augenhöhe", die beides nutzt: die Schnelligkeit des Internet und den Wissensschatz der viel größeren Zeitungsredaktion.

Konkret: Der Artikel für die Zeitungsausgabe vom nächsten Tag erscheint, wenn es richtig ist, nachmittags online schon vor Redaktionsschluss. Kommentatoren können so früh "Deutungshoheit" erlangen. US-Korrespondenten berichten von aktuellen Ereignissen direkt online, also Stunden, bevor ihre Druckwerke zu lesen sind. Und wenn sich Großes an zeitungsfreien Wochenenden oder Feiertagen tut, ist die SZ online präsent.

Umgekehrt fließen für das Internet geschriebene Texte immer wieder in die Zeitung ein. Im Idealfall ist es eine gegenseitige Befruchtung, zumindest aber eine kreative Reibung. Es darf freilich niemand mehr die Erwartung hegen, die Welt wäre am besten, wenn möglichst viele Zeitungsartikel einfach nur online gestellt werden; es gibt beispielsweise wunderbare Lese-Reportagen, die ganz zum Muße-Medium Zeitung gehören, so wie andererseits bestimmte Kombinationen von Text, Bild und Ton nur im Internet möglich sind.

Digitaler Journalismus heißt, eine eigene Sprache zu entwickeln. Sueddeutsche.de hat sehr gute Erfahrungen gemacht mit animierten Grafiken und mit vertonten Fotogalerien ("Audioslideshow"). Dass bei den Olympischen Spielen die SZ-Fotografin Regina Schmeken in Peking ausdrucksstarke Online-Fotoserien schuf, die ihren Weg ins Blatt fanden, gehört zu den besten Beispielen der Grenzgängerei.

Die Zahl solcher Beispiele wird zunehmen - spätestens, wenn es mittelfristig ein gemeinsames Redaktionssystem gibt. Manche Verlage haben sich zur Bewältigung der anstehenden Integrationsaufgaben die markige Formel "Online first" gegeben; andere wiederum praktizieren "Print first", eine Strategie, die Vertriebserlöse sichern soll. Wir halten es mit "Journalismus first".

Die Wahrheit ist, dass es die Branchenlösung nicht gibt. In Großbritannien wurde "Guardian Unlimited" Marktführer, weil mehr als 100 Journalisten an einem eigenständigen Angebot arbeiten, das durch vorab publizierte Zeitungsartikel ergänzt wird. Der Daily Telegraph wurde einigermaßen erfolgreich, als er alle seine Journalisten in einen riesige Newsroom-Halle steckte und die gemeinsame Redaktion von den Printressortleitern gestalten ließ. Älteren Kollegen wurde eine Filmkamera überreicht.

Die Zukunft des Zeitungsonlinejournalismus liegt nicht in der "Videotie", die so lange immer mehr Filmchen produziert, bis die Serverkosten die Geschäftszahlen rot eintrüben. Es braucht ein wenig mehr verlegerischen Spirit - und genau deswegen hat die Washington Post die Fusion ihrer dotcom- und Papierwelt einer besonderen Person übereignet, der designierten Verlegerin Katharine Weymour. Sie ist die Nichte der legendären Eigentümerin Katharine Graham.

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