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Subkultur:Erste Graffiti-Seite der Stadt geht online

Muenchen Au Graffiti an einer Garageneinfahrt in der Schwarzstrasse

Dieses Graffiti wurde an eine Garageneinfahrt in Giesing gesprüht.

(Foto: STL/Imago)
  • Das Kulturreferat hat eine Website in Auftrag gegeben, die über Münchens Graffiti-Kultur informieren soll.
  • Sie richtet sich an Laien, aber auch an die Künstler selbst.
  • Die Macher der Seite selbst sehen die Rolle der Stadt hierbei kritisch, da die Kunstform davon lebt, Regeln zu brechen.

Ganz oben auf der knallgelben Seite, so dass man keine Chance hat, es nicht zu entdecken, steht eine Definition: "Graffiti bedeutet, sich mit Formen, Farben und Buchstaben auseinanderzusetzen." Auseinandersetzen, das lässt sich vielseitig interpretieren. Und es geht ebenso wenig konkret, dafür poetisch weiter: "Graffiti bedeutet, rauszugehen, zu suchen, zu entdecken, zu warten, zu vertrauen, sich zu orientieren, loszulaufen, sich zu verstecken, zu verschnaufen und weiterzulaufen." Graffiti bedeute auch, "den eigenen Namen im Stadtbild zu verbreiten, Vorgefundenes zu verändern und etwas Eigenes zu erschaffen."

Das ist der Einstieg auf die Website Münchengraffiti.de, die das Kulturreferat in Auftrag gegeben hat und die sich somit "Münchens erste offizielle Graffiti-Website" nennen darf. Die Macher, das sind Jonas Hirschmann und Björn-Achim Schmidt. Hirschmann ist Grafikdesigner, Schmidt Programmierer. Das Kulturreferat wollte eine Website über Graffiti in München. "Etwas schwammig", sagt Hirschmann, auf der Dachterrasse der Färberei in der Claude-Lorrain-Straße in Untergiesing sitzend. Die Seite sollte sich an ein breites Publikum richten. An diejenigen, die sich nicht auskennen, sich aber für das Thema interessieren, allerdings auch an die Sprüher selbst.

Laien können nun also beim Hinunterscrollen über die bunte Seite Grundlegendes über Graffiti lernen - dass es in den Siebzigerjahren in New York mit der Geburt des Hip-Hop entstand zum Beispiel, oder dass das Kürzel eines Sprühers "Tag" heißt. Es folgt eine Bildergalerie über die Geschichte der Graffiti in München, die mit dem Auftauchen des mysteriösen und bis heute nicht eindeutig zugeordneten Tags "Heiduk" ihren Anfang nahm. Begleittexte erklären die Hintergründe der einzelnen Werke. Außerdem können sich Sprüher informieren, welche rechtlichen Konsequenzen ihr Tun haben kann, wo sich legale und illegale Flächen zum Sprühen finden, welche wichtigen Münchner Graffiti-Institutionen es gibt und wo man Fördergeld beantragen kann.

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Dass das Kulturreferat ausgerechnet Jonas Hirschmann angesprochen hat, ist kein Zufall. Er und Björn-Achim Schmidt waren selbst mal aktive Sprüher, beschäftigen sich einigen Jahren aber als "Klick Klack Publishing" theoretisch mit Graffiti. Das von ihnen gemachte "Klick Klack Graffiti Magazin" erschien einmal 2010 und einmal 2014. Im zweiten Magazin ließen sie Personen aus der Münchner Graffitiszene sprechen, zum Beispiel den Anwalt Konrad Kittel, der sich in den Achtzigerjahren der Verteidigung von Sprühern widmete.

Die Website umzusetzen, war für Hirschmann und Schmidt kein einfaches Projekt. Schließlich lebt Graffiti auch vom Wechselspiel aus Verbot und Menschen, die sich darüber hinwegsetzen. Und ein Kulturreferat ist nun einmal eine städtische Institution, mit der sich nicht unbedingt jeder Sprüher in Verbindung bringen lassen will. Sie mussten also sowohl der Stadt gerecht werden, als auch den Sprühern, die die Seite nutzen sollen - und sich selbst natürlich. Jonas Hirschmann sagt: "Es gibt selbst innerhalb der Szene so viele verschiedene Sichtweisen auf das Thema."

München umarme seit einigen Jahren alles, was mit Urban Art zu tun habe, "weil sie begriffen haben, dass das verwertbar ist." Beispiel jenseits des Graffiti: die Surfer an der Eisbachwelle. Erst verboten, jetzt in jedem Münchner Image-Film zu sehen. Deswegen sieht Hirschmann das Engagement der Stadt kritisch. "Eine Fläche für Graffiti freizugeben, kann auch eine Art Versiegelung sein. Weil dann ein von der Stadt bestelltes Kunstwerk draufgesprüht wird und sich niemand mehr traut, sich an dieser Stelle künstlerisch zu äußern." Klar: Indem die Stadt einzelne Flächen freigibt, Veranstaltungen wie die noch immer laufende Street-Art Ausstellung "Magic City" unterstützt, holt sie sich auch ein Stück Kontrolle über eine eigentlich nicht zu kontrollierende Kunstform zurück.

"Wenn das dann nicht allen gefällt, ist es halt so"

"Ich fände es schön, wenn die Stadt Flächen freigäbe, aber dann kein glattes Kunstwerk in Auftrag gibt, sondern den Sprühern überlässt, was da passiert", sagt Hirschmann. "Wenn das dann nicht allen gefällt, ist es halt so." Alles Gefällige, Geplante, Glatte widerstrebt den beiden. Sie wollen - mit der Website und überhaupt - tiefer in das Thema eintauchen. Welche Geschichten verbergen sich hinter einzelnen Graffiti? Was bedeutet es soziologisch, wenn einzelne Menschen ungefragt das Stadtbild verändern? Und wer sind diese Menschen?

Graffitikünstler begreifen das Sprühen nach wie vor als subversive Ausdrucksform. Aber wo es keine Grenzen und Verbote gibt, kann man auch nicht subversiv sein. München ist daher für die Szene ein attraktiver Standort. Verbote gibt es hier schließlich jede Menge und so, sagt Hirschmann, rücke wöchentlich die Polizei mit dem Helikopter aus, um einen Sprüher auf den S-Bahn-Gleisen zu jagen. "Aber was ist für eine reiche Graffiti-Kultur besser? Wenn die Polizei den Sprühern hinterher rennt oder nicht?", fragt sich der Website-Betreiber. Helikopter-Einsätze allerdings findet er in jedem Fall übertrieben.

Die Freude am Sprühen ließe sich außerdem nicht allein mit dem Adrenalinkick erklären, den sich der Graffiti-Künstler bei nächtlichen, illegalen Aktionen abhole. "Es kann wahnsinnig schön sein, sich unterm Sternenhimmel in den Wald zu setzen, die S-Bahn anzuschauen und zu überlegen, wie ich sie bemale", sagt Hirschmann. Man müsse dann planen: Wie bekommt man ein Foto von der Bahn? Wo fährt sie lang? "Das, was man drumherum erlebt, ist mir viel mehr wert, als das eigentliche Bild". So lässt sich auch verkraften, dass eine bemalte Bahn in der Regel nach einem Tag wieder abgewaschen ist.

© SZ vom 01.07.2017/axi
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