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Studium:Liebe, Eifersucht und lineare Algebra

Web-Serie soll Frauen für technische Studiengänge begeistern

Der Hörsaal ist voll, Professorin Bornholm lauscht gespannt. Juli Mörtlbauer, Studentin der Elektrotechnik im ersten Semester, will gerade ansetzen zu ihrer Präsentation über lineare Algebra, da dreht sie sich um und muss abbrechen. Es geht ihr einfach zu schlecht. Sehr peinliche Angelegenheit. Hätte Juli sich doch nur ein, zwei Kurze gespart am Vorabend beim Feiern im Club. Aber es war ja auch ein wirklich lustiger Abend mit ihren Kommilitonen.

Die Szene im Hörsaal kommt in Folge zwei von "Technically Single" vor, einer fünfteiligen Web-Serie, welche die Technische Universität (TU) München in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) produziert hat. Alina Stiegler, Absolventin der Falckenberg-Schule in München und Ensemblemitglied der Schaubühne in Berlin, spielt die Protagonistin Juli Mörtlbauer. In der Rolle als Professorin Bornholm ist Maria Furtwängler zu sehen. Ihren Assistenten spielt der Kabarettist Maximilian Schaffroth. Die TU will mit der Serie, die von Herbst an zu sehen sein soll, ein neues Bild von jungen Frauen in technischen Studiengängen propagieren - und so mehr weibliche Studierende gewinnen.

So, Freundchen, und jetzt: Juli Mörtlbauer, Hauptfigur der Serie "Technically Single", stellt in Begleitung eines Lügendetektor-Roboters ihren Ex zur Rede.

(Foto: PR)

Initiator der Serie ist Klaus Diepold, 56 Jahre alt und Professor für Datenverarbeitung an der TU. Schon vor vier Jahren, damals war er als TU-Vizepräsident zuständig für Gleichstellung von Frauen und Männern, warb Diepold für das Projekt. In seiner Fakultät für Elektro- und Informationstechnik waren im vergangenen Wintersemester von 4067 Studierenden nur 693 weiblich, ein Anteil von 17 Prozent. Ganz ähnlich ist der Frauenanteil in der Informatik, der größten TU-Fakultät, und dem Maschinenwesen.

Es gibt schon viele Programme und Initiativen, um Mädchen und junge Frauen für die so genannten Mint-Fächer (Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu begeistern: das Ferienprogramm "Mädchen machen Technik" in der TU, Girls' Days in vielen Institutionen oder die Lehrer-Fortbildung Roberta. Vieles davon wird auch gut angenommen. "Aber die ganze Diskussion um Frauen und Mint-Fächer kommt mir doch oft etwas verkrampft vor", sagt Diepold. "Mit der Serie wollen wir moderne Rollenbilder für Mädchen und junge Frauen zeigen." Juli Mörtlbauers Elektrotechnik-Studium ist nur der Hintergrund für eine Handlung, in der es um Liebe, Eifersucht und Freundschaft geht. Grundsätzlich glaubt Diepold an die Wirkmacht einer fiktionalen Serie. Er verweist darauf, dass die CSI-Serien in den USA zu einem deutlichen Anstieg der Einschreibungen für ein Studium der forensischen Medizin geführt hätten.

Mit dem Kopf nicht immer ganz beim Studium: Jäckie und Eugen, die Kommilitonen der Serienfigur Juli (hintere Reihe).

(Foto: PR)

Im vergangenen November war es dann so weit. An neun Tagen wurde gedreht, hauptsächlich auf dem TU-Stammgelände an der Arcisstraße. Regisseur ist Sebastian Stojetz, der als Abschlussarbeit seines Studiums an der HFF auch das Drehbuch geschrieben hatte.

Am Tag der Einschreibung hat Juli Mörtlbauer vor der TU gecampt, eine Wohnung hat sie in München noch nicht gefunden. Dann wird sie auch noch per Videochat von ihrem Freund verlassen, weil der nach seinem Jura-Studium Diplomat werden und da keine nerdige Technikerin im Blaumann an seiner Seite haben will. Daraufhin entwickelt Juli mit Freunden den Plan, ihn erst zurückzugewinnen, um ihn dann mit einem großen Knall abzuservieren. Unter anderem inszeniert sie sich dafür auf Instagram als "tubraingirl". Aber dann kommt ein anderes Techtelmechtel dazwischen, und die Dinge werden erst so richtig kompliziert. Die Geschichte ist gut erzählt, mit schnellen Schnitten, einem treibenden Soundtrack und Pointen, die sitzen. Jede Folge dauert etwa zehn Minuten. Hauptzielgruppe sind Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren.

Es sei eine "Odyssee" gewesen, bis die Serienidee Wirklichkeit wurde, sagt Diepold. "Wir haben es nicht geschafft, Fernsehverantwortliche oder Produktionsfirmen zu überzeugen. Am Ende haben wir es in die eigene Hand genommen. So konnte uns dann auch keiner von außen reinreden." Diepold brachte das TU-Präsidium dazu, den Hauptteil des niedrig sechsstelligen Budgets zu übernehmen. Dabei geholfen haben mag, dass die TU in diesem Jahr 150-jähriges Bestehen feiert - und die Serie das Bild einer innovativen Uni stützt. Hinzu kam Unterstützung der HFF. Außerdem erhielt das Webserien-Projekt eine Förderung in Höhe von 50 000 Euro vom Filmfernsehfonds Bayern. Dennoch sind viele Arbeitsstunden der Beteiligten bisher nicht oder nur mäßig bezahlt.

Lohnt sich der ganze Aufwand? Das wird letztlich davon abhängen, welche Reichweite "Technically Single" erreicht. Die Macher sind in Verhandlungen mit einer Streamingplattform. Der Vertrag stehe kurz vor der Unterschrift, sagt Diepold, deshalb könne er den Namen noch nicht nennen. Wenn es klappt, könnte zumindest ein Teil des Geldes wieder reinkommen. Aber vor allem hofft Diepold, dass die Plattform die Serie gut platziert und bewirbt. Fest steht aber, dass die Macher von "Technically Single" am 10. Oktober in der HFF die Münchner Premiere ihrer Serie feiern. Vorher bereits wird sie beim Filmfest Hamburg gezeigt. Und Diepold denkt schon weiter. "Genug Ideen für eine zweite Staffel haben wir allemal."

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