bedeckt München 22°

Studierende aus 84 Ländern:Ausländische Studierende: Was tun nach dem Studium in München?

internationale Studierende. Entscheidung internationaler Studierender, nach dem Studium in Deutschland zu bleiben oder in ihre Heimatländer zurückzukehren.

Clément Compaoré aus Burkina Faso überlegt, ob er bleiben soll, Edith Otiende-Lawani aus Kenia hat nach dem Jura-Staatsexamen Fuß gefasst.

(Foto: Florian Peljak)
  • An den Münchner Universitäten sind zurzeit mehr als 15 000 ausländische Studierende eingeschrieben. Sie kommen aus 84 Ländern.
  • Vor allem Studierende aus ärmeren afrikanischen Ländern haben häufig einen langen und schweren Bildungsweg hinter sich.
  • Nach dem Studium haben sie oft eine komplizierte Entscheidung zu treffen: zurückkehren oder bleiben?

Von Toni Wölfl

Das Schicksal der fünf jüngeren Geschwister Justine Hélène, Sidonie, Donatien, Isabelle und Landry, es hängt zu großen Teilen von ihm ab. "Sie träumen davon, in Deutschland zu studieren", sagt Clément Compaoré. So wie der große Bruder, den sie sich zum Vorbild nehmen. Seit sieben Jahren lebt der 28-Jährige in München, er hat dort studiert und promoviert. Jeden Monat schickt er Geld in seine Heimat Burkina Faso. "Ich unterstütze meine Geschwister. Sie sollen selbständig werden."

Zu Hause gilt Compaoré als Hoffnungsträger, weil er den Sprung nach Europa geschafft hat. Fürs Studium aufgebrochen in ein besseres Leben. Von Ouagadougou nach München. Sein Auslandsstipendium war nicht nur eine große Chance für ihn, sondern für seine ganze Familie. Dass er es vom Slum der afrikanischen Großstadt zum deutschen Doktortitel gebracht hat, macht ihn stolz. Aber es schürt auch die Erwartungen, die er an sich selbst stellt - und die seiner Familie gleich mit.

"Mir war schnell klar, du musst unglaublich hart arbeiten", sagt Compaoré über seine Kindheit. Der Vater Schreiner, die Mutter Hausfrau und Bäuerin. In den Kindergarten durfte ihr ältester Sohn nicht, zu teuer. Die Grundschule kostete rund 50 Euro, auf Dauer zu viel. Der kleine Clément wurde für ein Jahr zu den Großeltern aufs Land geschickt, wo die Grundschule kostenlos war. "Dort, im Dorf, geht's darum, dass man überlebt. Da geht's um Wasser und Brot", erinnert er sich. Vormittags lernen, nachmittags am Feld arbeiten. In jener Zeit hat er verstanden, was sein Leben seither prägt: "Bildung ist der einzige Weg."

Sein Ehrgeiz war geweckt. Er schaffte es auf eine Eliteschule in der Hauptstadt. Dort werde nur angenommen, wer reich oder besonders gut ist. Er gehörte zu Letzteren. Als Erster seiner Familie konnte er studieren, entschied sich für Germanistik. Schon damals hatte er die späteren Karrierechancen im Hinterkopf. "Ich hatte Freunde, die nach diesem Studium beim Konsulat in Deutschland gelandet sind." Deutschland, der Sehnsuchtsort.

Doch dieses Ziel ist schwer zu erreichen. Sein Plan B war eine Karriere beim Militär. Den sportlichen Eignungstest für die Offizierslaufbahn hatte er schon bestanden, da bekam er die Zusage vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Er durfte an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München Deutsch als Fremdsprache auf Master studieren. Im Oktober 2010 stieg er ins Flugzeug Richtung Europa. Der Traum wurde wahr.

Gut sechs Jahre später. Ein warmes Zimmer in einem Studentenwohnheim. Sein Handy klingelt. "Mein Vater. Er macht sich Sorgen." Eigentlich sollte Compaoré schon seit Tagen daheim sein, drei Wochen auf Besuch, wie jedes Jahr. "Aber der Zeitplan war zu knapp. Ich hatte noch keine Geschenke für meine Familie besorgt." Und mit leeren Händen wollte er nicht nach Hause. Doch das war nicht der einzige Grund.

Image-Sache

An den Münchner Universitäten sind zurzeit mehr als 15 000 Studierende aus 84 Ländern eingeschrieben. Das hat eine Umfrage des Referats für Arbeit und Wirtschaft ergeben. Die meisten kommen aus Österreich (12,1 Prozent), Italien (7,4), Indien (5,5), China (5,4) und Russland (5,1). Es folgen Bulgarien (4,1), die USA (3,6), Kolumbien (3,3) und Frankreich (3,2). Knapp die Hälfte stammt aus EU-Ländern, aus Asien sind 22,3 Prozent, aus Afrika nur 3,4 Prozent.

Dass sich Studierende grundsätzlich für Deutschland entscheiden, liegt bei 22,8 Prozent der Befragten an der ökonomischen Lage im Herkunftsland, 16,1 Prozent nannten die politische Situation in der Heimat als Grund. 61,9 Prozent der Studierenden werden von den Eltern finanziell unterstützt, 37,1 Prozent leben in Wohnheimen. Knapp die Hälfte konnte in der Umfrage nichts über die Pläne nach dem Studium sagen. Etwa ein Viertel will auf alle Fälle in München bleiben. Die Hauptgründe sind Chancen auf eine Beschäftigung und die Lebensqualität.

Sorgen über seine Zukunft trieben ihn um. Und das, obwohl er als Musterschüler kaum berufliche Ängste zu haben braucht. Er gehörte zu den 853 Stipendiaten der Friedrich-Naumann-Stiftung, die derzeit nur acht Afrikaner fördert. In seiner Promotion beschäftigte er sich damit, wie man mit Computern Sprachen lernen kann. "Ich hatte dabei Burkina Faso im Auge. Da kenn' ich mich aus, ich weiß, was sie brauchen." Das Thema der digitalisierten Bildung ist nicht nur für Entwicklungsländer relevant. Ergebnis: magna cum laude.

Jetzt beginnt für Compaoré ein neuer Lebensabschnitt. Bleibt nur die Frage, wo. Soll er zurückkehren in die Heimat oder hier nach Arbeit suchen? Es ist eine komplizierte Entscheidung zwischen Verantwortung und Wohlstand. Ein ständiges Für und Wider. "Seit einem Jahr habe ich Kopfweh deswegen." Für einen Ministeriumsposten in Burkina Faso sei er mit 28 zu jung, Berufserfahrung im Ausland könnte ihm später nutzen, überlegt er.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite