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Studie zu Berichterstattung:Die Wortwahl entscheidet

Experte untersucht, wie Synonyme für Suizid Leser beeinflussen

Von Jakob Wetzel

Kleine Ursachen können verhängnisvolle Wirkungen haben, und das gilt auch für Artikel in der Zeitung: Wenn Medien über Suizide berichten, dann kommt es ganz entscheidend auch auf die Wortwahl an. Das zeigt eine neue Studie des Münchner Medienforschers Florian Arendt, die jetzt in der Zeitschrift Social Science & Medicine publiziert wird. Mit drei weiteren Wissenschaftlern weist Arendt hier erstmals nach, dass schon der Umstand, ob Journalisten von einem "Selbstmord", einem "Suizid" oder einem "Freitod" schreiben, die Ansichten ihrer Leser beeinflussen kann. Um ihrer Verantwortung gerecht zu werden, sollten Medien möglichst neutral berichten.

Arendt forscht an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) über Suizidprävention und über Stereotypen in der Berichterstattung insbesondere über Gesundheitsthemen. Für ihre Studie teilten er und die anderen Forscher 451 Personen in drei Gruppen auf und legten ihnen Zeitungstexte über Suizide vor. Die Artikel waren weitgehend dieselben; je nach Gruppe wurde lediglich die Selbsttötung konsequent als "Suizid", als "Selbstmord" oder als "Freitod" bezeichnet. Danach sollten die Probanden den Inhalt der Artikel mit eigenen Worten zusammenfassen, einen Lücken-Text ausfüllen und erklären, wie sie selbst über Suizide denken. Und dabei, erklärt Arendt, zeigte sich "ganz klar ein Effekt".

Die Teilnehmer hätten nicht nur überdurchschnittlich oft dasjenige Wort übernommen, das sie zuvor gelesen hatten. Sondern sie würden Selbsttötungen auch jeweils unterschiedlich einschätzen, sagt der Forscher. Darauf gebe die Studie erstmals Hinweise. Zum Beispiel zeigten im Fall eines unheilbar kranken Patienten diejenigen Probanden, die immer nur "Freitod" gelesen hatten, mehr Verständnis für dessen Suizid als Teilnehmer, die mit "Suizid" oder gar dem Wort "Selbstmord" konfrontiert gewesen waren. Allein die Wortwahl weckt demnach bereits Assoziationen in die eine oder andere Richtung.

Dabei sei gerade der Begriff "Freitod" irreführend, sagt Arendt: Er impliziere, dass sich die Betroffenen frei und rational für den Tod entscheiden würden. "Die Forschung zeigt jedoch, dass suizidale Personen typischerweise eine verengte Sicht auf sich selbst, ihr Leben und ihre Umwelt haben - in etwa vergleichbar mit einem emotionalen Tunnelblick", sagt Arendt. "Das macht es äußerst schwierig, ihre Entscheidung als frei und rational zu bezeichnen." Der Begriff "Selbstmord" hingegen, der in deutschen Medien einer früheren Studie Arendts zufolge besonderes häufig verwendet wird, sei ebenfalls problematisch, denn er rufe Assoziationen mit einem Verbrechen hervor. Zu empfehlen sei deshalb der neutrale Begriff "Suizid".

Medien sind grundsätzlich angehalten, über Selbsttötungen nur mit Zurückhaltung zu berichten. Denn die Art und Weise der Berichterstattung kann suizidgefährdete Leser einerseits dazu bringen, sich tatsächlich umzubringen; die Rede ist dann vom sogenannten Werther-Effekt, in Anlehnung an Goethes Roman Die Leiden des jungen Werther, der in den 1770er-Jahren eine Welle von Nachahmer-Suiziden nach sich zog. Journalisten sollen deshalb insbesondere nicht sensationsorientiert berichten oder über konkrete Ursachen spekulieren. Andererseits aber kann die Berichterstattung Betroffene auch anregen, Hilfe zu suchen - vor allem dann, wenn Perspektiven dargelegt werden, wie Krisen bewältigt werden können.

© SZ vom 07.03.2018
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