Süddeutsche Zeitung

Studie über Neu-Münchner:Single, 18 bis 35 Jahre, sucht Stadt

Was zieht sie an, die Neu-Münchner? Eine bislang unveröffentlichte Studie beleuchtet nun, wer in die Landeshauptstadt zieht - und warum. Ein Grund ist das große Jobangebot. Doch es gibt auch andere Motive. Und ein großes Manko.

Er ist Treibstoff und Schmiermittel zugleich. Ohne den Zuzug in die Region München geriete der Motor ins Stocken, darin sind sich Experten einig. Der Motor, das ist zum Beispiel die Produktivität, die in München nach Analysen des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung seit Jahren um zehn bis zwanzig Prozent über den Werten von Wirtschaftszentren wie Stuttgart, Nürnberg oder Hamburg liegt.

Der Motor, das sind auch die Steuereinnahmen, mit denen Kinderkrippen oder Busverbindungen bezahlt werden können. Auch sie liegen hier mit knapp 1200 Euro je Einwohner deutlich über den Werten von Ballungsräumen wie Nürnberg (850) oder Berlin (500); nur das Rhein-Main-Gebiet kann hier konkurrieren (1150). Der Motor, das sind nicht zuletzt die Kultur- und Freizeitangebote, die den meisten Unternehmen als sogenannte weiche Standortfaktoren wichtig sind.

Die Rechnung ist einfach: Weil auch hier Frauen im Durchschnitt nur etwa 1,3 Kinder bekommen, würde die Bevölkerung ohne Zuzug über die Jahre schrumpfen und überaltern. "Die Arbeitsplätze und Steuereinnahmen würden radikal zurückgehen", sagt Christian Breu, Chef des Regionalen Planungsverbandes. Seine Botschaft: Wachstum ist lebenswichtig für den Großraum. Bislang hat das recht gut geklappt. Seit 1999 ziehen pro Jahr im Schnitt 120.000 Menschen in die Region, 100.000 verlassen sie. Und: Die Zuzügler sind jünger als diejenigen, die wegziehen.

Nur, was genau zieht sie an? Gibt es so etwas wie den Prototypen des Neubürgers? Man kann sagen: Ja, es gibt ihn, wenn man das Profil sehr grob skizziert. Der durchschnittliche Zuzügler ist zwischen 18 und 35 Jahre alt, ist in aller Regel Single und kommt in seiner weiblichen wie männlichen Ausprägung ungefähr gleich häufig vor.

Im vergangenen Jahr hat sich die Stadt München erstmals die Mühe gemacht, nicht nur die Wegziehenden nach ihren Gründen zu fragen - wie sie es 2000 schon einmal getan hat -, sondern auch die Motive der Zuzügler herauszufinden. Für die repräsentative Studie verschickte das Planungsreferat 10.000 Fragebögen an Menschen, die ins Münchner Stadtgebiet gezogen waren (sowie 10.000 an Wegzügler).

Der Rücklauf war mit jeweils 25 Prozent erstaunlich hoch, so dass die Stadt jetzt auf einen wahren Schatz an verlässlichen Daten zurückgreifen kann: Was macht München so attraktiv? Fühlen sich die Neubürger wohl? Was bringt Bewohner dazu, der Stadt den Rücken zu kehren?

Familien ziehen selten nach München

Der größte Bonus - das überrascht die Experten nicht - ist das große Jobangebot. "Arbeitsplatz und Ausbildung, das sind die dominanten Gründe", bilanziert Hubert Müller, einer der Projektleiter der Studie. "Wenn das nicht mehr funktionieren würde, dann würde der Zuzug versiegen. Es gäbe keinen Grund mehr, in die teure Stadt zu ziehen." Denn viele nähmen wegen der tollen Berufsmöglichkeiten ganz bewusst auch Einbußen an Lebensqualität in Kauf, die beispielsweise die hohen Mietpreise mit sich bringen.

Weniger vorhersehbar war der am zweithäufigsten genannte Grund, nach München zu ziehen: das gute, flächendeckende Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln. Den Neubürgern ist es demnach wichtig, ohne Auto mobil zu sein. Eine Motivation, die zugleich als Auftrag für die Politik gelten kann, die Stadt der Zukunft möglichst autofrei zu gestalten.

Dann bliebe womöglich noch mehr Muße für den Lebensstil, der bei den Antworten an dritter Stelle rangiert. Biergartenkultur, Isar, Nähe zu Seen und Bergen - München glänzt auch hier, und der Magnet wirkt bis ins Ausland. "Für uns war dieses Ergebnis eher überraschend, zumal der münchnerische Lebensstil in der Wertigkeit fast gleichauf mit dem öffentlichen Nahverkehr liegt", sagt Müller. Und wer hergezogen ist, sei "überaus zufrieden mit seiner Wohnung und seinem Stadtviertel".

Dieses Ergebnis der 400-Seiten-Studie wird den Stadtrat erfreuen, dem die Expertise bald vorgestellt wird. Interessant dabei: Ziehen Einwohner aus der Region nach München, so fühlen sie sich oft schon vorher als Münchner. "Unter München verstehen viele den Gesamtraum", sagt Müller.

Dieses Denken sollte nach Ansicht des Geografen künftig auch für die Stadtentwicklung gelten. Denn Familien, so hat die Befragung ergeben, ziehen nur selten nach München: zu teuer. Andererseits hat die Stadt kaum noch Flächen, die sich für familiengerechte Wohnprojekte eigneten, erklärt Müller. "Wenn jemand mehr Quadratmeter braucht, dann müssen wir den oft ziehen lassen."

Immerhin habe die Befragung ergeben, dass Familien heute länger in der Stadt blieben als noch vor zehn Jahren. Das habe auch mit der schleichenden Urbanisierung des Großraums zu tun: Wer das Land sucht und günstiger wohnen will, muss schon sehr weit rausziehen.

Müller hält eine mit dem Umland abgestimmte Siedlungsplanung für geboten. Arbeitsteilig nennt der Stadtplaner das und prophezeit: "Der Druck auf die äußeren Bereiche wird wachsen."

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SZ vom 09.11.2011/tob
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