Tausende Studierende der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) strömen täglich in das Gebäude an der Ludwigstraße 28. Dort befindet sich heute unter anderem die Fakultät für Volkswirtschaftslehre. Erbaut wurde es jedoch von 1936 an als „Haus des Deutschen Rechts“. Unter der Leitung des Juristen und Nationalsozialisten Hans Frank, der später als einer der Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg vor Gericht stand, sollte unter anderem dort die Neugestaltung des deutschen Rechts im Sinne des NS-Regimes stattfinden. Ein Fakt, der vielen der dort angehenden Ökonomen unbekannt sein dürfte.
Daria Letzgus und Simon Fetscher wollen das ändern. Die beiden Jura-Studierenden gehören zum Vorstand des Vereins „Students Remember“, der die Erinnerungskultur unter den Münchner Studierenden fördern will. „Die Uni sollte nicht nur ein Ort der Berufsausbildung, sondern auch der staatsbürgerlichen Bildung sein“, sagt Fetscher.

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Seit Mai 2023 ist der Verein auf 70 Mitglieder angewachsen. Diese erarbeiten für jedes Semester einen Plan mit Veranstaltungen, die sich explizit an Studierende richten und möglichst viele Aspekte der Erinnerungskultur beleuchten sollen. „Natürlich geht es in Deutschland viel um die NS-Zeit“, sagt Letzgus. Ziel sei es aber, die Teilnehmenden der Veranstaltungen zu möglichst vielen Teilbereichen der deutschen Erinnerungskultur aufzuklären, darunter Themen wie Kolonialismus, DDR oder den gesellschaftlichen Umgang mit Homo- und Transsexualität.
Das gewählte Motto „erinnern, verstehen, Zukunft gestalten“ wird im Verein sehr ernst genommen. Es gehe darum, die Mechanismen zu verstehen, die zu bestimmten Ereignissen geführt haben und daraus Handlungsoptionen für das heutige gesellschaftliche Leben abzuleiten, erklärt Fetscher. Die Uni selbst biete hierfür keine Möglichkeiten. Sich abseits des oft stressigen Lernalltags außerhalb der Uni zu engagieren, sei jedoch für viele Studierende eine hohe Hürde.
Die Angebote des Vereins, die sich wahlweise an alle Studierenden oder nur an Mitglieder richten, sind darum bewusst niedrigschwellig angesetzt. So gibt es etwa thematisch gestaltete Stadtführungen, Impulsvorträge, Zeitzeugengespräche, Fahrten in die KZ-Gedenkstätte Dachau oder auch Schwerpunkt-Filmabende, „natürlich mit Popcorn“.
Wichtig dabei immer: ins Gespräch kommen. „Da sitzen dann nach einem Film über den Juristen Fritz Bauer, der viele NS-Verbrecher vor Gericht gebracht hat, etwa 40 Leute in einer Bar und diskutieren, welche Herausforderungen und vielleicht auch Wiederholungen Juristen heute erwarten“, sagt Fetscher. „Natürlich kann man hier jahrelang studieren und ein exzellenter Jurist oder Maschinenbauer werden, ohne sich ein einziges Mal mit diesen Themen zu beschäftigen.“ Doch die Ereignisse, an die es zu erinnern gelte, seien auch zur jeweiligen Zeit nur durch das Zutun aller Gesellschaftsgruppen möglich gewesen. Deshalb, so Fetscher, sei es wichtig zu verstehen, welche Verantwortung „jeder einzelne von uns“ innerhalb der Gesellschaft trage.
Die Themen nicht wegignorieren, sondern den Diskurs wagen.Simon Fetscher
Etwa 20 Veranstaltungen hat der Verein im vergangenen Wintersemester organisiert. Über ihre Website aber vor allem über Social Media versuchen die Mitglieder, die Studierenden zu erreichen. Wer nicht mehr studiert, kann sich im sogenannten Freundeskreis „Friends Remember“ engagieren. Dort können auch Spenden getätigt werden. Die Mitgliedschaft im Verein ist für Studierende kostenlos. Aufgrund des großen Erfolgs ihres Konzepts soll „Students Remember“ nun auch auf andere Universitäten ausgeweitet werden. Den Anfang machen wollen die Mitglieder mit Veranstaltungen an den Universitäten in Nürnberg, Augsburg und Berlin.
Letzgus und Fetscher betonen, dass sie mit ihrer Arbeit keine Meinung oder Haltung vorschreiben wollen. Viel mehr gehe es darum, dass sich die Studierenden ihrer eigenen Haltung bewusst würden. Genauer erklären lässt sich das am Beispiel des propalästinensischen Protestcamps, dass zwischen Mai und November 2024 vor der LMU stand und dem gegenüber sich jede Woche ein Gegenprotest von „München ist bunt“ platzierte. „Ich möchte nicht mit den 100 Leuten reden, die da auf beiden Seiten stehen und schon eine Meinung haben“, sagt Simon Fetscher. „Aber ich würde gerne mit den 5000 Studierenden reden, die jeden Tag daran vorbeigehen.“ Denn darum gehe es letztlich: „Die Themen nicht wegignorieren, sondern den Diskurs wagen.“
Der Verein verstehe Erinnerungskultur mit einem antiautoritären Ansatz von Bildung. „Das Thema ist vielen nur als ‚Muss-Thema‘ aus der Schule bekannt“, sagt Fetscher. Doch Zwang erzeuge oftmals eine Abwehrreaktion. So wünschen sich laut einer Studie aus dem Jahr 2025 mittlerweile rund 40 Prozent aller Deutschen einen „Schlussstrich“ unter der Erinnerung an die NS-Zeit. „Wir sind überzeugt, dass jeder Mensch mit Vernunft, wenn er sich mit diesen Themen beschäftigt, nur zu dem Ergebnis kommen kann, dass in der Vergangenheit viele Dinge falsch gelaufen sind.“ Es sei aber ein Unterschied, ob man das von Anfang an festlege, oder ob man die jungen Menschen dazu animiere, sich in einem Aushandlungsprozess ein Bewusstsein zu erarbeiten.

