Studenten-Revolte "Kein Ort ist so frauenfeindlich wie die Universität"

Barbara Riedmüller war 1989 Senatorin im Berliner Senat, dem ersten Parlament mit Frauenmehrheit.

(Foto: Marina Kosmalla/FU)

Die Soziologin Barbara Riedmüller mischte 1968 den reinen Männerklub Asta ein wenig auf. Sie gründete an der Münchner Uni die Rote Frauenfront

Von Martina Scherf, München/Berlin

Barbara Riedmüller sitzt auf gepackten Umzugskartons. Sie zieht mit ihrem Mann vom kleinen brandenburgischen Weiler Buberow zurück nach Berlin. "Fürs Alter ist das nichts auf dem Land", sagt die Soziologin. 25 Jahre lang hat sie an der Freien Universität (FU) gelehrt, zwischenzeitlich war sie Senatorin im rot-grünen Berliner Senat. Ihre Karriere aber hat in München begonnen, dort ist ihr politisches Denken geprägt worden. Und wenn sie jetzt nach den 68ern gefragt wird, sagt sie: "Damals sind Menschen sozialisiert worden, die Visionen hatten."

Als im Mai 1968 Zigtausende gegen die geplanten Notstandsgesetze der Großen Koalition protestierten, da war auch die Münchner Schülerin Barbara Riedmüller auf der Straße. Sie besuchte das katholische Mädchengymnasium der Armen Schulschwestern am Oberanger und stand kurz vor dem Abitur. "Ich ging von der Schule direkt auf die Demo", sagt sie. "SPD und CDU - lasst das Grundgesetz in Ruh", lautete der Slogan der Demonstranten. Sie fürchteten eine Rückkehr zu totalitären Polizeigesetzen, weil im Verteidigungsfall, aber auch bei inneren Unruhen, Grundrechte eingeschränkt werden und der Einsatz der Bundeswehr im Inneren erlaubt würde.

Im Herbst hatte der Bundestag das Gesetz trotz aller Proteste beschlossen, und Barbara Riedmüller schrieb sich an der Ludwig-Maximilians-Universität in Soziologie ein. Da änderte sich ihr Fokus. "Ich traf auf eine hermetische Männerwelt. Kurt Sontheimer (Politologe am Geschwister-Scholl-Institut, Anm. d. Red.) ) sprach von Frauen als den ,Blumen der Universität' - das sagt doch alles", erzählt Barbara Riedmüller. Sie war empört. "In den Seminaren saßen die Frauen in der hintersten Reihe, und geredet haben nur die Jungs."

Als sie sich demonstrativ in die erste Reihe setzte, wurde sie mit Missachtung gestraft. "Ein Dozent, bei dem wir Systemtheorie hatten, konnte das offensichtlich nicht mit seinem Weltbild vereinen, er sprach mich immer mit ,Herr Riedmüller' an. Bis eine Freundin sagte: ,Zieh' doch mal einen Minirock an.' Das tat ich, und siehe da: Plötzlich sagte er Frau Riedmüller zu mir."

Die sogenannte sexuelle Befreiung, "das war eine reine Männersache", sagt die Soziologin. Freie Liebe? Hippie-Romantik? "Ach was, die Jungs waren furchtbar rückständig, meinten aber, sich nehmen zu können, was sie wollten." Weil sie den Männern oft widersprach, sei sie im soziologischen Institut an der Konradstraße bald bekannt gewesen "wie ein bunter Hund". Einer konnte damit offenbar gut umgehen: Peter Seel, ihr Kommilitone und späterer Ehemann. Die beiden sind bis heute glücklich verheiratet.

Auf Demonstrationen ging die Studentin nicht mehr so oft, "mit meiner Körpergröße von 1,65 Metern wurde ich da ja leicht übersehen". Sie konzentrierte sich vielmehr darauf, den bis dahin reinen Männerklub Asta ein wenig aufzumischen. Mit ihrer Freundin Mona Winter, die später Theaterstücke schrieb und den Münchner Raben-Verlag gründete, und anderen rief sie die Rote Frauenfront ins Leben.

Zum ersten Treffen im Neubau der Uni an der Leopoldstraße kamen mehr als 150 Frauen. "Der Raum war gar proppenvoll, ebenso das ganze Foyer. Viele erzählten, wie sie unter ihren Partnern oder ihren Vätern litten. Wir diskutierten stundenlang, was zu tun sei. Mit der Zeit konnten einem diese Selbsterfahrungsgespräche auf die Nerven gehen, aber die Themen waren wichtig. Es gab vorher ja keine Orte, wo Frauen über ihre Erfahrungen sprechen konnten."

Mona Winter wohnte in der legendären Frauenkommune in der Türkenstraße 68a. "Da schauten auch Rainer Langhans und Fritz Teufel vorbei, diese Selbstdarsteller", erzählt Riedmüller, "und natürlich haben sich die Medien dann jedes Mal drauf gestürzt. Die Projektion, dass da Gruppensex stattfände, fanden die natürlich furchtbar interessant."

An der Uni war die Situation verworren. Es gab Marxisten, Leninisten, Maoisten, Trotzkisten, "deren Sektierertum war mir zuwider". Sie selbst habe als Liberale gegolten, "weil ich nicht nur Marx, sondern auch Max Weber las". Und ihr Professor, Karl Martin Bolte - von ihm stammt die berühmte "Bolte-Zwiebel" zur Erläuterung der bundesdeutschen Sozialstruktur -, habe eines Tages verwundert festgestellt: "Sie sind ja gar keine Kommunistin."

Solche Differenzierung sei im bayerischen Kultusministerium allerdings nicht zu erwarten gewesen. Gegen Hochschullehrer, die sich mit den 68ern solidarisierten, sei eine regelrechte Hetze betrieben worden. "Es gab Beamte, die haben einen, wenn man nur Marx zitiert hat, für einen Verbrecher gehalten." Boltes Assistent Horst Holzer, der bei den Studenten sehr beliebt gewesen sei, fiel dem Radikalenerlass zum Opfer, weil er der DKP beigetreten war. "Ich hatte ihm das noch auszureden versucht, denn er war im Herzen ein Liberaler und ein sehr guter Lehrer", sagt Riedmüller. Sogar seine Bücher wurden aus der Bibliothek entfernt, samt den zugehörigen Karteikarten.

Barbara Riedmüller trat in die SPD ein, arbeitete nach der Promotion im Sozialreferat der Stadt München und ging dann nach Berlin. "In Bayern hätte ich mich nicht getraut zu habilitieren." Und im linken Berlin galt sie plötzlich als "rechts" - so kurios war das Lagerdenken in der aufgewühlten Republik. 1988 - sie hatte nun einen Lehrstuhl an der FU - war die Frauenbewegung vorangeschritten, "da saßen im Seminar selbst erklärte Feministinnen und wollten keine Jungs reinlassen". Als Uni-Vizepräsidentin musste sie mit streikenden Studenten verhandeln, "da hat mir meine frühere Erfahrung natürlich geholfen". Nur als sich im Keller der Uni Kreuzberger Anarchisten eingeigelt hätten, "musste ein Kollege die Polizei holen".

Zwei Jahre war Riedmüller Wissenschaftssenatorin im Berliner Senat, dem ersten deutschen Parlament mit einer Frauenmehrheit - das machte Schlagzeilen. "Wir trafen uns samstags zum ,Hexenfrühstück', wir mussten ja zusammenhalten", erzählt sie. Eine Boulevardzeitung verglich, welche der Politikerinnen die schönsten Beine hätte. "Wir waren halt unserer Zeit voraus", sagt die Professorin und lacht. Das Frauenthema habe sie bei jedem Karriereschritt begleitet. "Kein Ort ist so frauenfeindlich wie die Universität", sagt sie heute noch. Jedes Mal, wenn sich jüngere Kolleginnen beworben hätten, seien Sätze gefallen wie: "Wenn die drei Kinder hat, kann die hier doch nicht lehren." Auch in ihrer wissenschaftlichen Arbeit standen Frauen im Fokus. 1984 erschien ihr Buch "Die armen Frauen", das sie zusammen mit Ilona Kickbusch geschrieben hat. Die Autorinnen prognostizieren die Altersarmut von Frauen und die Folgen von Teilzeitarbeit - bis heute ein Thema.

Für sie selbst habe die 68er-Bewegung auf jeden Fall eines bewirkt, sagt Riedmüller: "Durch die rhetorischen Schlachten haben wir gelernt, öffentlich zu reden, unsere Argumente zuzuspitzen und Diskussionen zu führen." Und die Soziologiestudenten von heute? Die seien kritisch und wachsam: "Fast alle wollen etwas verbessern und interessieren sich für sozialpolitische Fragen."

Nur in ihrer Partei, der SPD, herrsche noch immer das alte Lagerdenken - "und am Ende geht es doch nur um die Absicherung der eigenen Karriere". Und die Jusos? "Die sprechen von Erneuerung, aber wissen gar nicht, was sie damit meinen. In ihren schicken Hemden sehen sie besser aus als die Wortführer von damals mit den schmutzigen Stiefeln und Jeans, die von alleine standen. Aber sie haben keine Visionen mehr."

In der nächsten Folge am Dienstag, 24. April, geht es um den Krawall an der Kunstakademie.