bedeckt München
vgwortpixel

Streit um Reklame:Wie sexuell aufgeladen darf Werbung sein?

Großplakat auf dem Marienplatz in München, 2016

Auslöser der Debatte: Das Bikini-Model am Marienplatz ist inzwischen durch ein neues Motiv ersetzt worden.

(Foto: Stephan Rumpf)

Nicht nur in München führen großflächige Werbeplakate wie am Marienplatz zu Debatten über Sexismus und Ästhetik. Manche Orte haben Reklame schon ganz verbannt.

Es ist das Jahr 1993. Das amerikanische Model Anna Nicole Smith bewirbt an Bushaltestellen in aller Welt zauberhafte, möglicherweise aber auch entzaubernde Dessous für das schwedische Textilunternehmen Hennes & Mauritz. Und zwar in einem ostentativen Räkel-Modus, der sich offenbar unmittelbar auf jene Areale männlicher Kleinhirne auswirkt, die für Koordination und Feinmotorik zuständig sind.

Vor etlichen Bushaltestellen kam es angesichts der "Nimm-mich"-Pose (Dagmar Rosenfeld) zu Auffahrunfällen. In Norwegen ordnete das Parlament sogar an, das "verkehrsgefährdende Objekt" aus dem Verkehr zu ziehen. Zehn Jahre später, 2003, sorgte Heidi Klum als H&M-Variante in ihrer Heimatstadt auf ihre Weise für die Vandalismus-Statistik Kölns: Die entsprechenden Bikini-Plakate waren begehrte Diebesbeute - fast 200 Schaukästen wurden aufgebrochen.

Verkehrsgefährdung und Vandalismus: Das sind ja wenigstens mal zwei richtig handfeste Themen in der sonst so nebulösen Pro-und-Contra-Debatte um die gelegentlich fragwürdigen Mittel sogenannter Außenwerbung. Darunter versteht man all die Poster, Plakate oder Banderolen, die uns im öffentlichen Raum der Stadt ihre diversen Werbebotschaften zuflüstern - oder, das scheint zunehmend der Fall zu sein, zubrüllen.

Reklame

Wie in München für was geworben wird

Übrigens ist solche Werbung, früher besser bekannt als "Reklame", kein rein modernes Phänomen: Schon vor 5000 Jahren dienten Hieroglyphen auf Obelisken als Wegweiser für Reisende. Zweieinhalb Jahrtausende später meißelten ägyptische Händler Verkaufsbotschaften in Steine, die an Straßen aufgestellt wurden. Die "Billboard"-Kulturgeschichte (englisch für Plakatwand) mag am Rande der Freeways von Las Vegas ihren Zenit erleben, doch ihre Wurzeln reichen tief in die Zivilisationsgeschichte der Städte als Keimzellen des Handels.

Die Geschichte der Stadt als Marktplatz ist überhaupt sehr eng mit der Entwicklung der Ökonomie verknüpft, weshalb auch die "Ökonomie der Aufmerksamkeit" (Georg Franck) starke Verbindungslinien zum öffentlichen Raum wie zur Werbung, zum Stadt- wie zum Wirtschaftsleben aufweist.

Neben der Verkehrsgefährdung und dem Vandalismus ist in der jüngeren Geschichte der Werbungs-Rezeption einmal auch das politische Interesse staatlicher Lenkung als Motiv aufgetaucht. Das war in Peking so, als im Vorfeld der Olympischen Sommerspiele 2008 riesige Werbeplakate abmontiert wurden, auf denen kapitalistische Güter angepriesen wurden. Den Kommunisten in Peking passte dieses Image, eine Nimm-mich-Pose völlig anderer Art, ganz und gar nicht.

Einer wiederum anders gearteten Imagepflege fühlte man sich vier Jahre später in Kiew verpflichtet, in der EM-Stadt 2012. Dort wurden zwar keine Werbeposter mit spärlich bekleideten Frauen, die sich in Dessous, Apartments oder Toaster verliebt haben, verboten, aber dafür untersagte die Stadtverwaltung während der Europameisterschaft ihren Bürgern, sich auf den Balkonen in Unterwäsche zu zeigen. Dessous hin, Feinripp her. Möglicherweise ist aber die gelegentliche Unterwäsche-Präsentation auf Balkonen in der Ukraine ein gesamtgesellschaftliches Kulturgut, weshalb die Stadt nun genau das Gegenteil erreichte: Mit entblößten Brüsten protestierten Kiewer Frauen gegen das Unterwäsche-Verbot. Die Bilder davon gingen um die Welt und zeigten, wie leicht sich mit ein bisschen politischer Unterstützung ein wenig Nacktheit in totale Peinlichkeit verwandeln lässt.

Vorschriften bei Werbung

Was geht - und was nicht

Das Planungsreferat muss auffällige Werbung genehmigen.   Von Alfred Dürr

Leider kommt uns nun in München weder das norwegische Parlament noch die Stadtverwaltung von Kiew zu Hilfe. Und auch das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas wird den Streit um das 114 Quadratmeter große Bikini-Plakat am Marienplatz nicht entscheiden wollen. Das ist bedauerlich, denn wenn die Motive Verkehrsgefährdung oder Staatsgefährdung ausscheiden, muss man sich auf ein - trotz Bikini - wesentlich unschärfer umrissenes Terrain begeben. Auf diesem Boden geht es um die Differenz von Sexismus und der Ökonomie der Aufmerksamkeit auf der einen Seite - und um Stadtästhetik auf der anderen Seite. Betroffen ist ein wahrlich schwieriges Gelände.