Streit um Open Air Rebellion der Nachwuchs-Rocker

Sitzen bleiben! Aus Sicherheitsgründen darf am Olympiasee nicht mehr getanzt werden.

(Foto: Robert Haas)

Das Publikum des Theatron im Olympiapark reagiert auf das verhängte Tanzverbot ganz brav mit einer Online-Petition

Von Stephan Handel

Das Buch "Verschwende deine Jugend" von Jürgen Seipel beschreibt ein kurzes, aber heftiges Kapitel der deutschen Rockgeschichte, nämlich Beginn, Auf- sowie Abstieg der Punk-Bewegung rund um das Jahr 1980. Neben der Musik geht es um den Sänger Campino, der im Bühnen-Gestänge herumklettert, um den heutigen Schauspieler Ben Becker, der über parkende Autos läuft, es geht um Schlägereien, gekaperte Konzertsäle und um Jäki Eldorado, einen Protagonisten der Szene, der Iggy Pop bei einem Auftritt das Bein ableckte, was damals als Heldentat galt. Online-Petitionen kommen in dem ganzen Buch nicht vor.

Das liegt natürlich hauptsächlich daran, dass Anfang der Achtzigerjahre kaum jemand in Deutschland schon von diesem Internet gehört hatte. Heute ist das anders, und deshalb gibt es derzeit unter change.org eine Eingabe, in der - Stand Sonntagmittag - 1177 Menschen darum bitten, tanzen zu dürfen. Es läuft nämlich gerade der Theatron-Musiksommer, eine mehr als lobenswerte Einrichtung für junge, noch nicht so bekannte Bands und ein Publikum, das sich dafür interessiert. Allerdings hat bei der Vorbereitung irgendein dafür zuständiger Mensch von der Stadt festgestellt, dass vor der Bühne der Musikmuschel im Olympiasee ein kleines Podesterl hinbetoniert ist, 60 Zentimeter hoch, und dass diesem Podesterl entgegen aller Vorschriften ein Geländer fehlt.

Gut, dass der Mann das jetzt entdeckt hat - so konnte eine seit mehr als 40 Jahren über den Münchnern schwebende Bedrohung beseitigt werden, indem nämlich jetzt das Betreten des Podestes wegen Absturzgefahr untersagt wurde. Und weil's grad so gut ging mit dem Verbieten: Auf den Zuhörerrängen ist nicht mehr erlaubt aufzustehen, geschweige denn zu tanzen - welchen exorbitanten Risiken das Publikum in Amphitheatern ausgesetzt ist, sollte ja seit den alten Griechen bekannt sein.

Soweit, so doof, so deutsch. Der Rockkonzert-Besucher des Jahres 2015 reagiert auf solche Einschränkungen des Musikerlebnisses jedoch nicht mit der Aufforderung, man könne ihn mal am Bein lecken - nein, er startet besagte Online-Petition, in der die Obrigkeit in Person von OB Reiter untertänigst gebeten wird, gegebenenfalls zu erwägen, das Tanzverbot doch vielleicht aufzuheben, wenn's nichts ausmachen tät'.

"Wenn das verboten ist, macht man's natürlich extra", schreibt Max Goldt in anderem Zusammenhang, und tatsächlich wäre das die einzig mögliche Rock 'n' Roll-Antwort gewesen auf die Regulierung dessen, was keiner Regulierung bedarf: Das Podesterl zu entern und "dance like nobody is watching", schon gar kein Security-Mitarbeiter. Grad erst recht auf den Stufen zu stehen und abzuhotten, wenn die Musik denn danach ist - was wollen sie schon machen? Die Ränge räumen wegen erwiesener Unbotmäßigkeit? Und wenn aber was passiert? Wenn wirklich einer stürzt in den furchterregenden Abgrund von 0,6 Metern? Mund abputzen, weitermachen - so machen's ja zum Beispiel die Skater, die sich stolz ihre Schürfwunden zeigen und nicht daran denken, wegen Verstoßes gegen die Wegesicherungspflicht irgendjemanden zu verklagen, wenn es sie mal gescheit zerlegt hat. So könnten die Rock 'n' Roller vom Olympiapark eventuelle blaue Flecken tragen wie Helden-Abzeichen, und wenn sie gefragt würden, wo sie's herhaben, könnten sie raunen: "Theatron".

So wär's gegangen, und im nächsten Jahr, spätestens im übernächsten, hätte die Stadt eingesehen, dass die ganze Sperrung ein Schmarrn ist, und hätte die Trassierbänder gar nicht erst ausgerollt. Und dann wäre wieder Zeit und Platz gewesen, die Jugend zu verschwenden - mit Tanzen und mit Feiern, nicht mit dem Verfassen von Bittschriften an die Obrigkeit.