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Ehemalige Tengelmann-Zentrale:Diese Street-Art-Ausstellung verändert sich ständig

Künstler: Matthias Mross

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Im "Kunstlabor" im ehemaligen Tengelmanngebäude in Laim entwickeln sich die Werke weiter. Was es dort zu sehen gibt.

Die ehemalige Tengelmann-Zentrale an der Landsberger Straße ist seit Mitte Oktober ein "Kunstlabor". Die Ausstellung wird von Street-Art-Künstlern des Münchner "Museum of Urban and Contemporary Art" (MUCA) bespielt und dient nur als Zwischennutzung, denn das alte Bürogebäude soll bald abgerissen werden. Nun aber bekommen die Künstler einen Monat länger Zeit: Noch bis Ende Januar können Besucher die Arbeiten von mehr als 50 Künstlern in dem Bürokomplex bestaunen.

Dass eine Street-Art-Ausstellung nicht von Dauer sein kann, liegt schon fast in der Natur der Sache. Trotzdem sei ihr bange vor dem Moment, wenn die Abrissbirne kommt, sagt Stephanie Utz. Die 40-Jährige organisiert mit ihrem Lebenspartner das MUCA und engagiert sich seit 15 Jahren für Street-Art in München. Mehrere Wochen lang haben sie und ihr Team gemeinsam mit den Künstlern gewerkelt, bevor das Labor schließlich öffnete. Während der Vorbereitung musste der Ort der Ausstellung geheimgehalten werden: Zum einen wollten die Organisatoren nicht, dass schon vor der Eröffnung Besucher vorbeikommen. Und zum anderen gibt es einige Street-Artists, die anonym bleiben wollen - oder sogar müssen, weil sie ab und an über die Grenzen des Erlaubten gehen.

Die Balance zwischen Geheimhaltung und Öffentlichkeit spielt beim Kunstlabor eine wichtige Rolle. "Wir hatten natürlich einige dabei, die gerne ihre Kunst bei Instagram zeigen", berichtet Utz. Jedoch hätten alle darauf geachtet, dass sie nicht versehentlich die Identität unbekannter Künstler veröffentlichen.

Das alles passt zu einer Ausstellung über Street-Art, wie auch die besondere Dynamik dieser Zwischennutzung. Manche der Kunstwerke haben sich seit Oktober schon weiterentwickelt, andere sind neu hinzugekommen. So sind auch die Fotos auf dieser Seite vergänglich: Ob die gezeigten Kunstwerke in den kommenden Tagen noch genauso zu sehen sind - das muss jeder selbst herausfinden.

Urnen im Büroregal

Künstler: Biancoshock

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Unmengen an Akten, Tischen und Stühlen fand die Gruppe vom Muca, als sie das erste Mal das Tengelmann-Gebäude betraten. Auf den Bürotischen lagen noch aufgeschlagene Aktenordner, teilweise noch mit wichtigen Geschäftsunterlagen. "Die Menschen haben dieses Büro verlassen nach dem Motto: Nach mir die Sintflut", sagt Utz. Der Künstler Biancoshock hat in diesem Raum symbolisch die Münchner Tengelmann-Filialen beerdigt. "Filiale Landsberger Straße 390, 1867-2017" steht auf einer der Platten, hinter denen sich Urnen befinden. Inhalt: die Asche der Akten. Der Urnenschrank ist aus alten Büroregalen gebaut, und auch das Sofa kommt aus dem Tengelmann-Nachlass. Auf dem Schreibtisch gegenüber liegen Notizen aus den Neunzigerjahren, und auch ein Röhrenbildschirm darf nicht fehlen.

Ein Frage des Formats

Künstler: Fintan Magee (links), Addison Karl

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Darf Street-Art Geld kosten? Es gibt Künstler wie den berühmten Banksy, die sich entschieden dagegen wehren. Utz sieht das anders. Sie könne gut verstehen, dass Künstler ihre Kunst nicht nur auf Wände im öffentlichen Raum, sondern auch in Formate bringen, die Menschen bei sich zu Hause hinstellen können. "Die wenigsten haben die Möglichkeit, sich ein Garagentor ins Wohnzimmer zu hängen", sagt Utz. Auch bei Street-Art-Ausstellungen stellt sich die Frage, ob sie Eintritt kosten dürfen oder nicht. Laut Utz habe das Muca gar keine andere Möglichkeit, weil es keine Subventionen bekomme. "Wir wollen Kunst nicht per se einsperren", sagt Utz. Die Außenwand des Kunstlabors zieren daher die Werke dreier namhafter Künstler.

Romantische Ecke

Künstler: Patrick Hartl

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Auf dem Flur im zweiten Stock hat der freischaffende Münchner Künstler und Illustrator Patrick Hartl eine Ecke für die Abendstunden geschaffen. Sobald es dunkel wird, werden die Zeichen an der Wand und auf dem Boden von der Decke mit Schwarzlicht beleuchtet. In der Graffitiszene gilt das schon fast als Romantik. Das passt vor allem im Winter gut, denn wenn das Kunstlabor um 14 Uhr seine Türen öffnet, wird es ja schon bald dunkel. Besucher können sich an einer Bar Bier, Wein und Softdrinks kaufen, und bis 22 Uhr von Donnerstag bis Sonntag durch die Ausstellung laufen. Ein wiederkehrendes, wenn auch verstecktes Merkmal des Kunstlabors, sind übrigens die Feuerlöscher. Sie dienen nicht nur als Türstopper, wie hier rechts im Bild, sondern tauchen als Graffiti oder als Teile eines Kunstwerks in verschiedenen Räumen und Größen auf.

Farb-Explosion

Künstler: Alexander Deubl (WIP)

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Was zunächst aussieht wie eine Szene aus der Fernsehserie "Tatortreiniger", ist der Münchner Künstler Alexander Deubl in Aktion. Der gebürtige Österreicher sprühte die Farbe nicht zaghaft aus der Dose, sondern zog sich einen weißen Overall an und schleuderte die Farbe durch den gesamten Raum. Dafür drapierte er einen Lamellenvorhang im Zimmer, der nun tatsächlich aussieht, als wären vor ihm mehrere Schafe geschlachtet worden. Deubl arbeitet an einem weiteren Projekt für das Kunstlabor. Er füllt Wasser in selbsthergestellte schwarze Taschen und friert diese ein. Vom 8. Dezember an werden die Eiszapfen dann in einem Ausstellungsraum aufgehängt und tauen langsam weg - auch das ein Merkmal der Street-Artist-Szene: Kunst ist vergänglich. Momentan hängen die Säcke noch neben der Bar im Gefrierraum zwischen den Bierkästen.

Hilfreicher Hausmeister

Künstler: Lion Fleischmann

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Auf einem Flur im unteren Stockwerk hat der Münchner Künstler Lion Fleischmann, ausgebildeter Cartoonist, den Hausmeister des Bürokomplexes verewigt. Mittlerweile hat er zwar keinen Schnauzer mehr, ist aber noch immer fast jeden Tag vor Ort, um den Künstlern zu helfen. Es sei sein Verdienst, dass die leer stehenden Büroräume nicht verwüstet wurden, erzählen die Veranstalter. In seiner Hand hält der Graffiti-Hausmeister einen Schlüsselbund, an dem echte Schlüssel befestigt sind, die in den Büros gefunden wurden. An die 500 Stück lagen noch in den Räumen. Nur ein Schlüssel wurde bisher nicht gefunden, ein Tresor bleibt daher ungeöffnet. "Aber wahrscheinlich sind da auch nur Akten drin", sagt Organisatorin Stephanie Utz.

Kantine hinter Glas

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Auch die Kantine verließen die Tengelmann-Mitarbeiter so, als würden sie am nächsten Tag wiederkommen. "Es sah aus, als hätten die Menschen eben noch beim Kaffee zusammengesessen", sagt Utz über den Moment, als sie das erste Mal die Räume betraten. Um ein wenig davon zu bewahren, haben die Organisatoren eine Glasscheibe vor diese Anrichte in der Kantine geschraubt. Dort stehen noch Gläser, Tassen, teilweise kaputt, und eine Registrierkasse aus vergilbtem Plastik. In der alten Kantine befindet sich jetzt eine Bar, eine große Sitzbank mit Kissen und einem Panoramablick auf die Bahnschienen Richtung Hauptbahnhof. Abends stehen Gäste und Künstler hier zusammen. "Wenn dann ein besprühter Zug vorbeifährt, wird gejubelt", sagt Utz.

Botschaft in der Dusche

Künstler: Rocco und seine Brüder

(Foto: Alessandra Schellnegger)

"Walls create strangers" - "Mauern machen Fremde" steht in roten Buchstaben an der Wand der Duschkabine, in der sich früher Tengelmann-Angestellte reinigten, die mit Lebensmitteln zu tun hatten. Der Schriftzug ziert nicht nur die weißen Kacheln im ehemaligen Bürogebäude, Mitte 2017 stand er auf einer Steinwand, die Anwohner im Stadtteil Neuperlach zwischen ihre Häuser und eine Flüchtlingsunterkunft errichten ließen - als Lärmschutz. "Rocco und seine Brüder", Graffitikünstler und Aktivisten aus Berlin, sprühten die Losung in meterhohen Lettern auf die Mauer. Im Kunstlabor haben Rocco und seine Brüder neben dem Duschraum noch ein zweites Zimmer, in dem sie unter anderem ein Video zu der Mauer in Neuperlach zeigen.

Abgebrannt

Künstler: Kevin Lüdicke

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ein Hexagon aus Streichhölzern hängt vor einer Karte, ein anderes hat der Berliner Videokünstler Kevin Lüdicke in einen dunklen Raum vor einer weißen Wand drapiert. Sein Konzept: Vorne hängt das Streichholzhexagon, das einen Schatten auf die Wand wirft. Dort, exakt auf den Schatten, brennen die Hölzer in einem Film ab. Mit dieser Videoinstallation ist Lüdickes Raum ein Beispiel dafür, dass sich Street-Art als übergreifende Kunstform ein Stück weit von der namensgebenden Straße gelöst hat. Ein weiteres Beispiel ist der Raum 6.20. In dem Duschraum haben Adam Stubley, Vincent Wildgruber und Marius Haller eine Unterwasserwelt aufgebaut, um ein Zeichen gegen die Plastikverschmutzung der Meere zu setzen. Dafür haben sie die Waschbecken blau angesprüht, blaue Tüten wehen und ein Hai aus Frischhaltefolie schwebt an der Decke.

Volleyball in 3D

Künstler: Mina Mania

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Auch die Künstlerin Mina Mania bleibt lieber anonym. Auf Facebook und Instagram zeigt sie sich entweder beim Sprühen von hinten oder mit einer schwarzen Sturmmaske und Spraydosen in der Hand. Das scheint auch nötig zu sein, denn ihr Instagram-Account zeigt einige Graffiti an Mauern und Garagentoren. Sie stellt vor allem Frauen dar, meistens beim Sport - wie hier beim Volleyball oder beim Fußball. Eine ihrer bekannteren Figuren ist die New Yorker Freiheitsstatue, die mit einer Spraydose in der einen Hand und einem Gettoblaster in der anderen durch die Gegend spaziert. Mina Mania ist eine der wenigen Frauen, deren Werke hier im Kunstlabor zu sehen sind, die Mehrzahl der Künstler ist männlich.

Bunte Tiere

Künstler: Farid Rueda

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Wer an Street-Art denkt, hat oft Künstler wie Banksy im Kopf, die düstere Themen auf Wände bringen. Auch im Kunstlabor werden viele Installationen von ernsten Themen wie Umweltverschmutzung und Ungerechtigkeit beherrscht. Dass es auch farbenfroh geht, zeigen in der ehemaligen Tengelmann-Zentrale vor allem Künstler aus dem mittel- und südamerikanischen Raum. Dieser Löwe, neben dem noch ein Vogel ist, stammt von dem mexikanischen Street-Artist Farid Rueda, der Tiere kreiert, die aussehen, als würden sie den Betrachter aus der Wand anspringen. Einen ähnlichen Stil hat die argentinische Künstlerin Fio Silva. Für das Kunstlabor hat sie überlebensgroße Pelikane auf eine Wand gebracht, die vor einem gelb-rot-orange Hintergrund gen Decke fliegen.

© SZ vom 05.12.2018/cck

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