Süddeutsche Zeitung

Street Art in München:"Sie wollen die Stadt farbig machen"

Kampf um Präsenz und Angst vor der Polizei: Street-Art-Experte Georg Müller spricht über die Subkultur auf Münchens Straßen.

Georg Müller hat an der LMU München Volkskunde studiert. Seine Magisterarbeit hat er über das Thema "Street Art in München" geschrieben - und dafür die Note 1,7 bekommen. Uns hat der 27-Jährige erklärt, wie es um die Subkultur in München steht, wie Street Art entstanden ist und was sein Lieblingsaufkleber in der Stadt ist. Ein Protokoll.

"Street Art hat sich aus der Graffiti-Kultur heraus entwickelt. In München hat sie großen Erfolg, weil die Graffiti-Sprayer mit Repression zu kämpfen haben. Wenn man in München mit einem großen Rucksack herumläuft, jung ist und entsprechende Kleidung trägt, wird man von der Polizei ständig kontrolliert. Deswegen begannen Sprayer vor etwa zehn Jahren, Aufkleber in der Öffentlichkeit anzubringen. Ein weiterer Grund für die Entstehung von Street Art ist, dass mit Computern aufwändige Grafiken verhältnismäßig einfach produziert werden können.

Auffällig ist, dass Street Artists keine pubertierenden Kids mehr sind. Die Künstler, die ich für die Magisterarbeit interviewt habe, sind alle über 25 Jahre alt, haben einen Beruf oder studieren. Es geht ihnen um alternative Kunst im öffentlichen Raum, sie wollen die Stadt farbig machen. Sie machen sich Gedanken über das, was sie tun. Mein Lieblingsaufkleber in München ist der Schicke Vara. Darauf ist Che Guevara mit einem kapitalistischen Zylinderhut abgebildet.

Viele Street Artists sind Grafikdesigner und nutzen das Kleben, um sich im Beruf zu profilieren. Deswegen hinterlassen die Artists oft Spuren wie ihr Pseudonym oder Verweise auf Internetseiten, so dass man sie sogar aufspüren könnte. Eine weitere Facette der Street Art ist der aus dem Graffiti übernommene Kampf um Präsenz. Es geht darum, mehr und bessere Aufkleber als die anderen zu kleben.

Die Street Art wird jedoch zunehmend kommerziell unterwandert. Viele Werbekampagnen wollen mit Schablonen-Graffitis auf dem Fußgängerweg oder Aufklebern Glaubwürdigkeit bei der Zielgruppe erzielen. Sie kalkulieren dabei im Werbebudget die Kosten mit ein, um die Aufkleber wieder zu entfernen - und manchmal sogar Geldstrafen für Sachbeschädigung.

Einerseits stört es die Künstler, wenn ihre Subkultur und Kunst missbraucht wird, um Produkte zu verkaufen. Andererseits profitieren sie auch davon, weil viele selbst in der Werbebranche als Grafiker arbeiten.

Ein großes Problem in meiner Magisterarbeit stellte es dar, die Künstler für Interviews zu gewinnen. Viele halten sich bedeckt, weil sie aufgrund ihrer Graffiti-Vergangenheit Probleme mit der Polizei hatten. Mit einem Street Artists habe ich mich an der Theresienwiese verabredet. Er ist immer noch als Sprayer unterwegs und war gekleidet wie ein BWL-Student oder Banker - zur Tarnung. Denn er hatte den Rucksack voller Spraydosen und Aufkleber. Er war erst misstrauisch, weil er fürchtete, ich sei ein Zivilpolizist.

Mein Professor fand das Thema der Arbeit von Anfang an sehr interessant. Für ihn war es eine komplett neue Subkultur. Wenn ich die befragten Künstler zitiert habe, musste ich für ihn mehrmals Fußnoten machen und Begriffe übersetzen. Wörter wie "tag" (Aufkleber, Etikette, Anm. der Red.) oder "cut out" (große, aus Papier ausgeschnittene Bilder) kennen junge Leute, aber meine Eltern oder mein Professor können sich darunter nichts vorstellen.

In München ist auffällig, dass die Ultras der Münchner Fußballvereine - Cosa Nostra und Schickeria - die Vorherrschaft bei den Aufklebern übernommen haben. Die Ultragruppierungen der Münchner Vereine sind das Thema meiner Promotion geworden."

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