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Stream-Kritik zu "Retnecboj - Das unsichtbare Grauen":Toller Trip

Wie Arbeitslosigkeit zum Theater-Horror-Spaß wird

Von Yvonne Poppek

Es kommt wie ein beruhigendes Versprechen daher, doch in diesem Fall ist es eine Drohung: "Am Ende ist alles gut. Und wenn es nicht gut ist, ist es nicht das Ende." Am Anfang der Streaming-Premiere von "Retnecboj - Das unsichtbare Grauen" sind diese Sätze zu lesen. Die "Horrorcollage" hat das Regieduo "Grosse Maschen" alias Cornelia Maschner und Sofie Gross erdacht, zusammengestückelt aus Texten und eigenen Ideen, produziert von Das Vinzenz und Theater Werkmünchen. Entstanden ist eine wendige Inszenierung fürs Netz, filmisch, ohne den Theaterursprung zu verleugnen. Die 75 Minuten sind ein beeindruckender Beweis, wie es einer kleinen Privattheater-Produktion gelingen kann, mit den Streams öffentlich subventionierter Häuser mitzuhalten.

Maschner und Gross haben ihr Konzept der Situation angepasst und dazu auf wunderbare Schauspieler gesetzt. Ihr Thema ist der soziale Missstand, den sie in diesem Fall an der Arbeitslosigkeit aufzeigen. Ihre Hauptfigur Hannah Gebhardt (Maria Lüthi) wird entlassen und gerät in einen Abwärtsstrudel, in dem sie sich nicht mehr zurecht findet. Bei ihrem Niedergang fühlt man sich unweigerlich an Kafka erinnert. Die Protagonistin durchschreitet albtraumhafte Räume, wird in absurde Verhöre verwickelt, der Horror muss hier nicht mit viel Blut inszeniert werden, da reicht auch mal die Warteschleife des Arbeitsamts.

Gefilmt wurde im wandlungsfähigen Theaterraum, Pius Neumaier spielt mit verschiedenen Kameraperspektiven, unterstreicht die Dynamik dieser temporeichen, oft sarkastischen, überzeichneten Produktion. Was Arbeitslosigkeit bedeuten kann, geht hier tiefer, als in einer Doku. Eines verweigert der Abend naturgemäß: ein gutes Ende. Auf eine Neues!

© SZ vom 15.04.2021/van
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