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Stream-Kritik:Kunst des Wollens

Studierende der Theaterakademie August Everding singen Arien

Von Rita Argauer

Auf die Bühne treten und Kunstfertigkeit in Kunst umzusetzen, dieser Schritt ist nötig. Auch jetzt. Das merkt man den Studierenden des Masterstudiengangs "Musiktheater/Operngesang" der Theaterakademie August Everding an. "Arien Zeigen" heißt das Konzert, das live aus dem leeren Prinzregententheater gestreamt wird. Die Aufregung und die Euphorie der jungen Sänger gehört zum Bühnenberuf, sie lassen die Arien knistern und die Luft zittern.

Nur zu Klavierbegleitung zeigt Ayelet Kagan so in der Arie "Che fiero momento" aus Glucks "Orpheo" die Ambivalenz zwischen harscher Bestimmtheit und weicher Melancholie auch stimmlich, wobei sie dabei noch ein bisschen verkrampft wirkt. Die Nannetta aus Verdis "Falstaff" ist leichter, offener und fließt etwas mehr bei ihr. Dazwischen gibt Camilla Saba Davies mit "Wo bin ich" aus Humperdincks "Hänsel und Gretel" diesem eigentlich etwas naiven Stück eine schöne Ernsthaftigkeit. Dem leichteren Fach widmet sich auch Caspar Krieger, der das Konzert etwas zopfig, aber mit schön kräftigem Tenor in Johann Strauß' "Zigeunerbaron" eröffnet.

In diesem Stadium einer Sängerkarriere ist auch schön zu hören, wie viel Kontrolle das künstlerische Wollen schon über die Gesangsausübung bekommen hat. Ganz weit ist Daria Kalinia: Sie singt die Gilda aus Verdis "Rigoletto". Ihr sicherer Sopran ergießt sich wie von selbst in den Raum. Sie weiß, wann sie die Stimme zurücknehmen kann und beeindruckt in den Koloraturen. Ebenso Jacoba Barber-Rozema, die das einzig zeitgenössische Stück singt: die Alice aus Tom Cipullos Vietnam-Oper "Glory Denied" (2007). Sie gibt den neuen Klängen Dringlichkeit und erschafft narrative Kraft. Auch Franziska Weber gewinnt in der Moderne mit der schizophrenen Anna-Arie aus Weills und Brechts "Sieben Todsünden". An den sanglich schwierigen Mozart (Arie der Servilia) wagt sich Anna Magdalena Rauer. Sie hat ein dunkles Timbre, mit dem sie die Musik gut trifft. Dann überrollt sie der technische Anspruch bei Rossini. Und doch: Der Wert auch solcher Erfahrungen für die künstlerische Ausbildung wird noch einmal klarer.

© SZ vom 25.01.2021
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