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Stream-Kritik:Grenzenlos

Die Band "Spirit Fest" spielt simultan in München und Tokio

Von Dirk Wagner

Eigentlich waren die beiden am Freitag auf der Webseite der Kammerspiele gezeigten Konzerte von Spirit Fest wie die meisten Live-Streams während der Pandemie nur eine Notlösung. Weil die Bandmitglieder noch dazu auf Deutschland, England und Japan verteilt leben, war es ihnen wegen der Reisebedingungen für Nichtfußballspieler und Nicht-Olympiateilnehmer nicht einmal möglich, gemeinsam auf einer Bühne zu spielen. Stattdessen nutzten die deutschen Musiker Markus Acher (The Notwist) und Cico Beck (Aloa Input) zusammen mit den japanischen Mitgliedern Saya und Takashi Ueno (Tenniscoats) das Internet für zwei Simultan-Konzerte um 16 und 21 Uhr. Die deutsche Hälfte gastierte in den Kammerspielen, derweil die Japaner aus einem Studio in Tokio dazu spielten. Weil aber selbst die schnellste Internetverbindung für die Übertragung der Ton- und Bildsignale über 9370 Kilometer hin und zurück Zeit braucht, kam es im Zusammenspiel natürlich zu Verzögerungen, die der Tonmeister Wolfram Schild und sein Team technisch raffiniert zu kaschieren verstanden. Ähnliches gelang 1985 schon Eberhard Schoener, als er Musiker im japanischen Tsukuba und im Münchner BMW-Museum via Satellit zusammen spielen ließ. Doch die vertraute Art, mit der die Musiker von Spirit Fest nun trotz der Distanz auf einander reagierten, um dann exakt aufeinander abgestimmte Zwiegesänge zu wagen, ließ beinahe schon vergessen, wie sehr die Pandemie die Musiker gerade trennt.

Genau darin lag eine besondere Poesie der Simultankonzerte, die die corona-bedingte Trennung samt der enormen Entfernung zwischen den Musikern ebenso thematisierten wie die zärtliche Nähe, die ihnen im gemeinsamen Musizieren dennoch gelang. So gesehen wurde aus der Notlösung "Live-Stream" ein weiteres Stilmittel, das das grenzenlose Klangerleben von Spirit Fest unterstreicht.

© SZ vom 03.05.2021
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