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Stream-Kritik:Faust zu Haus

Das Live-im-Netz-Experiment der Münchner Kammerspiele

Julia Riedler schaut ausgesprochen freundlich in die Kamera. Riesengroß ist ihr Gesicht, beugt sie sich vor, füllt es den ganzen Bildschirm, lehnt sie sich zurück, sieht man, dass sie eine schwarz-weiß gefleckte Kuhjacke trägt und hinter ihr ein Bücherregal steht. Viele Bücher. Am auffälligsten: ein Japan-Reiseführer. Da kann man jetzt auch nicht hin, nach Japan, nirgendwo kann man hin, deshalb kommt der Faust ins Haus. Denn Julia Riedler ist Heinrich Faust, ist auch eine der Fäuste in Leonie Böhms "Yung Faust"-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen. Die gibt es momentan ja nur als Erinnerung, aber damit wollten sich vier der darin Mitwirkenden nicht zufrieden geben. Und erfanden mit Böhms Inszenierung im Hinterkopf nun eine Home-Theater-Variante: Vier Theatermenschen sitzen zu Hause, schauen und sprechen in die Kamera, die Technik fügt sie zusammen, alles live.

Erst einmal ist Riedler allein und denkt mit Goethes Worten über Fausts Drängen nach. "Ist da irgendjemand?" Ja, Benjamin Radjaipour, der in einem zweiten Fenster auf dem Bildschirm hinter Tulpen hervorlugt und singt. Dann kommen hinzu: Annette Paulmann in einer sehr leeren Wohnung, der Musiker Johannes Rieder in einer alpin anmutenden Wohnstube. Vier Fenster, vier Personen, die mit Goethes Worten miteinander reden, ein bisschen Faxen machen, bis sie den Kanal öffnen und ganz viele Fensterchen erscheinen, mit grinsenden, lustigen Menschen, größtenteils ebenfalls von den Kammerspielen.

Das ist sehr wirr und bringt nichts, deswegen geht Julia Riedler lieber angezogen in der Badewanne duschen und bald schmeißen die Vier die Gäste auch wieder raus. Dann entsteht etwas sehr Schönes. Keine Aufführung, aber eine verblüffende Nähe zu den vier Menschen, die ihr Hirn nach Goethes Drama durchforsten und mit der jetzigen Situation verflechten. Man ist nicht allein.

© SZ vom 26.03.2020
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