Stellensuche Mehr als ein Dienstleister

Daria Rühl und Sebastian Halden machen mit den Flüchtlingen Interviews, helfen beim Lebenslauf schreiben und beim Bewerbungsgespräch.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Daria Rühl, 28, und Sebastian Halden, 26, leiten den Verein Stay Welcome, der Flüchtlingen Jobs vermittelt

Von Jacqueline Lang

Willkommenskultur. Im Herbst 2015 sprachen alle davon. Knapp eineinhalb Jahre später hat sich die Gesellschaft, so scheint es, in zwei Lager geteilt: Jene, die immer noch sagen, wir schaffen das, und jene, die sagen, wir haben genug geschafft. Daria Rühl, 28, und Sebastian Halden, 26, gehören zu denen, die nach wie vor etwas schaffen wollen.

Ihr Verein Stay Welcome unterstützt Flüchtlinge mit einer Arbeitserlaubnis dabei, einen Job zu finden - und das kostenlos. Gegründet wurde der Verein 2015 ursprünglich als private Organisation von Mitarbeitern des IT- und Technologieberatungsunternehmens Netlight Consulting. Die Gründer Aurelia Schülen und Christian Klugow sind aber seit der offiziellen Vereinsgründung im vergangenen Sommer nur noch unterstützend tätig. Seit der Gründung von Stay Welcome wurden bereits 39 Teilzeitstellen, 37 Festanstellungen, 25 Minijobs, in etwa ebenso viele Praktika sowie vier Ausbildungsplätze vergeben, sagt Sebastian. Wäre die Zusammenarbeit mit den Ämtern nicht immer wieder von Rückschlägen gekennzeichnet, wenn Flüchtlinge etwa nicht bleiben dürfen, könnte der Verein deutlich mehr Menschen zu einem Job verhelfen. Jede Woche könnten sie mindestens 30 Beratungsgespräche führen, sagt Sebastian, ein Mann mit Pausbäckchen und einem Dreitagebart. Da unter den Bewerbern aber auch viele aus dem Senegal oder Mali seien, die keine Arbeitserlaubnis bekämen, müssten sie diese häufig wieder nach Hause schicken - und das, obwohl ihre Chancen, nach einem abgeschlossenen Verfahren nicht einmal schlecht stünden, in Deutschland bleiben zu dürfen. In anderen Fällen werde zwar ein Antrag auf unbezahlte Probearbeit genehmigt, eine Festanstellung im gleichen Betrieb aber abgelehnt. Sebastian kann über solche Entscheidungen nur den Kopf schütteln.

Seit Februar 2016 gelangen immer weniger Menschen über die sogenannte Balkanroute nach Deutschland, weil Länder wie Mazedonien und Ungarn die Grenzen geschlossen haben. Genug zu tun haben Daria und Sebastian als Hauptverantwortliche des Vereins dennoch. Kommt ein Flüchtling mit Arbeitserlaubnis zu ihnen, verfahren sie nach dem immer gleichen Prinzip: Zunächst werden Interviews geführt, um Fähigkeiten und Sprachkenntnisse der Flüchtlinge zu prüfen. Gleichzeitig wird erfragt, welche Vorstellungen die Bewerber - meistens sind es junge Männer - haben und wo sie sich in den nächsten fünf Jahren sehen. Im Anschluss wird gemeinsam ein Lebenslauf geschrieben und bei Erfolg werden die Flüchtlinge zu den Bewerbungsgesprächen begleitet. "Uns ist es am liebsten, wenn wir die Leute genau dreimal sehen: Beim Interview, beim Lebenslauf schreiben und beim Bewerbungsgespräch", sagt Sebastian.

In der Praxis ist es aber nicht ganz so einfach: Einige der Flüchtlinge, die zu ihnen kommen, brauchen nur einen kleinen Schubs in die richtige Richtung. Sie wollen lediglich wissen, wo sie am besten ein Bewerbungsfoto machen können. Andere hingegen brauchen mehr Hilfe. Nach einem befristeten Vertrag, der nicht verlängert wird, kommen sie wieder zu Sebastian und Daria und wissen nicht weiter.

Seit immer mehr, unter ihnen vor allem Afghanen, trotz Arbeit in ihr Heimatland abgeschoben werden, ist die Verunsicherung groß. Lohnt es sich überhaupt, sich zu bemühen, fragen sie. Sebastian kann dann nur versuchen zu beschwichtigen. Was bringe es denn, schon Angst vor einer Abschiebung zu haben, bevor man im Flieger sitze, sagt er. Dass Sebastian für viele oft weit mehr ist als nur ein reiner Dienstleister, merkt man auch daran, dass viele der Flüchtlinge auch dann, wenn sie bereits einen Job haben, immer noch regelmäßig Fotos und Videos per Whatsapp schicken.

Der gelernte Versicherungskaufmann ist aber trotz seines sozialen Engagements kein Träumer. Von einem uneingeschränkten Bleiberecht für alle hält er nichts. Wer keinen akuten Fluchtgrund habe, müsse wieder ausreisen, um jenen, in deren Heimat nachweislich Krieg herrscht und jenen, die zu Hause verfolgt werden, Platz zu machen. Selbst dann, wenn er oder sie schon bestens integriert sei, sagt Sebastian.

Weil der Verein Stay Welcome für die Vermittlung der Flüchtlinge kein Geld verlangt, sind Daria und Sebastian auf Spendengelder angewiesen. Netlight Consulting stellt den beiden kostenlos einen Arbeitsplatz zur Verfügung und kommt für die je 1 500 Euro auf, die sich Daria und Sebastian monatlich auszahlen. In einer Stadt wie München reicht das aber nicht zum Leben. Erst recht nicht, wenn man, wie Sebastian bereits Papa oder wie Daria hochschwanger ist. Um effizienter arbeiten zu können, soll eine weitere Vollzeitkraft eingestellt werden, die aber letztlich nur Daria ersetzen wird, da sie von Mai an zunächst eine Weile in den Mutterschutz gehen wird.

Die Finanzierung ist aktuell eines der größten Probleme des Vereins. Bis Ende des Jahres seien alle Kosten gedeckt, wie es danach mit dem Verein weitergehe, sei ungewiss. Da sich auch die rechtliche Lage der Flüchtlinge ständig ändere, mache es aber sowieso keinen Sinn, länger als ein Jahr im Voraus zu planen, sagt Sebastian.

Sebastians Vertrag läuft im Oktober aus. Gerne würde er auch danach noch für den Verein arbeiten. Wichtig ist ihm aber auch, den nötigen Elan nicht zu verlieren. Bevor er so wird, wie die vielen gelangweilten Beamten auf den Ämtern, mit denen sie so oft zusammenarbeiten müssen, sagt er, will er lieber freiwillig aufhören. Eines ist für Sebastian aber ganz klar: "Ich will was Nachhaltiges mit Menschen machen."

Unabhängig davon, wie es für sie selbst weitergeht, hoffen Daria und Sebastian aber auf eines: Dass der Verein Stay Welcome solange Bestand hat, wie die Notwendigkeit für ein solches Angebot für Flüchtlinge besteht. Denn selbst wenn heute niemand mehr von einer Willkommenskultur spricht, findet Sebastian, so leben doch Tausende Flüchtlinge in Deutschland. Menschen, die sich selbst und ihre Familien ernähren müssen, die arbeiten wollen. Menschen, die ihren Platz in dieser Gesellschaft suchen.