Neues Theaterstück von Stefan KastnerBühnenwunder mit Dackel und Nilpferd

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Mit Selbstverstänlichkeit durch Stefan Kastners Kunstsprache: Julia Gröbl, Rainer Haustein und Burkhard Kosche in „Giesing Mountain“.
Mit Selbstverstänlichkeit durch Stefan Kastners Kunstsprache: Julia Gröbl, Rainer Haustein und Burkhard Kosche in „Giesing Mountain“. Veronika Eckbauer

Sensation im Hofspielhaus: Mit „Giesing Mountain“ ist Stefan Kastner endgültig im Kanon höchster bairischer Theaterkunst angekommen.

Von Egbert Tholl

Kurz nach der Pause, die man nur mühsam übersteht, weil man keine Unterbrechung will in dieser in ihrer Wunderhaftigkeit kaum umfassend rezipierbaren Aufführung, gibt es ein Gespräch, das in seiner sprachphilosophischen Tiefe auch Karl Valentin Bewunderung abgerungen hätte. Was heißt da übrigens Gespräch, es ist eine mehrstimmige Sprachfuge in einem grandiosen Tempo nüchternen Wahnsinns, komponiert und inszeniert von Stefan Kastner, orchestriert durch Isabell Kott, Rainer Haustein, Burkhard Kosche und Julia Gröbl.

Also. Die Moni (Gröbl) war früher die DJ Princess Moni und hat im Baracuda aufgelegt. Da sind aber der Benni (Kosche) und der jetzige Präsident des FC Giesing (Haustein) nie reingekommen (typisches Phänomen des Münchens der Achtzigerjahre). Jetzt aber stehen die Moni, der Benni und die Ella (Kott) in der Wohnung vom Präsidenten und wollen dort unterkommen, was dem zunächst nicht recht ist. Aber da die Moni vermutlich vom Glenn Gould aus Toronto dessen Dauerkarte für den TSV 1860 kriegen kann, wird der Präsident weich. Und es entspinnt sich ein Gespräch (Sprachfuge!) über einen Hund. Der Benni, früher im Thomanerchor, hat eben auf der Beerdigung vom Winnie gesungen. Der war ein Dackel. Der Präsident kennt aber nur einen Willy, der ist ein Cockerspaniel. Es tät’ ihm schon leid, wenn jetzt der Willy gestorben wäre, aber tot ist ja der Winnie, der da überhaupt nicht nachtragend ist. Und dann spielt noch die Haarfarbe der Frauchen mit rein.

Wenn man das so aufschreibt, kommt man der exzeptionelle Qualität der Aufführung nicht hinterher. Stefan Kastner hat mit seinem neuen Stück „Giesing Mountain“ etwas erschaffen, das nur er kann: Er hat sich abermals übertroffen. Jetzt gehört er endgültig zum Kanon zeitgenössischer bairischer Dramenliteratur bester Güte. Gäbe es Gerechtigkeit auf der Welt, dann würde das Kastner-Stück an den Kammerspielen laufen, statt dem treuherzigen Maxi Schafroth, oder am Resi, aber es läuft im Hofspielhaus, was auch sehr schön ist.

Vor zehn Jahren hat Christiane Brammer das Hofspielhaus eröffnet, mit Kastners „Die Sphinx von Giesing“, woran nun „Giesing Mountain“ in seiner abermals bis weit in die (Vor)Antike zurückreichenden Spurensuche anknüpft. Damals schon waren Rainer Haustein und Isabell Kott mit dabei, wie damals sind sie fantastisch. Haustein mit der allergrößten Selbstverständlichkeit im Umgang mit Kastners Kunstsprache (Kunstsprache wie von Werner Schwab oder Horváth), Kott mit der allerhellsten, luziden Durchdringung selbiger. Ihre Ella denkt einmal darüber nach, wie die Tiere aus dem Tierpark ausbüxen, was leicht ist, weil die Wärter immer am Feiern sind, und in die Alte Pinakothek gehen.

Da sieht dann ein Nilpferd ein Nilpferd, sagen wir mal gemalt von Rubens, was für ein Nilpferd ein existenzieller, wahrnehmungsästhetischer Schock sein muss, weil das Nilpferd ja bis dato nur Nilpferde, aber nicht deren Abbild kennt. Andererseits stellt der Bernhardiner Lord Nelson mit den Bergziegen die Schlacht von Trafalgar nach.

Der Irrsinn hat uhrwerkhafte Methode

Alles ist nicht nur das, was es scheint, darin liegt die Kastner’sche Welterkenntnis. Der Giesinger Berg droht abzurutschen und die unter ihm liegende Hafeneinfahrt von Alexandria freizulegen, der Präsident sorgt vor wie ein Prepper. Bei den Stadtwerken kann man inzwischen nicht nur Busfahren, sondern auch Schauspielen lernen. Die Aneinanderreihung der Motive ist völlig klar, kurze Filme schleichen sich in die Aufführung, Figuren treten aus dem Film auf die Bühne und umgekehrt, eine große Schar bester Akteure wuselt da herum. Die Sphinx selbst (Brammer) wird wegen der Renovierung des Stadtmuseums von dort in eine Reinigung gebracht, ihre Tochter Ella passt auf, die Oma (Inge Rassaerts) schimpft im Altenheim. Und ach, der Winnie war der Dackel von Michaela May.

Nach Jahrzehnten Theater beherrscht Kastner sein Handwerk, der Irrsinn hat uhrwerkhafte Methode. Daneben steht stets höchste Kunst. Burkhard Kosche singt „Jerusalem“ aus Mendelssohns „Paulus“-Oratorium.

Giesing Mountain, nächster Termin, Freitag, 21. November, 20 Uhr, Hofspielhaus, Falkenturmstraße 8, mehrere Termine bis 1. März

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