Der Abend hätte schlechter nicht beginnen können. Florian Silbereisen – mit Grippe im Bett. Markus Söder – auf dem Weg nach Berlin, zum „Ampel-Requiem“. Joachim Herrmann, der immer so schön „Griechischer Wein“ singt – auch nicht da. Dann ist da noch ein Gastgeber, der das Land im wirtschaftlichen Niedergang sieht. Und vor der Türe eine lange Schlange – wer seinen Mantel an der Outdoor-Garderobe bereits abgegeben hat, muss ein wenig zittern, bis er/sie zur Begrüßung bei Blitzlichtgewitter in warme Arme geschlossen wird.
Aber dann? Wird alles gut. Natürlich. Denn der Gastgeber heißt Stavros Kostantinidis und die Gastgeberin Saskia Greipl-Kostantinidis. Das Paar spricht selbst davon, ein „organisiertes Chaos“ zu veranstalten – in Wahrheit aber ist ihr Benefiz-Weihnachtsessen, formerly known as Zicklein-Essen, ein Must-have der guten, betuchten Gesellschaft. Ein Fixpunkt im Adventskalender von Menschen, deren Wichtigkeit und oft auch Glamour in München und über München hinaus strahlt. Etwa 300 Gäste von A wie Hubert Aiwanger (Staatsminister) bis Z wie Ivan Zafirov (Store Manager Gucci) stehen denn auch überpünktlich am Montagabend zum Defilee vor dem Restaurant Reitschule am Englischen Garten an.

Will man wissen, wer dieser Stavros Kostantinidis eigentlich ist, dann lässt einen der Blick in elektronische wie bunte Nachschlagewerke aufs Schönste fantasieren. Da ist immer die Rede von griechischem Charme, vom Netzwerker und Strippenzieher. Es gibt keinen Promi, neben dem das Paar nicht fotografiert ist. Keine Staatenlenkerin, Ministerin oder Präsidenten, die den Mann, der hauptamtlich als Anwalt für Vertrags- und Gesellschaftsrecht tätig ist, nicht auf Fotos anstrahlen.
Wer zu seinem vorweihnachtlichen Event eingeladen wird, ist drin. Oder auch mal draußen, wie etwa der Investoren-Pleitier René Benko und andere. Ein Kostantinidis läuft übrigens auch nicht zum exklusiven Wiesn-Anstich, für den er selbstverständlich eine Karte hat. Nein, er wird gefahren, von Kutschen – und wenn da mal ein Ehrengast neben ihm sitzt, der schwierige Beziehungen zum, sagen wir mal, chinesischen Regime hat, wird ihm das schnell nachgesehen. Netzwerken heißt halt, das Netz sehr weit auszuwerfen.

Zum Inventar des fröhlichen Dinners in der Reitschule (statt Zicklein werden inzwischen Platten mit Tsatsiki, Pulpo, Lammkoteletts und Co. aufgetischt) gehört stets der bayerische Ministerpräsident und etwa sein halbes Kabinett. Ebenso wie der – heute kranke – Sänger Florian Silbereisen, gerne ist auch DJ Ötzi mit von der Partie. Und somit kämen wir zu ein paar Punkten, warum dann doch alles gut wird. Statt deren Lobgesang auf griechischen Wein gemeinsam mit dem bayerischen Innenminister darf am Montag ein weiblicher Überraschungsgast ans Mikro: Vicky Leandros, die im Goldlamettakleid lieblichere griechische Weisen anstimmt. Gut auch, dass der Ministerpräsident wegen Abwesenheit nicht in Versuchung kommt, seinen Weihnachtspulli mit eigenem Konterfei anzuziehen, Koteletts auf Instagram zu posten oder vor Begeisterung einen Kniefall vor den Gastgebern hinzulegen. Nach seiner Warschau-Reise wäre er da ja in Übung.

Eine überaus positive Bilanz zieht denn auch Kostantinidis in seiner Weihnachtsansprache: Insgesamt 16 Millionen Euro Spenden für wohltätige Zwecke hat er über all die Jahre bei seinen Gästen eingesammelt. Im vergangenen Jahr gab es den Rekord von 1,145 Millionen Euro. Auf unnachgiebig-charmante Weise sammelt der Gastgeber auch an diesem Abend: 900 000 Euro kommen bei seinem Beutezug entlang der fein gedeckten Tische zusammen. Hier 25 000 Euro vom IHK-Präsidenten Klaus Lutz, dort 50 000 Euro von den Giesecke-Devrient-Chefs Mitschke-Collande, 15 000 Euro vom Hapag-Lloyd-Vorstand Mark Frese, 10 000 Euro von der Messe München, und so weiter.

Die Spenden kommen in diesem Jahr zwei Stiftungen für Münchner Kinder zugute: Die Josef-Schörghuber-Stiftung erhält 600 000 Euro, die Stiftung s’ Münchner Herz 300 000 Euro. Natürlich ist die gesamte Familie Schörghuber im Saale (Alexandra, Michaela, Florian) und es gibt so auch nur leises Geraune an den Tischen, warum die Stiftung eines Unternehmens mit einer Bilanzsumme von 4,96 Milliarden Euro bedacht wird. Aber es geht doch um Münchner Kinder. Und auch an diesem Abend gilt: Die Mittel heiligen den Zweck, ach, falsch, der Zweck heiligt die Mittel.
Wirtschaftlicher Niedergang? Da war doch was? Gastgeber Kostantinidis holt noch aus gegen illegale Migration: „Migration ist wichtig für dieses Land. Nur nicht Migration von Arbeitsunwilligen, sondern von Menschen, die sich in unsere Kultur integrieren möchten.“ Positivbeispiele säßen an den Tischen: „Wir hätten keine Ministerin Michaela Kaniber, wenn ihr Papa und ihre Mama nicht nach Deutschland aus Kroatien migriert hätten, auch nicht den Augenarzt Socrates Dimitriou mit seinen 28 Praxen und Kliniken in München, auch nicht Dimitrios Bachadakis von der CIP Holding mit seinem voll digitalisierten E-Bike, nicht Grazia Vittadini, Vorstand der Lufthansa, oder die Vizepräsidentin der LMU, Francesca Biagini.“ Darauf ein „Jámas“, griechisch „Zum Wohl“.

