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Start-up:Gegrillte Grillen - frisch geröstet am Ostbahnhof

"Iss oder zirp" lautet der Slogan von Mathias Rasch (li.) und Josef Hirte. Ihre Firma "Wicked Cricket" bietet Grillen mit Salz, Pfeffer oder Kräutern an.

(Foto: Julian Schoell/oh)

Mathias Rasch und Josef Hirte verkaufen die Insekten als Snack - und wollen damit vor allem ökologisches Bewusstsein schaffen.

Gleich vorweg: Grillen schmecken etwa wie trockene Shrimps. Das Münchner Unternehmen "Wicked Cricket" (zu deutsch "schrille Grille") bietet sie mit Salz, mit rosa Pfeffer aus Brasilien oder mit Allgäuer Kräutern an. Geröstet und gewürzt kosten sieben Gramm 3,99 Euro. Josef Hirte, 31, Physiker, und Mathias Rasch, 29, Lehrer, verkaufen seit Mai von München aus ihre Grillen im Internet. "Iss oder zirp" lautet ihr Slogan.

Etwa zwei Milliarden Menschen weltweit essen regelmäßig Insekten. Denen stehen aber etwa fünf Milliarden Menschen gegenüber, die das nicht tun. Ein Besuch im Werksviertel am Ostbahnhof, wo die beiden ihre Ware auch in einem der Container anbieten.

SZ: Heuschrecken als Snack - ist das jetzt Effekthascherei?

Josef Hirte: Nein, das ist ernst gemeint. Den Anstoß dazu hat uns ein Artikel der "Food and Agriculture Organisation" der UN gegeben, in dem stand, dass man sich auch in Mitteleuropa daran gewöhnen sollte, für tierisches Eiweiß auch auf Insekten zurückzugreifen. Und wir haben von Anfang an gesagt, dass wir von diesem Dschungelcamp-Image wegkommen wollen.

Werden Grillen dann irgendwann die Chips vor dem Fernseher verdrängen?

Hirte: Wenn wir durch unser Projekt bewirken, dass mehr Menschen weniger Fleisch essen, haben wir schon was erreicht. Wir wollen den Speiseplan erweitern und auch ein ökologisches Bewusstsein schaffen, ein Bewusstsein dafür, wie viel Energie und Ressourcen das kostet, was man so konsumiert.

Warum sieht man Insekten hier nicht im Supermarktregal?

Hirte: Die Novel-Food-Verordnung sieht vor, dass jedes Lebensmittel, das vor 1997 in der Europäischen Gemeinschaft noch nicht nennenswert für den menschlichen Verzehr verwendet wurde, zertifiziert werden muss, bevor es auf den Markt kommt. Damit es nicht womöglich der Gesundheit schadet. 2018 wird die Novel-Food-Verordnung aktualisiert und Insekten werden dann explizit mit aufgenommen. Die Schweiz hat vor Kurzem drei Insektenarten als Lebensmittel zugelassen. Dort gibt es jetzt zum Beispiel Insekten in Schokolade im Supermarkt zu kaufen.

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Schokolade mit Insekten-Füllung? Und das für das ökologische Bewusstsein.

Mathias Rasch: Es geht uns um die Nachhaltigkeit. Wenn Sie tierische Eiweiße zu sich nehmen wollen, weil Sie zum Beispiel viel Sport machen, dann müssen Sie sich entscheiden: Für ein Kilo Fleisch braucht man etwa zehn Kilo Futter für die Kuh, fünf für das Schwein und zweieinhalb für das Huhn. Für ein Kilo Grillen braucht man nur 1,7 Kilogramm Futter. Es geht auch um das Wasser, gerade in Zeiten von Knappheit. Für ein Kilo Fleisch braucht man bei Rindern im weltweiten Mittel ungefähr 15 000 Liter, bei Grillen vier bis fünf.

In der Neuen Zürcher Zeitung stand, dass die Insekten, die es bräuchte, um den Eiweißbedarf der Schweiz zu decken, so viel Grün fressen würden, dass sich der klimafreundliche Effekt wieder aufhebt.

Rasch: Das klingt wie eine Milchmädchenrechnung. Dass ein Insekt weniger Futter als eine Kuh braucht, ist erwiesen.

Sie hielten sich zunächst Grillen im Keller ihrer Wohngemeinschaft in der Maxvorstadt.

Hirte: Ja, die erste Kiste haben wir in einem Tierfachgeschäft gekauft. Eigentlich waren sie als Futter für Echsen oder Schlangen gedacht, Heimchen werden sie genannt.

Rasch: Diese Tierfutter-Heimchen will man aber nicht essen, denn Speiseinsekten werden besser ernährt: vegetarisch, mit Obst, Gemüse und Getreide. Unserem jetzigen Großhändler zufolge, der Insekten von europäischen Farmen verkauft, ist das hier vorgeschrieben.

Kann man sich die Insektenzucht-Expertise in ein paar Tagen anlesen? Sie sind ja mittlerweile raus aus dem Keller Ihres Wohnhauses.

Rasch: Man braucht schon Erfahrung. Wir haben auch ein paar Anläufe gebraucht, etwa als sich die Grillen gegenseitig ihre Eier weggefressen haben. Wenn es zu feucht ist, geht es ihnen nicht gut, und wenn es zu trocken ist, verdursten sie.

Hirte: Den Keller haben wir verlassen, weil das kein Platz ist, an dem man Lebensmittel herstellen darf. Das Ganze war zunächst nur ein Experiment. Wir lassen uns jetzt von einem Großhändler beliefern.

Wie sind die Reaktionen auf Ihr Produkt?

Hirte: Überraschend positiv, bis auf ein paar Ausnahmen, die sich von vornherein nicht darauf einlassen wollen.

Und woran erkennt man eine gute Grille?

Rasch: Sie darf nicht zu groß sein, damit die Flügel und Beine nicht so ausgeprägt sind, und sie eher noch wie eine Pistazie aussieht. Sie muss leicht knusprig sein, einen nussigen Geschmack haben und darf nicht nach Tierfutter schmecken. Wir hatten einmal Heuschrecken aus Thailand, und die schmeckten echt nach Hühnerfutter - weil die das eben gefüttert bekamen.