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Zum 100. Geburtstag:Lothar-Günther Buchheim - ein Genie, das am Campingtisch zauberte

Bizarre Geschichten ranken sich um den Maler, Sammler und "Das Boot"-Autor. Ein Treffen mit Weggefährten wie seinem Fahrer Waldemar Rejmer und Jazzer Klaus Doldinger.

Von Gerhard Summer, Bernried

Armseligkeit und Überfluss lagen nahe beieinander in dieser Zauberbude. Auf der Toilette hing ein Picasso, Bilder von Karl Schmidt-Rottluff, Kitsch und Krimskrams verteilten sich übers ganze Haus. Die überquellenden Regale hatte der Hausherr aus alten Latten und Brettern zusammengeschraubt, die Schreibtische waren aus Pressspan. In einem Bauernschrank versteckte er seinen Fernseher, weil er keine Gebühren zahlen wollte. Und seine Besucher empfing Lothar-Günther Buchheim, dessen Geburtstag sich am 6. Februar zum 100. Mal jährt, an einem Campingtisch, ob es sich nun um Bundeskanzler Helmut Kohl, Ministerpräsident Edmund Stoiber oder den eigenen Hausmeister handelte. Ja, an einem läppischen Campingtisch. "Alles was den täglichen Gebrauch anging, war er extrem bescheiden", sagt Daniel J. Schreiber, Direktor des Bernrieder Buchheim-Museums.

Gerhard Schröders Stippvisite in Feldafing hat Buchheim in einem Farbfoto festgehalten. Der damalige SPD-Kanzler hockt mit leicht amüsiertem Blick an dem kümmerlichen Möbelstück, um ihn herum ist ein Chaos aus Zeitschriften, Briefen, Fotos, Büchern. Und auf dem Boden liegen Schreiben von Gemeinden aus ganz Deutschland, die sich nach dem Feldafinger Bürgerentscheid 1997 gegen das Buchheim-Museum als alternative Standorte für das Haus empfahlen. Auch Klaus Doldinger nahm an diesem Form gewordenen Stilbruch Platz, der weltbekannte Jazzer aus Icking, der die Musik zum Klassiker "Das Boot" nach Buchheims Bestseller geschrieben hat. Und Waldemar Rejmer, heute 57, und Winfried Englisch, 68, falteten ihre Beine ebenfalls unter die resopalbraune Tischplatte.

Bernried Buchheim Museum

Buchheims Welt: das Esszimmer des Künstlers, das in Bernried wieder aufgebaut worden ist.

(Foto: Georgine Treybal)

Die Zwei kannten den 2007 verstorbenen Buchheim besser als die meisten Leute. Sie haben Jahrzehnte mit ihm verbracht, seine Launen ertragen, seine Triumphe mitgefeiert und das Ende seiner Museums-Irrfahrt erlebt, die von München über Duisburg, Weimar, Berlin, Chemnitz und Feldafing nach Bernried führte. Rejmer war Buchheims rechte Hand, sein Fahrer, das Faktotum Waldemar. Englisch verpackte schon als Schüler Bücher für den Verlag des Multitalents und war zuletzt Depotleiter des Museums. Beide beschreiben den Museumsgründer ähnlich wie Doldinger als "vielschichtige Persönlichkeit".

Englisch sagt: "Egal, man konnte machen, was man wollte, Buchheim hatte immer was zu nörgeln. Er war wie eine dunkle Wolke, die eine Aura des Schreckens verbreitet." Auf der anderen Seite habe er "absoluten Respekt und Hochachtung" vor dem Mann mit Augenklappe gehabt, denn Buchheim habe die Menschen nicht museal an die Kunst herangeführt. "Er hat immer gesagt: ,Es kommt ja nichts von nichts.' Er hat alles gesammelt und war der Ansicht, dass jeder sich den Nährboden von irgendwo hergeholt hat, von der Volkskunst oder anderem. Und das ist das Schöne in diesem Museum: dass wir diese Vielfalt haben, sie ermöglicht es den Leuten, da ohne Scheu reinzugehen."

Bernried Buchheim

Der Sammler und seine Frau Ditti bei der Museumseröffnung mit Klaus Doldinger.

(Foto: Georgine Treybal)

Buchheim galt als Mischung aus Genie und Wüterich, der Gegner als "Gullyratten" und "Brunnenfrösche" beschimpfte. Der Exzentriker war zugleich ein Visionär. Ein besessener Sammler. Ein Rüpel, der einmal einen Starnberger SZ-Redakteur ohrfeigte, weil ihm dessen Kommentar missfallen hatte. Ein Geizkragen. Einer, der Krankheiten ignorierte und trotz "Lungenembolie in den Dschungel ging", wie Direktor Schreiber sagt. Yves Buchheim, der einzige Sohn des Künstlers, beschreibt in dem Buch über seinen Vater ("Buchheim - Künstler, Sammler, Despot") noch andere Seiten: den mutmaßlichen Steuerhinterzieher und den Skrupellosen, der mit fragwürdigen Methoden an seine Expressionistensammlung gekommen sein soll, die schon Ende der Achtzigerjahre auf einen Wert von gut 100 Millionen Euro geschätzt worden ist.

Englisch kennt Yves Buchheim, sie gingen beide auf die gleiche Volksschule, Yves war eine Klasse über ihm. Sie seien nicht eng befreundet gewesen, "man kannte sich halt". Und wenn die Kinder im Garten des Buchheimschen Landhauses an der Johann-Biersack-Straße spielten, hielt sie der Hausherr zur Arbeit an, sagt Englisch und ahmt seinen einstigen Chef mit durchdringender Stimme nach: "Da könnt ihr doch gleich mal da und dort..." So sei er gewesen: Er habe die Leute immer effizient eingesetzt. Und immer alles besser gewusst: "Er kannt alles, er wusste alles, er war der Beste - und die anderen waren Idioten. Restauratoren? ,Alles Quatsch!' Museumsstandards? ,Bei mir hängen die Bilder auch nur an Nägeln.'"

Gerhard Schröder besucht Lothar-Günther Buchheim

Ein Foto von Gerhard Schröders Besuch in Feldafing.

(Foto: Lothar Günther Buchheim)

Englisch ist versiert im Geschichtenerzählen, bei Museums-Rundgängen gab er öfters schon Anekdoten zum Besten, vielleicht auch diese: Er und eine Kuratorin sollten Bilder für eine Aufstellung aufhängen, die damalige Museumsdirektorin Clelia Segieth war ebenfalls dabei. Als Buchheim dazu kam, tobte er: "Ach Mist, weg mit dem, ihr habt keine Ahnung!" Englisch nahm die Gemälde wieder ab, doch Buchheim rauschte davon, ohne zu sagen, was sein Angestellter ändern sollte. Also machte sich Englisch tags darauf wieder an die Arbeit, die Vernissage stand kurz bevor. Buchheim sah sich das Ganze an und knurrte einigermaßen zufrieden: "Wenn man nicht alles selber macht." Im Prinzip hatte Englisch die Bilder aber genauso angeordnet wie zuvor.

Waldemar Rejmer war der Mann, der Buchheim mit dem Rolls Royce zu Aldi chauffierte, eine Fahrermütze auf dem Kopf. Die pure Provokation, schon klar. Das mache "die Neidhammel rasend", sagte Buchheim selbst dazu. Rejmer meint, sein einstiger Chef habe das Automobil vor allem wegen des geräumigen Kofferraums geschätzt. "Da passte der Inhalt von zwei Einkaufswagen rein, das hat ihm gefallen." Rejmer brachte Buchheim auch zur Bayerischen Staatskanzlei, zu Ausstellungen, zu Besprechungsterminen wegen des Museums. "Er ist ja fast nie mit dem Taxi gefahren." Anfangs war er der Hausmeister, bald schnitt er Passepartouts und übernahm die Rolle des Beraters, des Assistenten. Waldemar war Buchheims rechte Hand, mehr noch: "Du bist ein Familienmitglied, nur mit anderem Namen", sagte Buchheims Frau Diethild, die alle Ditti nannten, einmal zu ihm.

Bernried Buchheim Museum

Die Weggefährten Waldemar Rejmer (l.) und Winfried Englisch.

(Foto: Georgine Treybal)

Natürlich sei der Schriftsteller, Maler, Fotograf, Verleger, Filmemacher und Sammler ein Choleriker gewesen, sagt Rejmer, aber die Sache sei komplizierter, als viele Leute glauben. Zum einen habe der Mann "keine Zeit für blöde Sachen oder blöde Leute verlieren wollen". Zum anderen habe es auch den Buchheim gegeben, der zurückstecken und zugeben konnte, dass er falsch lag, der sogar wildfremde Leute an den Campingtisch bat, die an der Tür geklingelt hatten und ihn kennenlernen wollten. "Okay, ja gut, dann kommen Sie rein", habe Buchheim gesagt und fünf Minuten mit den Besucher gequatscht.

Worüber er mit Klaus Doldinger sprach? Nicht über den Jazz, "damit kannte er sich nicht aus". Die beiden unterhielten sich über die Düsseldorfer Kunstszene und den Maler Gerhard Richter. Doldinger hatte den streitbaren Künstler Mitte der Achtzigerjahre in München kennengelernt, als die Bavaria die Fernsehfassung des "Boots" vorführte. Er begegnete einem "eigenartigen, etwas distanzierten Typen" mit "herrischem Wesen", der großes Talent darin hatte, mit Mäzenen umzugehen. Doldinger sagt: "Ich kannte kaum jemanden, der so vielseitig und vielschichtig war."

Die beiden waren nicht eng befreundet, aber Doldinger trat zur Eröffnung des Buchheim-Museums auf und spielte ein bis zweimal im Jahr zu Geburtstagen des Meisters und zu Vernissagen, allein oder mit seiner Gruppe Passport. Buchheim wünschte sich immer zwei Titel: "La Paloma", die Sehnsuchtsmusik des Seemanns, und die Titelmelodie des "Boots". "Er saß dann da, hat mit dem Kopf gewackelt und war begeistert."

Doldinger hatte bei einem Konzert 2015 in Starnberg klar gemacht, was er vom damals erst geplanten Abriss des Buchheimschen Landhauses hält: gar nichts. Denn dieses Anwesen "verkörpert das, was Buchheim ausmacht". Im Oktober ließ die Buchheim-Stiftung die baufällige Villa abbrechen. Waldemar Rejmer sagt: "Mit dem Herzen tut mir das weh, aber mit dem Kopf muss man sagen: Das Haus war marode, denn Buchheim wollte nicht renovieren." Die Sanierung hätte etwa eine Million Euro gekostet, so Direktor Schreiber, und womöglich den Zauber der bröselnden Schatzkammer zerstört. Vor allem aber: Dieses Landhaus hätte, wenn es denn wieder hergerichtet worden wäre, wahrscheinlich nur wenige Besucher angezogen. Denn das Museum liegt nicht in unmittelbarer Nähe, sondern ist 13 Kilometer entfernt. Immerhin gibt es einen kleinen Trost: Buchheims Ess- und Arbeitszimmer sind im Museum wieder aufgebaut worden. Samt Picasso, Kuriositäten und Campingtisch.

© SZ vom 03.02.2018

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