Das Brett schwebt, ohne die Wasseroberfläche zu berühren – fast wie eine Libelle, die tänzelnd über dem See schwirrt. Lautlos geht der Jugendliche darauf immer wieder in die Knie und richtet sich wieder auf, um das Foil in der Schwebe zu halten. Sein Körper folgt einem gleichmäßigen Rhythmus. Es ist ein Bild, das sowohl Kraft als auch Schwerelosigkeit ausstrahlt. Für die Zuschauer am Wörthsee sieht es aus, als würde der Sportler fliegen. Viele kennen den 14-Jährigen, der die beiden Trendsportarten Wing- und Pumpfoilen perfekt beherrscht. „Der macht das den ganzen Tag“, erklärt ein Beobachter am Ufer.
Der Segler-Verein Wörthsee (SVW) hat für Samstag gemeinsam mit der örtlichen Segelschule „Lago Mio“ und dem auf Surfer und Boarder spezialisierten Sportgeschäft „Stuff4Freakz“ zum ersten Wingfoil-Cup eingeladen. Es ist eine der ersten Regatten im Süden Deutschlands. „Bisher werden die Wettbewerbe in Norddeutschland veranstaltet“, erklärt SVW-Vorsitzender Matthias Huber. Auf die Idee mit der Regatta haben ihn seine Kinder gebracht, die seit ein paar Jahren foilen. Die Regatta soll ein fester Termin im Vereinsleben werden. Sie sei eine perfekte Ergänzung für den SVW mit seiner starken Jugendabteilung, so Huber.
Auf den bayerischen Seen ist der Wind unzuverlässig. Wingfoilen ist dafür ideal, denn es geht auch bei einer schwächeren Brise. Am Wörthsee weht am Samstag allerdings nicht einmal das kleinste Lüftchen. Die Wingfoil-Regatta wird abgesagt. Das Event nicht. Denn Huber weicht auf einen Plan B aus. Statt der Regatta treten die Sportler in Spaßrennen beim Pumpfoilen gegeneinander an. Hier ersetzt Muskelkraft den Wind.
Ihren Namen verdankt die Sportart Foilen dem Foil, einem Tragflügel unter dem Board, der im Wasser Auftrieb erzeugt, ähnlich wie ein Flugzeugflügel in der Luft. Beim Wingfoilen steht der Sportler auf dem Board und hält ein aufblasbares Segel, den Wing, in beiden Händen. Wenn der Wind hineinfährt und mit einer bestimmten Technik baut der Flügel unter Wasser Auftrieb auf und hebt das Board aus den Wellen, sodass nur noch die Finne durch das Wasser schneidet.

Das Ganze funktioniert beim Pumpfoilen ohne Segel. Hier drücken die Fahrer das Board in einem rhythmischen Takt nach unten, bis das Foil genügend Strömung bekommt, um sie abheben zu lassen. Mit beständigem „Pumpen“ wird das Board in der Schwebe gehalten. Dabei wedeln einige unterstützend mit ihren Armen. Es gibt die Foil-Boards auch mit Elektroantrieb, doch Mitglieder der Szene winken ab – zu unsportlich.
„Mindestens 600 bis 1000 Startversuche braucht man, um überhaupt beim Pumpfoilen aus dem Wasser zu kommen“, sagt Susanne Bunkenburg, Mutter von zwei begeisterten Foilern. „1000 sind es“, widerspricht ein anderer, denn jeder falsche Bewegungsimpuls führt zum Sturz. Einfacher dagegen ist Wingfoilen.
„Wenn man ins Fliegen kommt, ist das ein wahnsinniges Glücksgefühl, das macht direkt süchtig“
Christine Grundler und Claudia Leutenberger vom SVW haben vor zwei Jahren damit angefangen. Sie habe vorher Stand-up-Paddling gemacht und eine alternative Sportart für windige Tage gesucht, erzählt Grundler. Füße, Rumpf und Arme zu koordinieren, sei ziemlich schwierig gewesen, gibt sie zu. Erst nach einem Jahr sei aus dem „Ich fliege zufällig“ ein „Ich fliege gewollt“ geworden, stimmt Leutenberger zu. „Wenn man ins Fliegen kommt, ist das ein wahnsinniges Glücksgefühl, das macht direkt süchtig“, schwärmt sie. Während das Board vorher das Wasser zum Plätschern gebracht hat, ist es beim Fliegen still, „man hört nur noch das Wasser selbst“.
An diesem Tag besteht die Foiling-Community jedoch vorwiegend aus Männern. „Ich habe den Eindruck, dass es sich Mädchen nicht zutrauen“, sagt Matthias Huber. Er ist aber sicher, dass die Frauen bald aufholen werden. Marco Tommasi von „Stuff4Freakz“ steht seit Jahren auf dem Windsurfbrett und hat inzwischen auch das Wingfoilen für sich entdeckt. „Fürs Surfen passt der Wind oft nicht“, sagt er. In der Mittagspause geht er häufig „für ein Stündchen“ auf den See. Wenn er Kunststücke machen möchte, nimmt er einen kleinen Wing, den großen für mehr Geschwindigkeit.

Um auch ohne Wind Kunststücke vorzuführen, lassen sich die Foiler an diesem Tag von einer Seilwinde ziehen. Sobald eine gewisse Geschwindigkeit erreicht ist, hebt sich das Board aus dem Wasser und die Sportler können etwa einen Backflip oder eine 360-Grad-Drehung vorführen. Vom Publikum gibt es anerkennenden Applaus.
Eine Familie ist aus Starnberg gekommen. „Meine Sportart war jahrzehntelang Windsurfen“, erzählt Vater Michael, der nur beim Vornamen genannt werden möchte. Bei den Sommerurlauben in Griechenland sei das Wingfoilen optimal, weil es auch mit weniger Wind funktioniert. „Die alten Surfer sitzen dann traurig am Strand, während wir mit unseren Wingfoils auf dem Meer sausen“. Einer seiner beiden Söhne habe sich sein Board sogar selbst mithilfe eines Youtube-Tutorials und Material aus dem Baumarkt gebaut.
Das Foilen hat noch einen Vorteil. Das Sportgerät kann relativ einfach überallhin mitgenommen werden. Für die Reise kann man die aufblasbaren Boards und Wings im Rucksack mitnehmen und sich den Tragflügel locker über die Schulter legen. Lukas und sein zwölfjähriger Bruder Jakob packen ihre Wingfoils in Fahrradanhänger. Fast jeden Tag sind sie am See, wie die Mutter erzählt. „Abends sind sie komplett ausgepowert“.
Zum Schnuppern gibt es an diesem Tag ein Board mit einem aufgeschraubten Lenker. „Das macht es einfacher“, erklärt Huber. An den Steg sind Rampen gebunden, von denen aus man leichter starten kann. Die Sportler schieben ihr Board vom Steg, springen auf, fangen gleich zu pumpen an. Die Könner drehen ihre Runden – die Anfänger versinken meist nach ein oder zwei Metern im Wasser. Wer diesmal baden gegangen ist, braucht sich laut Huber nicht entmutigen lassen. Er hat noch mindestens 600 Versuche, um bis zur Regatta im nächsten Jahr abzuheben.

