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Naturgarten:Hilft sogar gegen Schnecken

Lux-Garten in Wörthsee wird zertifiziert

Die Wildblumenwiese auf dem 2500 Quadratmeter großen Grundstück an der Waldstraße wird höchstens ein Mal im Jahr gemäht - aber nie ganz.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Blüten und Kräuter anstelle von englischem Rasen sind ein Paradies für Bienen und Schmetterlinge. Der Einsatz weg von der Steinwüste funktioniert sogar im Kampf gegen glitschige Plagegeister. Ein Besuch in einem Naturgarten in Wörthsee.

Von Christine Setzwein

Storchenschnabel, Frauenmantel, Schafgarbe, Mädesüß, Günsel, Schleifenblümchen, Pfingstrosen, Knabenkraut, Vergissmeinnicht. Nein, das ist nicht das Angebot einer Gärtnerei. Das alles und noch viel mehr wächst im Garten von Gisela und Gerald Lux. An diesem Nachmittag staunen auch Ursula Lechner und Georg Schmidt über diese Vielfalt. Sie sind nach Wörthsee gekommen, weil sie das 2500 Quadratmeter große Stück Land als "Naturgarten" zertifizieren wollen.

Neun Gärten hat der Kreisverband für Gartenbau und Landespflege Starnberg heuer schon begutachtet, im vergangenen Jahre erhielten 44 Hobby-Gärtner die Plakette "Naturgarten - Bayern blüht". Die Vorstandsmitglieder sind immer zu zweit unterwegs. Die Auszeichnung, sagt Georg Schmidt, sei wichtig in Zeiten, in denen Gärten immer öfter zubetoniert und zugepflastert würden. Gerade in Zeiten des Klimawandels müssten die Menschen für naturnahe Gärten sensibilisiert werden, weg von Steinwüsten hin zu Biodiversität, eigenem Kräuter-, Obst- und Gemüseanbau, Schaffung von Lebensräumen für Insekten, Vögel und Igel, ergänzt Ursula Lechner. Der Garten sei auch als Entspannungs- und Rückzugsort für die ganze Familie zu betrachten. Das sei vielen in der Corona-Pandemie klar geworden.

Lux-Garten in Wörthsee wird zertifiziert

Ein Naturgarten braucht mehr als nur Kräuter: Gerald Lux nutzt seinen Kompost gern als Dünger.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die Kriterien für einen Naturgarten sind streng. Verboten sind chemische Pflanzenschutzmittel, chemisch-synthetische Dünger und torfhaltige Erde. Erwünscht sind unter anderem Blumen und blühende Stauden, gebietstypische Sträucher und Gehölze, Laubbäume, Wiese und das Zulassen von Wildkräutern. Außerdem soll der Garten bewirtschaftet werden mit Gemüse und Kräutern, Obst und Beeren, Regenwasser soll genutzt, Kompost hergestellt werden.

Auf den Garten der Eheleute Lux trifft das alles zu. Da gibt es Apfel- und Birnbäume, Johannisbeer-, Brombeer- und Stachelbeersträucher. In zwei Hochbeeten wachsen verschiedene Salatsorten, Radieschen, Karotten. Gerald Lux hat alleine drei Kräuterbeete angelegt mit Schnittlauch und Petersilie, Basilikum und Minze, Dill und Liebstöckel. Besonders gern hat der 82-Jährige den Schnittknoblauch. "Probieren Sie", sagt er. Schmeckt. Scharf, aber nicht so aufdringlich wie normaler Knoblauch. "Fingerdick auf ein Steak, und Sie haben ein sehr gutes, bekömmliches Knoblauchsteak", sagt er.

In vier Kompostgittern verrotten Abfälle aus Küche und Garten und liefern den "besten natürlichen Dünger". In die Humuskiste haben sich zwei Tigerschnecken verirrt. "Nicht kaputtmachen, die fressen die Eier von den Nacktschnecken", rät Lux, nimmt sie mit einer Schaufel heraus und wirft sie in die Wiese. Überhaupt: Schnecken. "Die ersten Jahre habe ich sie eimerweise gesammelt und in den Wald gebracht, heute haben wir so gut wie keine mehr. Die Natur hilft sich selbst", davon ist Lux überzeugt.

Lux-Garten in Wörthsee wird zertifiziert

Der gelbe Islandmohn blüht gerade.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Unterhalb der Beete befindet sich ein Froschteich mit Sumpfzypressen. "Das ist unsere natürliche Drainage, wenn es mal stark regnet", sagt Gisela Lux. Alles, was im und um den Teich herum vertrocknet ist, schneidet und zupft die 81-Jährige eigenhändig aus. "Der Garten macht schon viel Arbeit", räumt sie ein, auch wenn die riesige Blumenwiese nur selten und nie ganz gemäht wird. Neues muss gepflanzt, Unkraut gejätet werden. "Es braucht schon eine ordnende Hand." Für Ehemann Gerald war und ist Gartenarbeit Entspannung pur. Als ehemaliger Unternehmer eines mittelständischen Industriebetriebs war er viel unterwegs. "Aber nie am Samstag und Sonntag, da war ich im Garten", sagt er.

Ein Leben ohne Garteln ist für das Ehepaar, das seit 1984 in Wörthsee lebt, unvorstellbar. Aber bitte nicht so, wie beim Vorbesitzer, ein Engländer. "Hier war wirklich ein englischer Rasen", erzählt Gisela Lux. Heute ist die Wiese voller Wildblumen, ein Eldorado für Bienen und Schmetterlinge. Seit drei Jahren wächst hier sogar das Knabenkraut, eine Orchideenart.

28 Punkte ist die Höchstzahl, die für eine Zertifizierung als Naturgarten vergeben werden kann. Das Ehepaar Lux erhielt 27. Ursula Lechner, im Kreisverband die Beauftragte für Naturgartenzertifizierung, war begeistert, vor allem von der naturbelassenen Wiese und den Sumpfzypressen. "Die habe ich noch in keinem anderen Garten gesehen."

Information auf der Homepage des Kreisverbands unter www.kv-gartenbau-sta.de. Mitglieder eines Obst- und Gartenbauvereins zahlen für die Zertifizierung 40 Euro, Nichtmitglieder 80 Euro.

© SZ vom 04.06.2021
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