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Home Staging:"Leere Räume sind langweilig und haben keinen Wohlfühlfaktor"

Wörthsee, Sylvia Wagner-Zehren

Sylvia Wagner-Zehren aus Wörthsee betreibt freiberuflich einen Homestaging-Service.

(Foto: Georgine Treybal)

Sylvia Wagner-Zehren aus Wörthsee ist professionelle Homestagerin. Sie richtet für Eigentümer und Makler Wohnungen und Häuser komplett neu ein, damit sie sich besser verkaufen lassen.

Von Christine Setzwein, Wörthsee

Es hätte ihr Traumhaus sein können, das in Starnberg zum Verkauf stand. Doch die Besichtigung war ein Albtraum. Der Verkäufer empfing die Interessenten schlecht gelaunt, überall standen Müllsäcke herum, die Zimmer waren dreckig, und im Pool schwamm eine tote Maus. Dieses Haus kam für Sylvia Wagner-Zehren nicht in Frage. Aber die Erfahrung mit "unsäglichen" Maklerangeboten, unfreundlichen Verkäufern und unaufgeräumten Immobilien bestärkte sie in dem Entschluss, eine Agentur für Home Staging zu eröffnen.

Die 56-Jährige erzählt von einer Immobilie an der Münchner Prinzregenstraße, die monatelang nicht verkauft werden konnte. Bis sie sich die Zimmer vornahm. Sie bot sogar an, ihre Mietmöbel in der Wohnung stehen zu lassen, wenn sie nicht verkauft wird. Am ersten Tag der Besichtigung war sie weg. Sie erzählt auch von Immobilienverkäufern, die mal schnell mit dem Handy durch Haus und Garten gehen und dann uninspirierte und langweilige Fotos veröffentlichen. "Respektlos" nennt sie das den Interessenten gegenüber.

Dabei war der Wörthseerin das Home Staging nicht in die Wiege gelegt. Geboren und aufgewachsen ist sie in der Nähe von Trier, ihre Eltern führten ein Weingut. Nach der Schule begann Tochter Sylvia zunächst das Studium der Lebensmitteltechnologie in Weihenstephan. Als ihr Bruder das Gut übernahm, wechselte sie zur Biologie und arbeitete nach dem Diplom-Abschluss fast 20 Jahre in der Arzneimittelforschung. 2008 musste Ehemann Axel beruflich in die USA. Die Familie mit zwei Töchtern zog für dreieinhalb Jahre um. Beim Kauf eines Hauses in Minneapolis kam Sylvia Wagner-Zehren zum ersten Mal mit professionellem Home Staging in Kontakt. Die damalige Maklerin wurde zur Freundin, und weil die Deutsche keine Greencard bekam, half sie bei der Heiminszenierung mit. Zugute kam ihr dabei, dass Einrichten schon lange ihr Steckenpferd war.

Zurück in Deutschland machte sich die Familie auf die Suche nach einem eigenen Haus, am liebsten in Wörthsee, wo sie früher schon gewohnt hatte. In Walchstadt wurde sie fündig, und 2014 gründete Sylvia Wagner-Zehren "Home Staging Fünf Seen". Seit 2015 ist sie Mitglied in der "Deutschen Gesellschaft für Home Staging und Redesign" (DGHR). Der Berufsverband hat einen Ehrenkodex: Baumängel dürfen zum Beispiel nicht versteckt werden.

Home Staging beschreibt die Inszenierung mit Möbeln und Innenausstattung von Immobilien, die zur Miete oder zum Verkauf stehen.

(Foto: Privat)

Gerade wird eine Immobilie aus den 1960er-Jahren angeboten. Sie ist gut in Schuss, aber Fußböden und Tapeten entsprechen natürlich nicht mehr heutigem Wohnstil. Die roten Bodenfliesen im Flur sind sicher nicht jedermanns Geschmack, doch der erste Blick beim Betreten fällt nicht darauf, sondern auf das moderne große Bild an der Wand, das genau den Rotton der Fliesen aufnimmt. Im Ess- und Wohnzimmer stehen helle Tische und Stühle, Vasen und Korbleuchter vermitteln Behaglichkeit, weiße Schals an den Fenstern machen das Zimmer freundlich und luftig. Alles gehört zum Mietmobiliar von Wagner-Zehren. Manchmal reicht es, ein Sofa umzustellen, schöne Kissen auszulegen und warmes Licht zu machen, um eine gemütliche Atmosphäre zu schaffen. Manchmal wird eine ganze Wohnung eingerichtet, wenn es sein muss, mit einer Pappküche.

"Leere Räume sind langweilig und haben keinen Wohlfühlfaktor", sagt Sylvia Wagner-Zehren. Sind sie bewohnt, fehlt den meisten Menschen die Fantasie, sie sich mit einer anderen Einrichtung vorzustellen. Die 56-Jährige dringt darauf, dass möblierte Objekte "entpersonalisiert" werden. Heißt: Private Fotos, persönliche und intime Gegenstände und Spuren von Haustieren werden entfernt oder reduziert. Für die potenziellen Käufer soll eine "Hotel-Atmosphäre" geschaffen werden, klar, neutral und trotzdem anheimelnd. Entrümpeln helfe auch beim Loslassen, "ich sehe mich dabei auch als Unterstützerin", sagt Wagner-Zehren.

Home Staging

Home Staging hört sich amerikanisch an und kommt auch von dort. Schon seit den 1970-Jahren inszenieren amerikanische Makler Häuser und Wohnungen für den Verkauf oder die Vermietung. Die Immobilen werden entrümpelt, gründlich gereinigt und mit Möbeln, Farben, Licht und Accessoires einladend gestaltet. Die ersten 90 Sekunden sollen für eine Kaufentscheidung ausschlaggebend sein, der erste Eindruck zählt. Wohnpsychologen haben herausgefunden, dass sich 80 Prozent der Menschen nicht vorstellen können, wie ein leeres Zimmer mit oder ein möblierter Raum mit anderen Möbeln aussieht.

Da kommen die Home Stager ins Spiel. In Deutschland gibt es seit 2010 die "Deutsche Gesellschaft für Home Staging und Redesign" (DGHR), ein eigener Berufsverband für Home-Staging-Dienstleister. Alle Mitglieder - aktuell etwa 200 - verpflichten sich einem Ehrenkodex, der unter anderem vorschreibt, dass Baumängel nicht verdeckt werden dürfen. csn

Wagner-Zehren hat einen Beratervertrag mit Veltrup-Immobilien in Wörthsee, arbeitet aber auch mit anderen Maklern zusammen. "Ich bin gern in der Region unterwegs", sagt sie. Hier kennt sie die Gegend und weiß, wie die Leute ticken. Sie ist Mitglied im Rotary-Club Wörthsee und im örtlichen Bund der Selbständigen. In Herrsching bewahrt die 56-Jährige ihre Einrichtungsstücke auf. Sofas, Stühle, Tische und Tischchen, Betten, Decken, Teppiche, Vorhänge, Kissen, Vasen, Lampen, Kerzen, Geschirr - ein ganzes Möbellager. Was sie nicht mehr braucht, verkauft sie oder spendet es. Skandinavien-Chic ist angesagt. Holz ist in, Stahl ist out. Und die Corona-Pandemie hat auch Auswirkungen auf das Home Staging: Wagner-Zehren zeigt Käufern, wo Home-Office-Plätze möglich sind, und wenn es nur ein kleiner Schreibtisch im Schlafzimmer ist.

Dass Home Staging Illusionen schafft und eine Marketingmaßnahme ist, mit der Immobilien schneller und teurer verkauft werden können, streitet die 56-Jährige gar nicht ab. Aber außer dem Geschäftlichen ist ihr eines ganz wichtig: Emotionalität. "Ein Verkaufsprozess muss schön sein", sagt Wagner-Zehren. Alle Beteiligten sollen glücklich sein. Der Verkäufer, weil er in kurzer Zeit einen guten Preis erzielt und keinen langen Leerstand hat, der Käufer, weil er individuelle Lösungen angeboten und so eine Vorstellung davon bekommt, wie seine Immobilie aussehen könnte. Und natürlich profitieren auch die Makler und sie selbst. "Wenn am Ende des Tages alle was davon haben, ist es gut", sagt sie.

© SZ vom 06.07.2021/vewo
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