Wörthsee:"Ich bin ein Bühnentier"

Wörthsee Augustiner, Constanze Lindner

"Gute Laune, das ist sogar mein Lebensmotto, und das hat mich wahrscheinlich auch durch die Pandemie getragen": Constanze Lindner.

(Foto: Georgine Treybal)

Schauspielerin Constanze Lindner spricht über die harte Zeit des Lockdowns und ihr "Bonnie und Clyde"-Spektakel mit Liegl und Altinger

Interview von Astrid Becker, Wörthsee

Wer Constanze Lindner in kurzen Worten beschreiben soll, würde sie wohl ein quirliges Energiewunder nennen. Sie ist ständig in Bewegung, lacht gern und viel - auch im Gespräch mit der SZ. Dabei hat auch sie wegen der Pandemie die wahrscheinlich härteste Zeit in ihrer Karriere hinter sich: ohne Bühne, ohne Auftritte, ohne richtiges Einkommen. Doch nun strahlt die gebürtige Münchnerin, die seit elf Jahren am Wörthsee lebt, wieder übers ganze Gesicht: Von Montag an steht sie in München mit Alexander Liegl und Michael Altinger in dem Komödienspektakel "Die wirklich wahre Geschichte von Bonnie und Clyde" auf der Bühne (Regie: Gabi Rothmüller). Wie sich das für sie nach so langer Zeit anfühlt, erzählt sie im Gespräch mit der SZ.

SZ: Sind Sie eigentlich immer so unverschämt gut gelaunt am Morgen?

Constanze Lindner: Eigentlich schon. Ich bin einfach schon so geboren, also mit guter Laune, auch wenn das gerade am frühen Morgen manche vielleicht nervt. Gute Laune, das ist sogar mein Lebensmotto, und das hat mich wahrscheinlich auch durch die Pandemie getragen, auch wenn man mit der Zeit ein bisschen zerbrechlicher wird. Ich kenne Kolleginnen und Kollegen, die haben mittlerweile eine satte Depression, denn was in unserer Branche passiert, ist einfach unglaublich. In Bayern wurde die Kultur einfach vergessen, das war schon hart, und vieles erschien einem recht willkürlich.

Wie haben Sie die Zeit verbracht?

Ich bin viel und lange mit meinem Mops "Bruno Opel" gewandert, ich liebe die Natur. Das konnte ich mir früher als Stadtmensch nie vorstellen: Barfuß über eine Wiese? Nein, echt nicht. Heute macht mir das den Kopf frei. Das Fünfseenland bringt mich da echt wieder runter. Super Werbung, oder? (lacht) Und ich habe gebastelt, vor allem in der Zeit, in der wirklich gar nichts mehr ging: also von November 2020 bis zum Mai heuer. Ich habe zum Beispiel witzige Ohrringe gemacht als kleine Geschenke für Freunde oder Aufkleber mit lustigen Botschaften, die ich einfach irgendwo hingepappt oder in Briefkästen geworfen habe. Es war für mich einfach klar: Man muss weitermachen, irgendwann kommt die Normalität schon wieder. Richtig hart wurde es dann im ersten Halbjahr heuer, wenn man kapiert, dass die Pandemie unsere Branche komplett verändert hat, dass die Normalität nicht mehr so kommt wie sie war. Dass nun das "danach" ist und dass das Danach anders ist: Einige Bühnen sind verschwunden, es gibt Künstler, die komplett umgesattelt haben.

Für Sie kam das aber nicht in Frage, oder?

Nein, ich bin ein Bühnentier. Ich brauche das, und ich brauche Menschen um mich rum. Deshalb spiele ich auch gern in Ensembles - wie jetzt mit dem Alex und dem Michi. Es war uns schon lange ein Herzensanliegen, mal was zusammen zu machen.

Das war jetzt eine geschickte Überleitung zu "Bonnie und Clyde".

(Lacht). Ja, gell? Aber im Ernst: Man muss weitermachen. Und deshalb haben wir uns im November überlegt, das jetzt anzugehen. In Eigenproduktion. Der Michi wollte unbedingt ein Liebespaar machen, und wir haben uns wahrscheinlich alle Liebespaare auf einer Liste notiert: Romeo und Julia, Donald und Daisy Duck, und bei Bonnie and Clyde waren wir uns einig: Das ist es. Wenngleich die natürlich bei uns nix mit der Vorlage mehr zu tun haben.

Inwiefern?

Wir erzählen, was 20 Jahre später geschieht.

Aber das Gangsterpaar Bonnie and Clyde wurde doch von der Polizei erschossen - real und auch in allen fiktiven Geschichten über sie...

Nein, das war doch nur vorgetäuscht. Zumindest bei uns. Die Beiden leben jetzt recht spießig in einem Reihenhaus, aber nicht allein. Da ist ein recht dubioser Untermieter, der wahrscheinlich weiß, wer die Beiden wirklich sind, dann gibt es noch eine recht gefährliche russische Personaltrainerin, einen fragwürdigen Reverend und eigentlich noch ein paar andere. Wir spielen ja zu dritt 17 Rollen.

Wie geht das?

Tür auf. Tür zu. Wenn man sehen würde, was wir hinter der Bühne deshalb treiben, dann wäre das wahrscheinlich ein eigenes Stück. Es muss ja alles rasend schnell gehen. Bei den Proben sind wir da schon mal als Zwitterwesen auf die Bühne gestürzt, wie bei diesen Büchern mit den Klappfiguren, da bist Du dann unten Bonnie, in der Mitte eine Gospelsängerin und oben aber schon Police Officer Black. Sehr witzig. Wir haben wahnsinnig viel gelacht im Lustspielhaus, das uns, weil dort ja keine Vorstellungen sind, für die Proben zur Verfügung stand. Eine ungewöhnliche Erfahrung für uns. Normalerweise proben wir woanders, wie beim "Siegfried" zum Beispiel, und stehen dann dort auf der Bühne, diesmal ist es andersherum. Die Premiere ist ja im Schlosspark der Katholischen Akademie. Und dann spielen wir von 5. bis 12. September täglich Open-Air in der Seidl-Villa.

Keine Angst vor Regen?

Doch klar. Aber wir wollen unbedingt spielen. So kurz vorher fühlt man sich wie bei der Formel 1: Der Motor ist an, man will einfach los. Ja. Und so lange es nicht gewittert oder aus Eimern schüttet... Das hat aber auch etwas: Als ich mit meinem Soloprogramm im Juni auf der Bühne stand, fing es total zu regnen an. Die Leute haben sich teilweise unter Bäume geflüchtet, teilweise auf die Bühne. Wir haben dann Rotwein aufgemacht und miteinander getanzt. Das war unglaublich. Ein unwiederbringlicher Moment.

Klingt, als hätte Ihnen die Pandemie auch Schönes gebracht?

Ja, vor allem viele neue Erfahrungen. Allein schon bei dieser Produktion jetzt. Wir haben alles selbst gemacht: Ich habe Kulissen gebaut, Requisiten selbst besorgt, dabei auch viel Hilfe von lieben Menschen und Kollegen bekommen. Wir, die eigentlich gar nichts damit am Hut haben, ballern ja auf der Bühne rum, das gehört zu diesem Stück dazu. Und deshalb haben wir uns Waffen im Internet besorgt, natürlich nur Modelle. Aber die müssen wir trotzdem bei der Polizei anmelden, das muss man sich mal vorstellen! Wahrscheinlich stehen wir jetzt auf sämtlichen Fahndungslisten der ganzen Welt. Die Dinger sind übrigens auch superschwer: Sieben Kilo wiegen die. Teilweise haben wir zwei davon in der Hand, links und rechts. Puh, da merkt man jeden einzelnen Lockdown-Döner. Ich muss echt erst wieder körperlich fit werden.

Abgesehen davon: Haben Sie für sich selbst etwas aus der Pandemie gelernt?

Ja. Mir ist klar geworden, dass ich mich nicht mehr wegen Kleinigkeiten verrückt machen will. Und dass ich nur noch machen will, was mir Spaß macht, was ich wirklich will. Das ist eine wichtige Erkenntnis für mich.

© SZ vom 30.08.2021
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