bedeckt München

Wirtschaft in der Corona-Krise:Geister-Konzert im Sudhaus

Der Neustart in der Alten Brauerei in Stegen verläuft anders als geplant. Statt Veranstaltungen gibt es Zumba-Fitness und Musik-Kabarett vorerst nur per Live-Stream. Daraus wollen die Betreiber vom "Groundlift"-Studio eine Geschäftsidee entwickeln.

Von Patrizia Steipe

Kleinkunst, Hörbücher, Konzerte, Podiumsdiskussionen, Livestreams: Das alles gehört zum Repertoire der neuen Mieter von Sudhaus und Theaterbühne in der Alten Brauerei in Stegen. Daniel Betz und Fabian Exter haben ihr Ton- und Videostudio mit dem Namen "Groundlift" von Schondorf nach Inning verlegt. "Wir haben uns schon lange größere Produktionsräume gewünscht", erklärt Betz. Mit der 70 Quadratmeter großen Bühne, dem Fernseh- und Videoproduktionsstudio und den Broadcast-Möglichkeiten können die bisherigen Projekte ausgebaut werden.

Stegen: GROUNDLIFT STUDIO

Mit einer professionellen Kamera filmt Daniel Betz die Live-Konzerte auf der Theaterbühne für den Online-Stream.

(Foto: Nila Thiel)

"Eigentlich wollten wir uns am Anfang mit Veranstaltungen bekannt machen", erklärt Exter. Bis zu 300 Besucher passen in den Saal. Doch dann kam Corona. "Das ist die totale Katastrophe für die Kulturbranche". Doch unterkriegen lassen wollen sich die Produzenten nicht. Da traf es sich gut, dass sie Erfahrungen mit Live-Streaming gemacht haben. Mehrere Künstler aus der Umgebung, aber auch eine Zumba-Fitness-Trainerin haben die Bühne mit den rustikalen Klinkerwänden aus dem Jahr 1892 seitdem für Live-Streams genutzt. Zum Beispiel die Musik-Kabarettisten "Mark''n' Simon". Zwei Mal haben sie "Wohnzimmerkonzerte" gegeben. Die Kommentare des Online-Publikums waren begeistert und reichten von "saucool" über "absolut geiles Konzert" bis "hatte eine tolle Stunde". Am Abend waren 700 Zuschauer weltweit beim Live-Stream dabei, mittlerweile haben etwa 2500 Nutzer das Video auf Youtube angeschaut. "Das war so erfolgreich, dass die beiden gleich einen zweiten Auftritt gebucht haben", freuen sich die Groundlift-Chefs.

Stegen: GROUNDLIFT STUDIO

In der Videoregie arbeitet hier Alexandra Rakosi.

(Foto: Nila Thiel)

Da dies so gut funktioniert, wollen der 38-jährige Betz und sein 37-jähriger Kollege daraus ein Geschäftskonzept machen. "Alles immer nur umsonst im Internet anbieten, das ist nicht okay. Kultur hat einen Wert", betont Betz. Die Idee: Damit die Künstler bei ihren Online-Auftritten verdienen, können Kunden statt der sonst üblichen Konzertkarten in dem Fall Tickets für einen Live-Stream kaufen. Das Modell soll auch für die Zeit nach der Corona-Krise tragfähig sein. Das könnte für Musikfreunde in Frage kommen, die sich die nächtliche Heimfahrt nach einem Konzert ersparen wollen oder für Eltern, die durch ihre kleinen Kindern ans Haus gebunden sind und sich ansonsten einen Babysitter leisten müssten. "Da wären solche Online-Angebote doch eine gute Alternative", glaubt Betz.

Punkten können die neuen Sudhaus-Mieter mit ihren jahrelangen Erfahrungen und der Profiausstattung. "Während andere mit 15 an ihren Mofas rumgeschraubt haben, haben wir am Ton gebastelt", erinnert sich Exter. Von ihrer Technikbesessenheit zeugen die professionellen Studios, aber auch die große Vitrine voller unterschiedlicher Mikrofone, Profikameras, die aufwendige Audio-, Video- sowie Lichttechnik. "Wir produzieren TV-Formate in 4K mit bis zu sechs Kameras und 96 Tonspuren und streamen das Event dabei live", erklären die Studiobetreiber.

Stegen: GROUNDLIFT STUDIO

Für die Aufnahmen in ihrem neuen Studio in Stegen steht Daniel Betz (links) und Fabian Exter eine professionelle technische Ausstattung zur Verfügung.

(Foto: Nila Thiel)

Mittlerweile kann das Groundlift-Studio auf eine Liste von Referenzen blicken. Die Schauspieler Stefan Wilkening aus Starnberg, Carin Tietze und Johannes Steck sowie der Fernsehmoderator Alexander Mazza haben dort gearbeitet. Als "Ritterschlag" empfanden Betz und Exter die Aufnahme mit dem Opernsänger Jonas Kaufmann, der äußerst anspruchsvoll sei, was die Tonqualität betriff. "Er will wieder kommen", verkünden die beiden stolz, und das spreche für die Akustik im Theater.

"Der Raum hat Charakter. Das hört man einfach", betont Betz. Er freut sich schon auf die nächsten Hörbuchproduktionen. Für Sony vertont Groundlift Klassiker aus den gelben Reclam-Heften wie "Romeo und Julia", "Faust" oder "Wilhelm Tell". Die Produktion von "Cyrano de Bergerac" fand bereits auf der Theaterbühne statt. Die Sprecher brauchten nicht mehr im engen Glaskasten eines Studios sitzen, sondern konnten sich auf der großen Bühne bewegen. "Dadurch ist die Aufnahme viel lebendiger geworden", freut sich Exter. Neben Kulturschaffenden möchte Groundlift auch Unternehmen ansprechen. Online-Messen, Konferenzen oder Talkrunden könnten auf der Bühne veranstaltet und sogar moderiert werden, und ein Bürgermeister könnte sich via Bildschirm an die Bürger wenden.

© SZ vom 25.05.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite