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Wirtschaft im Landkreis Starnberg:Im Schilderwald durch die Corona-Krise

Seefeld: Wirtschaftspreisnominierte my SPOTTi -  GF Birgit Knoll

Mit ihrer Firma Myspotti hat sich Birgit Knoll auf alles verlegt, was beschriftet oder bedruckt werden kann.

(Foto: Nila Thiel)

Die Seefelder Firma Myspotti bedruckt und beklebt alles Mögliche. Seit der Pandemie fertigt sie Plexiglas-Trendwände, Masken und Maßanfertigungen. Das Unternehmen ist nun für den Wirtschaftpreis nominiert.

Von Jessica Schober

Wenn Birgit Knoll morgens ihre Küche betritt, um sich Kaffee zu machen, dann blickt sie gleich auf eines der Produkte ihrer Firma. Hinter dem Herd hat sie eine Küchenrückwand befestigt, für die sie sich ein persönliches Motiv überlegt hat. Dort ist ein Bücherregal abgebildet, dessen Buchtitel allesamt Bezug auf die Familienmitglieder nehmen, ihre vier Söhne, ihren Mann, ja sogar auf ihren Hund. "Putzfreundlich und hitzebeständig", wie sie sagt, und dabei doch personalisierbar und individuell. Das beschreibt auch schon ganz gut Knolls Firmenphilosophie: Wenn es irgendwo etwas zu beschildern oder zu bekleben gibt, dann macht die Frau das auch.

Mit ihrer Firma Myspotti bietet sie nicht nur Küchenrückwände und Vinylmatten an, sondern auch Klebefolie, die den Fliesenleger überflüssig machen soll. Auf die Idee kam Knoll, als sie und ihr Mann ihr Haus in der Seefelder Stampfgasse sanierten und ihnen das Geld für die Handwerker ausging. Ihr Mann, der seit 20 Jahren eine Digitaldruckerei betreibt, hatte noch Platten übrig. Die bedruckte Knoll mit Urlaubsfotos aus der Provence - und kurze Zeit später fragten alle Gäste im Haus, ob sie auch so etwas haben könnten. Die Geschäftsidee war geboren, und Knoll beschloss, sich von vielen Verwendungsmöglichkeiten auf ausgewählte zu konzentrieren: "Wir müssen in die Lücke gehen".

Die findige Unternehmerin zog Großkunden an Land und belieferte unter anderem eines der größten deutschen Möbelhäuser und einen Versandkatalog: "Wir fertigen auf Maß, alles made in Seefeld", sagt die 52-jährige. Knoll hat Betriebswirtschaft studiert und im Marketing promoviert. In der Firma arbeiten rund 22 Mitarbeiter, darunter Drucker, Werbetechniker und ein Schreinermeister. Die beiden Auszubildenden kümmern sich gerade um den Instagram-Account. Schon vor Corona liefen 70 Prozent des Geschäfts über den eigenen Onlineshop.

Seefeld: Wirtschaftspreisnominierte my SPOTTi -  GF Birgit Knoll

Die Mediengestalterin Julia Leopoldseder arbeitet hier am Maskenfinish.

(Foto: Nila Thiel)

Kurze Lieferketten und Produktion im eigenen Haus - das hat Myspotti in der Krise gerettet. Nach dem Lockdown brauchten alle neue Beschilderungen, Trennwände und Spuckschutze. Plexiglas war allerorten ausverkauft, doch Knoll rief ihre größten Kunden an und versicherte ihnen, mit ihrem besonderen PET-Material lieferfähig zu bleiben. Für die Wirtshäuser im Landkreis entwickelte Knoll ein eigenes Designkonzept, das die Trennwände in bayerisch anmutende Fenster verwandelte. Plötzlich gehörten Banken, Apotheken und Gastronomen zu ihrem Kundenstamm.

"Wir können alles Mögliche drucken", dachte sich Knoll und stieg auch ins Mundschutzgeschäft ein. Mit einer geliehenen Digitaldruckmaschine bedruckte sie Masken mit individuellen Motiven und ließ sie von lokalen Aushilfskräften nähen, die sich die Rohware kontaktlos in einem Container abholen konnten. 40 Prozent der Reisekosten sparte Myspotti ein. Mit 1,4 Millionen Euro ist der Umsatz höher als im Vorjahr, auch die Gewinne nahmen zu. Um die Bestellungen für Küchenverkäufer in Möbelhäusern zu erleichtern, erarbeitete Knoll Video-Schulungen, die nach ihren Aussagen gut angenommen wurden. Das war der Jury eine Nominierung für den Wirtschaftspreis des Landkreises Starnberg wert: "Durch dieses neue Techniktool ist es Myspotti als einzigem Anbieter gelungen, große Möbelhäuser durch Onlinekonferenzen in der virtuellen Darstellung von Küchen zu schulen", sagt Annette von Nordeck von der Regionalagentur GWT.

"Mir war relativ schnell klar, dass es dramatische wirtschaftliche Veränderungen geben wird", sagt Knoll. Wie man mit solchen Situationen umgeht, hatte die Friedrichshafenerin von ihrem Vater, einem Bankvorstand, gelernt. Wenn sie eine Sechs in Mathe schrieb, fragte er "Biggi, woran liegt es?" und schlussfolgerte nach der Aussprache zufrieden: "Gefahr erkannt, Gefahr gebannt." Mit dieser Haltung wandte sie sich früh ans Starnberger Landratsamt und bot an, Coronatestzentren zu beschildern - auch, um mit ihrer Arbeit systemrelevant zu sein, wie sie heute sagt. "Vorher hatte ich echt Existenzängste." Doch als sie Mitte März die gesamte Belegschaft im Garten versammelt, macht sie ihren Mitarbeitern Mut: "Wenn es jemand schafft, ohne Kündigungen aus der Krise zu kommen, dann sind wir das." Inzwischen betreibt sie eine Webseite für ihren sogenannten Superhelden-Shop, in dem sich von Wegweisern bis Beschilderungen Produkte finden, die es vor der Pandemie nicht gab. Für ihre Firma Myspotti war Corona ein Innovationsbeschleuniger.

© SZ vom 15.10.2020

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