Winterchaos Katastrophenfall im Nachbar-Landkreis

Wegen der anhaltenden Schneefälle ordert der Tölzer Landrat Niedermaier zusätzliche Unterstützung. 390 Kräfte sind im Einsatz, darunter auch Soldaten der Bundeswehr. Bei Fall stürzt ein Schneepflugfahrer mit seinem Fahrzeug in die Isar und stirbt

Von Konstantin Kaip undKatharina Schmid, Bad Tölz-Wolfratshausen

Wegen der extremen Wetterlage mit ergiebigen anhaltenden Schneefällen hat der Tölzer Landrat Josef Niedermaier den Katastrophenfall im benachbarten Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen ausgerufen. Wie das Landratsamt berichtet, fiel die Entscheidung am Donnerstagabend um 22.37 Uhr, nach intensiven Beratungen mit dem Stab des Katastrophenschutzes. Der hatte zuvor alle Städte und Gemeinden nach ihrer jeweiligen Situation gefragt.

Ein tragischer Unfall hat sich am Freitagvormittag nahe Fall bei Lenggries ereignet. Ein 18 Tonnen schwerer Schneepflug stürzte in die Isar. Dessen Fahrer wurde im Wasser eingeklemmt und konnte erst nach Bergung des Räumfahrzeugs in lebensbedrohlichem Zustand in eine Spezialklinik nach Innsbruck geflogen werden. Dort starb er am Nachmittag. Die Rettungsmaßnahmen gestalteten sich äußerst schwierig, die Schneemassen erschwerten die Arbeiten, ein Kran musste angefordert werden. Die Straße war gesperrt.

Wie Landratsamtssprecherin Marlis Peischer berichtet, wurde der Katastrophenfall ausgerufen, nachdem neben der Jachenau, die seit Beginn der Woche praktisch von der Außenwelt abgeschnitten ist, nun auch die Gemeinden Dietramszell, Icking, Geretsried, der Lenggrieser Ortsteil Fall und Walchensee bei Kochel "mit den Schneemassen kämpfen". Überall gebe es große Probleme mit Zufahrtsstraßen und Schnee auf den Dächern. "Die Gemeinden haben sehr intensiv und besonnen die Schneemassen bewältigt", erklärt Niedermaier. "Wegen der anhaltenden Schneefälle und den damit einhergehenden Beeinträchtigungen wird aber jetzt zusätzliche Unterstützung benötigt." Deshalb habe er den Katastrophenfall ausgerufen.

Am Samstag kommen der bayerische Ministerpräsident Markus Söder und Verkehrsminister Hans Reichhart in den Landkreis. Um zehn Uhr nehmen sie an einer Sitzung des Krisenstabs im Tölzer Landratsamt teil, danach wollen sie sich laut Landratsamt "einen Eindruck von der Situation vor Ort" verschaffen.

Laut Behörde waren am Freitag insgesamt 390 Kräfte im Einsatz: 240 von der Feuerwehr, 25 vom THW, 50 Soldaten der Bundeswehr sowie 60 Einsatzkräfte der Bergwacht zur Absturzsicherung und 15 Sanitäter. Sie waren vorrangig damit beschäftigt, die Dächer öffentlicher Gebäude vom Schnee zu befreien und die Zufahrtsstraßen zu den betroffenen Gemeinden zumindest einspurig freizuhalten. Mit einem Polizeihubschrauber wurde versucht, die Bäume an der Straße zwischen Jachenau und Lenggries vom Schnee zu befreien. Die gesperrte St 2072 in die Jachenau wurde wieder für den Verkehr freigegeben.

Landrat Josef Niedermaier hat entschieden.

(Foto: Harry Wolfsbauer)

Am Freitag blieb es zunächst trocken. Allerdings war laut Deutschem Wetterdienst (DWD) von Nordwesten bereits ein weiteres Tief im Anzug. Wie Guido Wolz, Leiter der regionalen Wetterberatung des DWD in München, erklärt, ist in der Nacht auf Samstag für den Tölzer Landkreis mit leichten Schneefällen zu rechnen. Der Samstag bleibe dann weitgehend trocken. In der Nacht auf Sonntag aber soll ein Tiefausläufer mit Sturmböen die Region erreichen - zusammen mit einer Warmfront. Dies erhöhe die Schneefallgrenze auf mehr als 1000 Meter und bringe in höheren Lagen bis zu 30 Zentimeter Neuschnee, in tieferen Lagen ergiebigen Regen, sagt Wolz.

Der Tiefausläufer bestimme dann das Wetter bis Dienstag, "fast wie letzte Woche". Deshalb warne der DWD bereits vor dem nächsten Unwetter. "Die Situation bleibt angespannt", so Wolz. Das zwischenzeitlich wärmere Wetter verschärfe sogar die Lage. Bei mit viel Schnee beladenen Dächern führe der angekündigte Regen gefolgt von Neuschnee zu einem "enormen Zuwachs an Gewicht".

Wegen der Schneelast wurden im Landkreis nicht nur zahlreiche Hallen gesperrt, auch ein Supermarkt in Geretsried blieb am Freitag geschlossen. Das Landratsamt weist darauf hin, dass es Aufgabe der Hauseigentümer ist, die Dächer zu beobachten und gegebenenfalls von Privatfirmen räumen zu lassen. In den am schwersten betroffenen Gemeinden prüft laut Peischer eine Expertenkommission die Statik der öffentlichen Gebäude. In einigen Gemeinden fallen am Wochenende zahlreiche Gottesdienste aus.

Lifte und Wanderwege gesperrt

Wegen Schneebruch- und Lawinengefahr ist das Freizeitangebot im Nachbarlandkreis am Wochenende nur eingeschränkt nutzbar. Der Wirtschaftsweg auf den Blomberg ist von der Talstation bis zum Blomberghaus bis auf Weiteres gesperrt. Weder Fahrzeuge noch Fußgänger dürfen den Weg benutzen. Die Blombergbahn warnt auf ihrer Homepage: "Es besteht Lebensgefahr!" Auch alle anderen Wanderwege sowohl am Blomberg als auch in anderen Waldgebieten sollten nicht genutzt werden, das Blomberghaus ist ebenfalls geschlossen. Aktuelle Informationen im Internet unter www.blombergbahn.com. Im Skigebiet Brauneck in Lenggries ist ein Großteil der Liftanlagen nicht in Betrieb. Am Freitag liefen nur die Tallifte am Streidl-, Draxl- und Jaudenhang. Infos unter www.brauneck-bergbahn.de. Wegen Lawinengefahr ist in Lenggries die Bundesstraße B 307 von der Kaiserwacht zum Sylvensteindamm gesperrt sowie die Forststraße Vorderriß-Wallgau. frie

Aufgrund der Wetterprognosen bleiben zudem sämtliche staatlichen Schulen im Tölzer Landkreis bis einschließlich Dienstag geschlossen. Das hat das Schulamt am Freitag entschieden. In den Einrichtungen gibt es wie gehabt einen Notbetrieb für die Kinder berufstätiger Eltern. Die widrige Witterung und die damit verbundene unsichere Anfahrt hat auch bei Arbeitgebern zu Ausnahmeregelungen geführt. So hatten die Mitarbeiter des Wolfratshauser Bauunternehmens Krämmel am Donnerstagnachmittag und am Freitag schneefrei.

In Icking sind die Schneemassen so gewaltig, dass die Kommune nun die Gehwege zu Schneeablageflächen erklärt und die Eigentümer von der Räumpflicht befreit hat. Fußgänger müssen dort die Fahrbahn nutzen und haben Vorrang.

Wälder sollten wegen der Gefahr durch umstürzende Bäume nach wie vor nicht betreten werden. In Wolfratshausen bleiben die Wege zum Bergwald gesperrt, auch Geretsried hat ein Betretungsverbot für den Stadtwald ausgesprochen. Gebrochene Äste und Teile von Kronen seien durch den Schnee nicht sichtbar, könnten aber jederzeit auch bei Windstille hinabstürzen, warnt der Wolfratshauser Revierförster Robert Nörr.

Bahnreisende müssen weiter geduldig sein. Die gesperrten Strecken der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) südlich von Holzkirchen bleiben bis Dienstag gesperrt. Solange es die Witterung zulässt, wird ein Schienenersatzverkehr eingesetzt. Die S 7 verkehrt seit Freitagmittag nur mehr im 40-Minuten-Takt zwischen Höllriegelskreuth und Wolfratshausen.