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Energiewende:Von wegen windiger Ertrag

Vorstellung der Berger Windräder

Zum ersten Mal haben die Windräder in den Wadlhauser Gräben die von Gutachtern prognostizierte Menge Strom erzeugt.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Wer Anteile an den Windrädern in Berg hält, bekommt nun eine Gewinnausschüttung von zehn Prozent. Die Anlagen haben 2019 ein Rekordergebnis erzielt

Der Wind hat die Prognosewerte erstmals deutlich übertroffen, eine üppige Gewinnausschüttung in Höhe von zehn Prozent belohnt das Vertrauen der 169 Anteilseigner: Die vier Windräder der Gemeinde Berg haben 2019 mit rund 25,2 Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom ein Rekordergebnis erzielt, teilt die Betreibergesellschaft "Bürgerwind Berg GmbH & Co KG" mit. Zumindest in ökonomischer Hinsicht ist Kritikern des Projekts damit etwas Wind aus den Segeln genommen.

Treibende Kraft zum Bau der Windräder war Altbürgermeister Rupert Monn gewesen. Angesichts des Klimawandels ist er überzeugt davon, dass "man an weiteren Windrädern in der Region nicht vorbeikommen kann" - zumal erneuerbare Energien nicht nur unabhängig von Öl-, Gas- und Kohleimporten machen, sondern auch die Wirtschaft unabhängig von Krisen stützen. Als eine der letzten Anlagen Bayerns waren Ende 2015 die Windräder in den Wadlhauser Gräben ans Netz gegangen, die 8000-Einwohner-Gemeinde Berg versorgt sich nun zu 100 Prozent selbst mit Strom. Die von der Staatsregierung beschlossene 10-H-Regel erschwert seither den Neubau von Windrädern, Bayern ist bundesweit Schlusslicht. Doch die Debatte darüber gerät derzeit wieder in Bewegung.

Aufgrund der Corona-Pandemie gab es zum Abschluss des Geschäftsjahres 2019 keine ordentliche Gesellschafterversammlung der Bürgerwind GmbH, die Abstimmungen über wichtige Angelegenheiten fielen im schriftliches Umlaufverfahren. Die wichtigsten Ergebnisse: Die vier Windenergieanlagen mit jeweils 3,0 Megawatt Leistung erzeugten im Vorjahr insgesamt etwa 25,2 Millionen Kilowattstunden Strom bei einer technischen Verfügbarkeit von 98 Prozent - aus Sicht der Betreiber ein gutes Ergebnis, das sich auch finanziell auszahlt. Wegen der sehr guten Winderträge sowie einer daraus resultierenden "hohen Überliquidität" schlugen Geschäftsführung und Aufsichtsrat den Gesellschaftern eine Ausschüttung in Höhe von zehn Prozent vor: ein Vorschlag, den die Kommanditisten mit deutlicher Mehrheit annahmen. Nach durchschnittlich fünf Prozent Gewinnausschüttung für 2016 bis 2018 gibt es für die Anteilseigner nun also eine Rekordzahlung. Im Klartext: Ein Mindestanteil in Höhe von 5000 Euro beschert dem Eigner 500 Euro. Die Gemeinde Berg als Hauptanteilseigner hatte einst eine Million investiert, der frühere Bürgermeister Monn spricht daher von einer Erfolgsgeschichte für Berg: "Ökologisch wie ökononisch sind die vier Windräder ein großer Erfolg", sagt er - und sieht damit auch den Vorwurf der Projektgegner entkräftet, die behauptet hatten, die Gemeinde "würde nur aufs Geldsäckel schauen".

An den Prognosen der Jahresstromproduktion in den Wadlhauser Gräben hatte es seitens der Windkraftgegner wiederholt Zweifel gegeben. Während einige Gutachter für die vier Windanlagen optimistisch insgesamt bis zu 28 Millionen Kilowattstunden (kWh) errechnet hatten, prognostizierte die Gemeinde Berg den Ertrag pro Windrad vorsichtiger auf sechs bis 6,5 Millionen kWh - ein Wert, der sich im nunmehr vierten Betriebsjahr als realistisch erweist. Im ersten Jahr erzeugten die vier Windräder lediglich 20,7 Millionen kWh. 2017 waren es 24,5 Millionen und 2018, dem bislang windschwächsten Jahr, nur 20,6. Für 2019 aber hatte sich schon frühzeitig Ende Juni ein besseres Ergebnis angedeutet: Nach nur sechs Monaten waren bereits 14,2 Millionen Kilowattstunden Strom eingespeist. Noch besser scheinen die Perspektiven für dieses Jahr zu sein: Nach vier Monaten melden die Betreiber bereits rund 12 Millionen Kilowattstunden Öko-Energie aus Windkraft.

Die Berger Bürgerwind-Gesellschaft steht nach eigenen Angaben "wirtschaftlich sehr gut da", zumal binnen vier Jahren bereits 32,2 Prozent der aufgenommenen Darlehen getilgt wurden. Die Gesamtinvestition beträgt 21,6 Millionen Euro: 15 Millionen Fremdkapital, 6,6 Millionen eigenes Geld. Die Rechnung scheint aufzugehen, der wirtschaftliche Gewinn schafft Vertrauen: Die Kommanditisten erteilten der Geschäftsführung ohne Gegenstimmen die Entlastung fürs Geschäftsjahr 2019.

Gleichwohl war das ehrgeizige Projekt von Beginn an umstritten - insbesondere in den Nachbargemeinden. Kaum waren erste Pläne bekannt geworden, regte sich massiver Protest in Neufahrn, Schäftlarn und Icking. Privatleute und der "Verein zum Schutz der Wadlhauser Gräben" riefen zum Widerstand auf, ein Landwirt kündigte gar den Beginn eines Krieges an. Jahrelang blieben die Windräder neben der Autobahn A 95 Gegenstand erbitterter Auseinandersetzungen, bis heute gibt es Vorbehalte und Zweifel an Gutachten und Prognosen - von ästhetischen Aspekten im Landschaftsbild ganz abgesehen. Die Nutzungspläne der Gemeinde Berg wurden beklagt, Naturschützer bangen um Rotmilan, Wespenbussard und einige Fledermausarten.

Die Berger Windenergiepläne waren nach der Nuklearkatastrophe im japanischen Fukushima am 11. März 2011 und dem angekündigten Ausstieg der Bundesrepublik aus der Kernenergie konkret geworden. Der Kreistag hatte schon 2005 beschlossen, den Landkreis Starnberg bis 2035 vollständig mit erneuerbaren Energien möglichst aus der Region zu versorgen - ein derzeit weit entferntes Ziel.

© SZ vom 09.05.2020

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