Wer im Staatsforst ein Windrad baut, muss danach den Bauplatz ökologisch aufwerten. Das wird Pflicht, kündigte Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) am Mittwoch bei einem Ortstermin im Wald bei Berg am Starnberger See an. In jedem einzelnen Pachtvertrag würden Ausgleichsmaßnahmen aufgenommen, ergänzte Martin Neumeyer, Vorstandsvorsitzender der Staatsforsten. Wie so etwas aussehen kann, hat man unter zwei Windkraftanlagen in den Wadlhauser Gräben schon ausprobiert. Dort wurden Büsche gepflanzt und Blumen gesät. Das soll Vorbild sein für Hunderte weitere Standorte.
Die vier Rotoren drehen sich gemächlich im lauen Wind, als Minister Aiwanger und Vertreter der Staatsforsten in dem Waldgebiet zwischen Garmischer Autobahn und Starnberger See eintreffen. Die Anlagen ragen weit über die Baumwipfel hinaus und sind auch vom gegenüberliegenden Ufer des Sees gut zu sehen, mit einem starken Teleobjektiv sind die Anlagen selbst vom Münchner Osten aus noch zu erkennen. Es sind vier von etwas mehr als hundert Windkraftanlagen im Staatswald, die bereits in Betrieb sind. Für weitere 180 Standorte gebe es Pachtverträge, sagte Forstchef Neumeyer beim Ortstermin, 500 sollen es nach seinen Worten bis Ende 2030 werden. Für alle wird laut einer Mitteilung das „bundesweit einmalige Pilotprojekt“ bei Berg zum Vorbild.

Etwa ein Hektar wird üblicherweise während der Bauarbeiten benötigt, später nur noch die Hälfte davon. Allerdings muss der Platz auch weiterhin für größere Maschinen befahrbar bleiben, für einen Kran etwa. Angesichts der Bepflanzung dieser Fläche bei Berg sprach Aiwanger, der auch Aufsichtsratsvorsitzender der Staatsforsten ist, von einem „Kleinod“, von einer „Chance für Ökologie und Artenvielfalt“.
Auf der Kiesfläche unterhalb des Turms wurde eine Wiese mit vielen Blumen angesät; etwa 60 verschiedene Arten, wie Emil Hudler, der Leiter des Forstbetriebs München erläuterte. Verwendet wurde ausschließlich für den Naturraum typisches, in dem Gebiet heimisches Saatgut. Am Waldsaum pflanzte man Büsche wie Schlehdorn, Weißdorn und Berberitze, und als besondere Zutat wurden Wurzelstöcke aufgetürmt. Sonderstrukturen, nennen das die Fachleute. Gehölz und Erde mit Nischen und Löchern bieten ebenfalls Lebensraum, etwa für Insekten und Pilze. Unterhalb der hohen Fichten wachsen seit ein paar Jahren Lärchen heran. Hier machen sich des Ministers profunde Botanikkenntnisse bemerkbar, als er launig auf den Unterschied zwischen Baum und Vogel hinweist: Der Baum sei „der mit ä. Der mit e pfeift.“
Von den frisch gesäten Blumen ist beim Besuch am Mittwoch allerdings noch kaum etwas zu sehen. Der einstige Bauplatz sieht eher aus wie eine Kiesbrache, aus der hier und da ein bisschen Gras hervor spitzt. Im kommenden Frühjahr soll es dort bunt blühen. „Dann werden die Bürger kommen und sich einen Blumenstrauß pflücken. Das gönnen wir ihnen auch“, sagte Aiwanger.
Der frühere Wirtschaftsminister Martin Zeil hat auf einer Liste von Windrad-Gegnern unterschrieben
Denn auch darum geht es bei diesem Pilotprojekt: um das Image der Windräder, um die Akzeptanz. Denn schnell regt sich Widerstand, sobald Standorte genannt und Pläne konkret werden. Da gibt es Protest, es werden Unterschriften gesammelt. In Gauting hat im vergangenen Jahr sogar der ehemalige bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) auf einer Liste der Gegner unterschrieben. Die Eingriffe in den Wald spielt bei den Kritikern oft eine Rolle. Die ökologische Aufwertung auf ehemaligen Bauplätzen soll dem entgegenwirken. „Das steigert die Akzeptanz“, glaubt Aiwanger.

Nach einer langen Flaute sind jetzt auch in Bayern viele weitere Windräder geplant, nicht nur auf den Flächen der Staatsforsten. Laut dem Wind-an-Land-Gesetz muss der Freistaat bis Ende 2032 mindestens 1,8 Prozent seiner Fläche für Windkraftwerke ausweisen. Allein im Landkreis Starnberg gibt es in mehreren Gemeinden entsprechende Pläne. In Gilching etwa, wo es eine Kooperation mit den Gemeinden Alling und Schöngeising im Nachbarlandkreis Fürstenfeldbruck gibt, oder in der Gemeinde Wörthsee.
Der Landkreis Starnberg ist schon vor vielen Jahren in Vorleistung gegangen und hat in einem langwierigen Prozess sogenannte Konzentrationsflächen ausgewiesen, also festgelegt, wo einmal Windräder stehen könnten und wo nicht. Zudem hat sich der Landkreis selbst zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2035 klimaneutral zu sein. Allerdings tauchen auch immer wieder große Hindernisse auf, etwa Einflugwege zum Sonderflughafen Oberpfaffenhofen. Pläne auf Gautinger Flur wurden deswegen schon gestoppt.

