Sie kamen aus unterschiedlichen Milieus, waren politisch nicht engagiert und stellten sich letztlich dennoch gegen die menschenverachtende Ideologie der Nationalsozialisten: Elisabeth von Thadden, die einem alten Adelsgeschlecht entstammte und zeitweise eine Schule in Tutzing führte, und der Offizier Günther Caracciola-Delbrück, der in Gauting lebte. Beide fühlten sich nach den Worten von Kreisarchivarin Friederike Hellerer ihrem „sozialen Gewissen“ verpflichtet. Dies führte dazu, dass sie sich dem Widerstand gegen die NS-Machthaber anschlossen, was sie schließlich das Leben kostete.
Hellerer hat sich mit den Lebenswegen beider Personen beschäftigt, sich mit anderen Historikern kurzgeschlossen und Archivmaterial studiert. Auf einer Veranstaltung stellte sie kürzlich die Biografien der beiden vor. Elisabeth von Thadden kommt 1890 in Mohrungen, Ostpreußen, zur Welt. Sie entstammt einem alten evangelischen Adelsgeschlecht und wächst auf Gut Trieglaff in Pommern auf. Gemeinsam mit dem evangelischen Theologen und Sozialethiker Friedrich Siegmund-Schultze organisiert sie im Ersten Weltkrieg die Kinderlandverschickung nach Dänemark und Holland.
Nach einer Ausbildung an der Sozialen Frauenschule in Berlin wird sie Erzieherin und nimmt eine Stelle in einem Kinderdorf auf der Schwäbischen Alp an. Laut Hellerer entstehen in dieser Zeit an vielen Orten Landschulheime, die sich der sogenannten Reformpädagogik verschrieben haben, so auch in den beiden Ammerseegemeinden Schondorf und Breitbrunn.

Im Jahr 1927 gründet Elisabeth von Thadden selbst in der Nähe von Heidelberg im Wieblinger Schloss ein „Evangelisches Landeserziehungsheim für Mädchen“. Ihre Schule besuchen bis zur Verstaatlichung privater Einrichtungen durch die Nationalsozialisten im Jahre 1941 auch jüdische Mädchen, weiß Hellerer. Im Herbst 1939 muss die Schulgründerin ihr Institut nach Tutzing in das damals leer stehende ehemalige Hotel Simson verlegen. In Tutzing muss sie bereits erste Verhöre und Hausdurchsuchungen über sich ergehen lassen, da die Mutter einer Schülerin sie denunziert und ihre Tochter Mädchen dazu angestiftet hatte, Material gegen die Schulgründerin zu sammeln.
Nachdem die Nationalsozialisten den Schulbetrieb in Tutzing einstellen, geht Elisabeth von Thadden zurück nach Berlin, wo sie sich beim Deutschen Roten Kreuz engagiert. Hier lernt sie Regimekritikerinnen wie Hanna Solf kennen. Als ein Spitzel den sogenannten Solf-Kreis auffliegen lässt, wird Elisabeth von Thadden am 12. Januar 1944 gemeinsam mit anderen Mitgliedern verhaftet. Danach muss sie unter schrecklichen Bedingungen mehrere Monate in verschiedenen Gefängnissen und im Strafbunker des Konzentrationslagers Ravensbrück fristen. Unter dem Vorsitz von Roland Freisler verurteilt sie der Volksgerichtshof am 1. Juli zum Tode. Am 8. September wird Elisabeth von Thadden im Alter von 54 Jahren in Berlin-Plötzensee enthauptet.

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Günther Caracciola-Delbrücks Lebensweg beginnt im Jahr 1898 in Frankfurt am Main als Sohn eines Offiziers. Am Ersten Weltkrieg nimmt er laut Hellerer als Freiwilliger teil. Diese Erfahrung scheint den jungen Mann geprägt zu haben, denn er schlägt keineswegs gleich die militärische Laufbahn ein, sondern studiert zuerst Theaterwissenschaften und gründet 1928 in Gauting, wo er seit 1923 auch lebt, den „Bavaria-Verlag für moderne Grafik“. In der Würmtalgemeinde führt er offenbar ein recht zurückgezogenes Leben.
Die beiden Pöckinger Historiker Marita Krauss und Erich Kasberger gehen in ihrem Buch über Feldafing im Nationalsozialismus davon aus, dass die frühe Kriegserfahrung die Grundhaltung des jungen Mannes nicht radikalisiert, sondern im Gegenteil pazifiziert hat. Das Haus seiner Eltern, welche in Feldafing leben, nutzt er für Treffen, die nicht für fremde Ohren bestimmt sind.
Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wird Günther Caracciola-Delbrück als Oberleutnant eingezogen. Von 1940 bis 1943 ist er Adjutant des Generals der Artillerie Edmund Wachenfeld beim Wehrkreiskommando VII in München. Franz Ritter von Epp, der Reichsstatthalter in Bayern, befördert ihn im März 1943 zum Major und setzt ihn als Verbindungsoffizier der Wehrmacht ein. Das verschafft ihm den Kontakt zu konspirativen Kreisen innerhalb der Armee – wie Oberst Otto Petzold, Franz Sperr und Claus Schenk von Stauffenberg.

Obwohl das Attentat am 20. Juli 1944 scheitert, setzt Caracciola-Delbrück weiter alles daran, im Hintergrund für die bedingungslose Kapitulation aller Truppen einzutreten. Er will weitere Zerstörungen und Tote verhindern. So ist er auch dabei, als am 27. April 1945 die „Freiheitsaktion Bayern“ anläuft, deren erklärtes Ziel es ist, die Gefechte zu beenden und Bayern kampflos zu übergeben. Bedauerlicherweise gelingt es Caracciola-Delbrück nicht, Franz Ritter von Epp dazu zu bewegen, sich dem Widerstand anzuschließen. Die Lage wird unübersichtlich, der Umsturz scheitert und die Aufständischen werden verhaftet.
Noch am selben Tag verurteilt ein sogenanntes „fliegendes Standgericht“ die Gefangenen ohne rechtsgültiges Verfahren zum Tode. Daraufhin werden Günther Caracciola-Delbrück und der Kompaniedolmetscher Maximilian Roth im Hof des Zentralministeriums erschossen. Nach dem Krieg stellt ein Gericht laut Kreisarchivarin Hellerer fest, dass das Standgericht kein ordnungsgemäßes Gericht war und seine Urteile „reine Willkürakte und in Wirklichkeit Ermordungsbefehle darstellen“. Günther Caracciola-Delbrück ist in Feldafing begraben, wo seine Eltern lebten. Die Gemeinde widmete ihm ein Ehrengrab und in seinem früheren Wohnort Gauting trägt eine Straße seinen Namen.

