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Weßlinger Umfahrung:Verschwundene Amphibien

Der Springfrosch ist streng geschützt - doch nur jeder zweite schafft es durch die Amphibientunnels.

(Foto: Karl-Heinz Paulus)

Die Krötentunnel unter der Straße funktionieren immer noch nicht. Viele Tiere schaffen es nicht auf die andere Seite zu den Laichgewässern. Gemeinde und Bund Naturschutz klagen.

Wo sind die 1900 Amphibien geblieben, die es auf ihrer Wanderung bis zum Krötentunnel an der Weßlinger Umfahrung geschafft haben - aber nicht hindurchgekrochen sind? Und warum sollen es heuer rund 1500 Tiere weniger gewesen sein als noch im Jahr 2016? Es sind solche Zahlen, auf die der Gemeinderat und Naturschützer eine Antwort fordern. Das Staatliche Bauamt hatte diese Bilanz der Zählungen veröffentlicht. 800 000 Euro hat der Krötenschutz mit 42 Tunnels entlang der 1,8 Kilometer langen Trasse gekostet. Doch nach Meinung der Gemeinderäte funktioniert er immer noch nicht.

Länger möchten sie sich nicht mehr mit dem Hinweis auf laufende Untersuchungen hinhalten lassen. Damit sich Claus Angerbauers (SPD) Prophezeiung "Operation gelungen - Patient tot" nicht bewahrheitet, sollen die angedrohten gerichtlichen Schritte nun vollzogen werden. Die Weßlinger werden von zwei Seiten aus ihre Klagen vorbereiten. Die Gemeinde klagt gegen die baulichen Defizite. Das Staatliche Bauamt Weilheim wird eine Mängelrüge bekommen mit einer Frist zur Beseitigung der Schwachstellen an der Amphibienschutzanlage. Daneben wird der Rechtsanwalt der Gemeinde eine Klage vorbereiten und einreichen.

Parallel dazu wird auch der Bund Naturschutz klagen. Der Kreisvorsitzende Günter Schorn wird Verstöße gegen die artenschutzrechtlichen Belange der seltenen Amphibien anführen. "So geht es jedenfalls nicht mehr weiter", sagte er. Im Gemeinderat stellte er die Probleme mit der Schutzanlage dar. Viele Punkte, die verbessert werden müssten, hatte Schorn in einer Tabelle zusammen gefasst. Die gravierendsten hat er mit einem roten Blitz versehen. Zum Beispiel, dass Amphibien während der Akzeptanzkontrolle - so heißen die Zählungen - in Tagesverstecken ausharren müssen, in denen die Naturschützer jüngst Temperaturen von 40 Grad Celsius gemessen haben. Angesichts der Hitze müssten die Fangzäune sofort geöffnet und die Zählung abgebrochen werden, "sonst droht die Gefahr, dass die Jungamphibien auf der Rückwanderung sterben", sagt Schorn. Amphibienschützerin Daniela Brombach fordert, dass die Zählungen der Tiere auf die kühleren Nachtstunden verlegt werden.

Einen Blitz gab es auch dafür, dass von den vier Ersatzlaichgewässern drei trocken gefallen sind. Man könnte doch neue Laichgewässer auf der anderen Straßenseite anlegen, dann bräuchten die Amphibien auch nicht mehr über die Straße kommen, forderte Petra Slawisch (Grüne). Der Vorschlag ist nicht neu. "Wir haben uns gegen die derzeitigen Standorte gewehrt, aber wir wurden damals überstimmt", erklärte Schorn.

Das Staatliche Bauamt gesteht Mängel der Anlage ein. "Die Akzeptanzuntersuchung macht sichtbar, dass - wie vermutlich in den Vorjahren schon - nur ein Teil der Tiere die Straße überwinden kann", heißt es in einer Mitteilung. Das stimmt mit den Beobachtungen von Brombach überein: "Ich bin beinahe täglich zu unterschiedlichen Zeiten an der Anlage. Der Bestand an Amphibien ist bereits jetzt erheblich eingebrochen, insbesondere die Anzahl der Hüpferlinge". Immerhin: Die "Hüpferlinge", wie die jungen Frösche genannt werden, kleben nicht mehr an der Betonwand fest und verenden. Hier wurde ein Spezialanstrich aufgetragen.

Die Bilanz

Erstmals hat das Staatliche Bauamt Zahlen der Akzeptanzkontrolle an der Weßlinger Umfahrung veröffentlicht. Dabei wird mit Zäunen und Fangeimern ermittelt, wie gut Amphibien die Durchlässe unter der Straße annehmen. Während sich die Behörde zufrieden zeigt, schlagen Naturschützer Alarm. Insgesamt wurden bei der Wanderung zu den Laichgewässern hin 4948 Tiere gezählt - fast 1500 weniger als bei der Zählung vor drei Jahren. Davon erreichten nur 3033 Amphibien die andere Straßenseite. Nicht einmal jeder zweite der 2034 Springfrösche wanderte durch den Tunnel. Beim Kammmolch wurden jenseits der Straße sogar mehr Exemplare gezählt als davor - 155 zu 147. Das könnte daran liegen, dass die Tiere in den Durchlässen oder im Umfeld überwintern.sz

Angesichts niedriger Durchwanderungsquoten, die beispielsweise bei den besonders geschützten Springfröschen lediglich 48 Prozent betragen, bei den Erdkröten 69 Prozent und bei den Bergmolchen 77 Prozent, hat das Straßenbauamt Verbesserungsmöglichkeiten versprochen vor allem an den Durchlässen, die von den Tieren am wenigsten angenommen werden. Sie sollen befeuchtet und die Leitlinien optimiert werden. Dabei müssten die Zahlen mit Vorsicht betrachtet werden. Wetter, Fangzeiträume, unterschiedliche Standorte der Zäune und Wanderzeiten könnten die Statistiken verfälschen.

Die Aktivitäten an der Amphibienschutzanlage werden mittlerweile von anderen Kommunen beobachtet. Manche Projekte seien bereits auf Eis gelegt worden, berichtete Schorn. "Alle Blicke sind auf Weßling gerichtet." Die "wertvollen Erkenntnisse" sollen dann in die Planung anderer Projekte einfließen, erklärt Raphael Zuber, Abteilungsleiter im Staatlichen Bauamt. Den Weßlingern ist das zu wenig.