Süddeutsche Zeitung

Podiumsdiskussion:Was jeder für den Klimaschutz tun kann

Forscher Martin Dameris vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt ermutigt in Weßling zu kleinen Schritten - und bekommt dafür großen Zuspruch.

Selbst miterlebt hat Tim Graser die 68er-Jahre natürlich nicht, aber die Aufbruchsstimmung, die er wegen der "Fridays for future"-Demonstrationen spürt, erinnern den 20-jährigen Weßlinger daran. "Endlich werden die Jugendlichen gehört", stimmte Schülerin Elena Rebay zu. Auf dem Podium und im Weßlinger Pfarrstadel gab es von den Älteren viel Zuspruch für das Engagement der Jugendlichen in Sachen Nachhaltigkeit. Damals wie heute habe eine "Bewegung über Europa hinweggefegt", sagte Gerhild Schenck-Heuck. "Danke, dass ihr auf die Straße geht", schloss sich Martin Dameris, Klima- und Atmosphärenforscher am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) an.

Im Rahmen der Weßlinger Solarkampagne hatten Tim Graser, Elena Rebay und Jakob Umhau als Vertreter der jungen Generation gemeinsam mit Ellen Hacker (Vorstandsmitglied der Kreisgruppe des Bund Naturschutz), Martin Dameris und der evangelische Pfarrer Constantin Greim zum Thema "Klimawandel und seine Folgen" diskutiert. Trotz der jahrzehntelangen Warnungen würde weiter verschwenderisch mit den Ressourcen umgegangen. Neun Tonnen Kohlendioxid würde jeder Deutsche im Jahr durchschnittlich erzeugen, wusste Dameris. Mehr als drei sollten es aber nicht sein. Vier Tonnen könnten dabei sofort eingespart werden "ohne sich groß einschränken zu müssen".

Um das zu erreichen, bräuchten die Bürger beispielsweise lediglich auf kleinere Autos umsteigen, weniger fliegen, bei den Lebensmitteln auf regionale Produkte achten und nur "zwei T-Shirts kaufen statt fünf". "Ich nehme für Dienstreisen nur mehr die Bahn", berichtete Dameris. Ein umweltschonendes Verhalten habe nämlich auch viel mit "Entschleunigung" zu tun. Tim Graser gab selbstkritisch zu, mit dem Auto zur Schule gefahren zu sein, um länger schlafen zu können. Ein schlechtes Gewissen habe er aber schon. Für Ellen Hacker hat Umweltschutz wenig mit Verzicht zu tun. Im Gegenteil: "Es gibt einem ein so gutes Gefühl, wenn man etwas für die Umwelt gemacht hat" und sei es, dass man geradelt statt Auto gefahren ist, sagte sie. "Wenn jeder auch nur einen kleinen Schritt in die richtige Richtung macht, dann können wir etwas verändern", meinte der 19-jährige Jakob Umhau.

Als Beispiel nannte Pfarrer Constantin Greim die Jugendfreizeiten seines Dekanats. Nach langen Diskussionen würde es dort in diesem Jahr erstmals eine reine vegetarische Küche geben. "Vielleicht verlieren wir dadurch ein paar Teilnehmer, aber man kann es nicht immer allen recht machen". Hacker forderte einen echten Wandel statt lediglich Lippenbekenntnisse und zwar auf politischer, wirtschaftlicher und individueller Ebene. Allerdings müsste dieser Wandel sozial verträglich ablaufen, "damit die Gesellschaft ihn mitträgt". Wer einmal im Jahr mit dem Flugzeug in den Urlaub fliege, sollte nicht an den Pranger gestellt werden, mahnte Dameris. Ihn stören viel mehr die vielen Kurztrips, die viele Bürger zusätzlich mit dem Flugzeug machen. Trotz der Weltuntergangsstimmung allerorten, sei noch nichts verloren, so Dameris: "Wir haben noch die Chance etwas zu verändern, aber wir haben nicht mehr viel Zeit".

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SZ vom 05.08.2019
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