Weßling:"Ich bin ein Medien-Unternehmer"

Der Weßlinger Verleger und Lyriker Anton G. Leitner, Herausgeber der Zeitschrift "Das Gedicht", hat wie nur ganz wenige in seiner Branche das Internet frühzeitig als Chance begriffen und profitiert immer mehr davon

Von Wolfgang Prochaska, Weßling

- Anton G. Leitner, 53, hat mit Gedichten begonnen, dann einen Verlag in Weßling gegründet und gehört zu den wenigen Verlegern von Literaturzeitschriften, die seit mehr als 20 Jahren erfolgreich sind. Der Grund liegt im ständigen Um- und Ausbau seines Verlags in Richtung digitale Welt. Aus dem Kleinstverlag ist ein Multi-Media-Haus geworden. In den kommenden Tagen präsentiert Leitner die 22. Print-Ausgabe seiner Zeitschrift Das Gedicht, am 22. Oktober wird in München im Literaturhaus um 20 Uhr mit viel Dichtervolk groß gefeiert. Die SZ sprach mit Leitner über das Konzept der neuen Ausgabe, über ihre Entwicklung und wie es ist, als Verleger das Internet zum eigenen Vorteil zu nutzen.

SZ: Herr Leitner, das Cover der neuen Ausgabe "Der Swing vom Ding - Die Lust am Objekt" erinnert an Heft 8, jene Ausgabe über Erotik, die Ihre Zeitschrift bundesweit in die Schlagzeilen brachte. Wollen Sie mit Ausgabe 22 wieder in die Schlagzeilen?

Anton G. Leitner: Das Thema unserer neuen Ausgabe sind die Dinge an sich und die können ja auch eine große Sinnlichkeit und Erotik entfalten. Unsere Grafiker Boerboom und Vogt haben auch dieses Cover entwickelt und sind in eine erotische Richtung gegangen. Das Cover zeigt ja nur eine schwarze Damenhandtasche mit aufgezogenem Reißverschluss, aus der ein roter Schal herausschaut. Alles andere bewirkt unsere Fantasie, möglicherweise unsere schmutzige Fantasie.

Früher waren die Ausgaben von Das Gedicht oft unschuldig weiß. Jetzt wählen Sie einen schwarzen Umschlag. Warum?

Wir brechen damit ein Tabu.

Also doch ein Skandal?

Langsam. Ich finde, man muss sich abheben von der üblichen, biederen Buchgestaltung. Die funktioniert nicht mehr. Es heißt zwar, man macht keine Deckblätter in Schwarz. Aber diese Kunstledertasche ist eben schwarz und sie liegt auf einem schwarzen Stoffhintergrund. Das hat was.

Wie kommt man eigentlich zu dieser speziellen Ausgabe?

Ich gebe seit sieben Jahren Das Gedicht mit einem Mitherausgeber raus. Und jeder Gast-Herausgeber bringt seinen eigenen Verskosmos mit. Hellmuth Opitz aus Bielefeld, mit dem ich diese Ausgabe gemacht habe, ist ein meisterhafter Bedichter von Haushaltsgegenständen. Er hat zum Beispiel ein wunderschönes Gedicht über einen Toaster geschrieben. Als wir überlegten, welches Thema die neue Ausgabe haben soll, kamen wir darauf , dass es keine Anthologie über Dinge gibt. Es muss ja auch ein Thema sein, mit dem sich 2500 Exemplare absetzen lassen.

Haben Sie einen ganz bestimmen Autorenkreis, der dazu dann Gedichte schreiben soll? Oder wie läuft das?

Zu jeder Ausgabe von Das Gedicht wird eingeladen. Wir achten besonders darauf, unveröffentlichte Gedichte zu erhalten. Die machen 95 Prozent aller Texte im Heft aus. Deshalb ist es nötig, Autoren anzuschreiben. Den dichtenden Kern unserer rund 1000 Abonnenten bilden 500 Leute, die sich für unseren Abo-Newsletter eingetragen haben. Wir laden sie jährlich ein, uns drei Gedichte zum jeweiligen Thema zu schicken.

Dann bricht die Lyrikflut los.

Ja. Ab dann beginnt die Arbeit an der neuen Ausgabe, denn wir sprechen durch, welche Gedichte wir für besonders geeignet halten.

Wo finden die Treffen statt?

Wir führen vorab Telefonate und tagen in meiner Verlagsbibliothek in Weßling. Etwa drei Arbeitstage am Stück sind wir mit der Endauswahl beschäftigt.

Das ist doch wahnsinnig, oder. Da kommen doch zuerst 1400 Gedicht zusammen.

Ja, das sind tatsächlich 1400 bis 1500 Gedichte. Und wir sichten alle Einsendungen. Die füllen mehrere Leitz-Ordner. Meine Redakteurin Gabriele Trinckler sortiert für mich die Texte vor. Mein Mitherausgeber und ich gehen mit jeweils circa 200 Favoritentexten in die Auswahlsitzung.

Gibt es dann einen Kampf, wer seine Autoren durchbringt? Wer ist dann der Schiedsrichter?

Es ist nicht schlecht, wenn Gabriele dabei ist und manchmal sind wir auch zu viert mit Paul-Henri Campbell, der unsere englischsprachige Tochterausgabe betreut. Er schaut sich die Gedichte unter dem Aspekt an, welche thematisch besonders für Leser in den USA interessant sind.

Was heißt das? Gute Lyrik funktioniert doch überall?

Nicht unbedingt. Bei unserer Ausgabe zum Thema Reisen waren es Gedichte über deutsche Landschaften und Regionen, zum Beispiel Franken. Darüber gibt es in den USA wenig zu lesen. Deshalb sind solche Gedichte für den englischen Sprachraum besonders interessant. Das sind neue Erfahrungen für uns.

Wie geht es dann weiter?

Wir haben in der Endrunde 400 Texte auf dem Tisch und diese werden einzeln durchgegangen. Am Schluss sind es dann 100 bis 150 Gedichte, auf die wir uns geeinigt haben.

Wie lange ist der Vorlauf bis zum Erscheinen des Heftes?

Locker neun Monate, so lange, wie eine Schwangerschaft dauert. Wir laden Anfang des Jahres zur neuen Ausgabe ein. Ich gebe den Autoren relativ wenig Zeit für ihre Einreichungen, gut 14 Tage. Sobald die Gedichte ausgewählt sind, erstellt Gabriele Trinckler ein Kompositionsgerüst, das heißt sie schaut, welche Texte in Abfolge zueinanderpassen, wie viele Kapitel notwendig sind. Alle Gedichte werden am Boden nebeneinander ausgebreitet und solange verschoben, bis sich ein inhaltlicher Spannungsbogen ergibt. Danach geht die Anthologie ins Layout zu Peter Boerboom, damit wir frühzeitig Korrekturabzüge an die Autoren schicken können. Dann rückt unser Essay-Teil in den Fokus.

Ihre Lyrik-Zeitschrift gibt es seit 22 Jahren. Wird Das Gedicht auch in 22 Jahren so erscheinen, als Printprodukt?

Unsere Arbeit verändert sich schon seit Jahren stark.

Inwiefern?

Ich habe neue technische Entwicklungen immer als Herausforderung gesehen, und mir war klar, dass wir uns den neuen Medien öffnen müssen. So verfügten wir bereits 1995 über eine eigene Internet-Präsenz. Wir haben also lange Erfahrungen mit dem Netz. Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich junge Leute im Verlag brauche, die mit Computern aufgewachsen sind. E-Books zu machen, hätte ich mich ohne Unterstützung nicht getraut. Ich konnte die junge Germanistin Alexandra Palme als freie Mitarbeiterin gewinnen. Sie hat sich auf Social Media Webmarketing spezialisiert und betreut unsere Online-Auftritte. Sie hat auch dafür gesorgt, dass wir bei Twitter und Facebook präsent sind, dass unser Online-Portal www.dasgedicht.de mit einem Internet-Shop versehen wurde, was überlebenswichtig für uns war, da viele Buchhändler der zeitgenössischen Lyrik keinen Platz mehr in ihrem Sortiment einräumen. Früher haben wir 70 Prozent unserer Ausgaben über den Buchhandel verkauft, jetzt laufen 75 Prozent über den Direktvertrieb. Die aufwendigen Veränderungen, die wir als Verlag durchmachen müssen, hängen stark mit dem Internet zusammen, das wird mir im Rückblick immer klarer.

Hört sich so an, als würden Sie vom Internet profitieren, im Gegensatz zu Zeitungs- oder anderen Buchverlagen?

Es abonnieren inzwischen immer mehr Leute über das Internet unsere Zeitschrift. Das ist zwar keine große Masse, aber wir verkaufen dadurch etliche neue Abos. Auch wenn sich der enorme Aufwand noch nicht ganz rechnet, wird der Vertriebsweg Internet von Tag zu Tag wichtiger für uns. Wir produzieren inzwischen eigene Podcast-Beiträge, seit kurzem betätige ich mich auch als Video-Kolumnist. Während der Fußball-WM wimmelte es geradezu von Besuchern auf www.dasgedichtblog.de, weil wir eine Dichter-Elf fast live die Spiele der WM in Versen kommentieren ließen. Es gab teilweise über 1000 Klicks am Tag, insgesamt verzeichneten wir um die 30 000 Besucher während der WM. Die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur hat unser Engagement gelobt und auf uns verlinkt, vorher wussten wir gar nicht, dass es eine solche Akademie gibt.

Ist der Leitner-Verlag jetzt ein mittelständischer Betrieb und gleichzeitig ein Start-up?

Wir müssen heute in der Lage sein, eigene Rundfunk- und Fernsehbeiträge zu produzieren und gleichzeitig ausführliche Rezensionen zu erstellen. Trotz all dieser Zusatzangebote verkaufen wir etwas weniger Bücher. Das ist natürlich hart. Aber wir haben rechtzeitig damit begonnen, unsere redaktionelle Kompetenz für Kunden nutzbar zu machen. Wir leben heute stark von Dienstleistungen im Bereich Lektorats- und Öffentlichkeitsarbeit, bis hinein in den Sachbuchbereich. Außerdem veranstalten wir Lyrik-Seminare und planen Lesungen. Neu hinzugekommen ist heuer unsere Tochterausgabe in englischer Sprache: Das Gedicht Chapbook. German Poetry Now.

Wird es für Sie nicht langsam unübersichtlich?

Ja. Ich habe deshalb vor einem Jahr einen Verlagsbeirat gegründet, der mit Juristen, Betriebswirten und Bankern besetzt ist. Sie stehen mir ehrenamtlich mit Rat und Tat zur Seite, um mir dabei zu helfen, den schwierigen Übergang ins digitale Zeitalter zu meistern.

Welche Rolle spielen Sie jetzt? Verleger, Unternehmer, Lyriker?

Im Grunde bin ich ein Medien-Unternehmer geworden. Wir haben als Print-Zeitschrift begonnen und wachsen mehr und mehr ins Multimediale hinein. Markenkern meines Verlages ist und bleibt die Zeitschrift Das Gedicht. Dieser Kern muss weiter gestärkt werden. Aber Einnahmen generieren wir verstärkt durch Seminare, Lektorat usw. Das habe ich in diesem Umfang nicht vorausgesehen.

Herr Leitner, Sie haben sich auch in die Kommunalpolitik von Weßling eingemischt. Sie haben für den Bau der Umfahrung gekämpft. Es kommt selten vor, dass Intellektuelle direkt vor ihrer Haustüre politisch werden.

Ich bin im Grunde meines Herzens ein bayerischer Sozialdemokrat und im Hinblick auf umweltpolitische Themen grün angehaucht. Allerdings bin ich als Literat ein Realo, das heißt, ein unabhängiger Geist, bisweilen auch renitent. Ideologische Schranken sind mir zuwider. Mir ist zwar bewusst, dass eine Umfahrung auch ein Stück Natur zerstört, aber ich bin zutiefst davon überzeugt, dass mein Heimatdorf, in dem ich seit über 50 Jahren lebe, ohne Umgehungsstraße vor die Hunde ginge. Ich kann seit Jahren nur noch arbeiten oder schlafen, wenn ich mir Silikon-Stöpsel in die Ohren stopfe, und dies, obwohl ich kein unmittelbarer Anlieger der Weßlinger Hauptstraße bin. Ich lebe wegen der Ruhe auf dem Land und nehme dafür ohnehin Nachteile in Kauf. Der eskalierende Schwerlastverkehr aber schlägt dem Odelfass den Boden aus. Ich habe mir gedacht, das kann so nicht weitergehen, dieser Ort hat mit der Straße, die ihn zerschneidet, keine Zukunft.

© SZ vom 04.10.2014
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