MädchenheimHeiligabend besteht Anwesenheitspflicht

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Die Bewohnerinnen des Caritasheims in Gauting feiern gemeinsam, für einige ist das Fest jedoch eine emotionale Herausforderung.

Blanche Mamer

Gauting - Es sind die bekannten Rituale: Weihnachtsbaum schmücken, Festessen kochen, sich an den feierlich gedeckten Tisch setzen und Geschenke tauschen. Aber für die Bewohnerinnen des Caritas Mädchenheims in Gauting ist diese Art von Weihnachten häufig unbekanntes Terrain. Das Fest als ganz neue Erfahrung - extrem emotional, möglicherweise schmerzlich und sehr schwierig für manche der Jugendlichen aus problematischen Familienverhältnissen.

Gauting Weihnachtsvorbereitungen im Gautinger Mädchenheim
Gauting Weihnachtsvorbereitungen im Gautinger Mädchenheim (Foto: STA)

"Heiligabend besteht Anwesenheitspflicht. Weihnachten wird gemeinsam in den Wohngruppen gefeiert, die Mädchen, die nach Hause fahren, dürfen erst am 25. Dezember um 8 Uhr die Einrichtung verlassen", sagt Heimleiter Bernd Stadler. Allerdings hat nur knapp die Hälfte der rund 60 Mädchen, die in sechs geschlossenen und zwei offenen Gruppen der intensivtherapeutischen Betreuungseinrichtung für weibliche Jugendliche untergebracht sind, Ausgang. Einige sind noch in der Eingewöhnungsphase. Sehr traurig werden die Tage wohl für "ein Mädchen, das erst vor zwei Wochen überraschend eingewiesen wurde", wie Frank Woltmann, Abteilungsleiter und Psychologe, sagte. Weder das Mädchen noch die Mutter hatten damit gerechnet. Die Vorschriften sind streng, die Betroffene darf nicht nach draußen telefonieren.

Da die Rituale für Feste bei den meisten fehlen, sei es wichtig, sich an Strukturen zu halten. "Wir feiern richtig traditionell. Auch wenn das kitschig klingt, die Mädchen schauen nachmittags den Film "Der kleine Lord" an, singen Weinachtslieder. Es folgt eine richtige Bescherung mit Warten im Zimmer bis das Glöckchen klingelt. Das gefällt vielen der 13- bis 17-Jährigen gut, auch wenn es sicher einige cool finden, sich zu mokieren", meint Stadler. Dass möglicherweise Emotionen hoch kochen und zu Ärger führen, sei nicht auszuschließen. Sicher werden einige Geschenke, ob von den Eltern oder vom Jugendamt, nicht den Wünschen entsprechen, sicher werden Hoffnungen enttäuscht, wenn sich Vater, Mutter oder Geschwister nicht melden oder keine Nachricht vom Freund kommt.

Möglich sei indes auch, dass sich alle in der Gruppe bemühen, ein friedliches Fest hinzubekommen. Heuer klaffe die Schere in Bezug auf Herkunft und Bildung der Mädchen sehr auseinander, so der Heimleiter. Ein paar Mädchen hätten Kindheitserinnerungen an glückliche Weihnachten, andere dagegen haben lange auf der Straße gelebt. "Sicher ist, sie sind alle auf die eigene Thematik zurückgeworfen und mit schmerzlichen Gefühlen konfrontiert", so Woltmann. Für sämtliche Mitarbeiter sei klar, dass es "keine einfache Zeit sei". Sieben Betreuer kümmern sich jeweils um sieben Mädchen. Vergangene Weihnachten hat er feststellen können, dass einige Mädchen nach zwei Tagen mit der eigenen Familie froh waren, wieder im Heim zu sein.

© SZ vom 24.12.2010 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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