Kramerladen in WangenMehr als nur Zucker, Eier, Mehl

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Zu hohe Kosten, zu wenige Kunden: Christine Holzeder (li.) und Luise Jäger müssen ihren kleinen Lebensmittelladen im Starnberger Ortsteil Wangen schließen.
Zu hohe Kosten, zu wenige Kunden: Christine Holzeder (li.) und Luise Jäger müssen ihren kleinen Lebensmittelladen im Starnberger Ortsteil Wangen schließen. (Foto: Foto: Nila Thiel)

Der kleine Dorfladen in Wangen war früher ein sozialer Treffpunkt. Doch mittlerweile lohnt sich der Betrieb nicht mehr. Luise Jäger und Christine Holzeder geben das einzige Geschäft im Ort deshalb auf. Gerade für Ältere ist das ein Problem.

Von Sabine Bader, Starnberg

Der örtliche Kramerladen hat weitaus mehr zu bieten als Zucker, Mehl, Eier und Semmeln. Er ist ein Treffpunkt. Denn wo begegnet man sich schon sonst im Ort, wenn nicht im oder vor dem Dorfladen? Früher hätte man gesagt: Natürlich ist das Wirtshaus der Treffpunkt Nummer eins und sonntags die Kirche.  Aber die Zeiten haben sich geändert: Die Pfarrer beklagen seit Langem den Schwund an Gläubigen, viele Kirchenbänke bleiben leer. Und das Überleben der kleinen Dorfgaststätten ist spätestens seit Corona unsicherer denn je.

Eine Beschreibung wie diese passt wohl so ziemlich auf jeden zweiten Ort im Oberland. Um es aber konkret zu machen: Das Dorf Wangen, östlichster Ortsteil von Starnberg, mit seinen rund 800 Einwohnern ist genau in dieser Situation. Die Gastwirtschaft ist schon seit Jahren dicht, die Kirchenbänke sind alles andere als voll - und jetzt macht auch noch der Kramerladen zu. Stichtag ist für die 69-jährige Luise Jäger und ihre 59-jährige Schwägerin Christine Holzeder  am Samstag, 14. Juni. An diesem Tag öffnen sie zum letzten Mal ihr kleines Geschäft in der Ortsmitte.

„Schweren Herzens“, wie Luise Jäger sagt. Denn der Kramerladen hat eine lange Tradition. Seit mehr als 100 Jahren ist das Geschäft in Familienbesitz. „1917 haben die Großeltern Josef und Kreszenz Dillinger das Haus gekauft und darin einen Lebensmittelladen eröffnet“, erzählt sie.  Das Geschäft florierte, nahezu alle Leute im Ort kauften dort ein. Allein schon deshalb, weil die wenigsten von ihnen ein Auto besaßen und man nicht einfach täglich ins nahe Starnberg oder nach München fuhr.

Von ihren Eltern übernahm Tochter Therese, Luise Jägers Mutter, den Laden und führt ihn 47 Jahre lang. Die kleine Luise war schon als Kind immer mit dabei. Sie ist praktisch im Geschäft groß geworden. Von 1983 bis 2006 führte dann Jägers Cousine Doris Bader das Geschäft, seit 2006  zeichnen nun Luise Jäger selbst und ihre Schwägerin Christine Holzeder für den Betrieb verantwortlich.

Ein Bild aus besseren Tagen, in denen der Laden noch gut lief. Dicht an dicht stehen Konserven und Flaschen in den Regalen. Hinter der Theke standen Marga Jäger und Therese Dillinger (re.).
Ein Bild aus besseren Tagen, in denen der Laden noch gut lief. Dicht an dicht stehen Konserven und Flaschen in den Regalen. Hinter der Theke standen Marga Jäger und Therese Dillinger (re.). (Foto: Foto: Nila Thiel)
Der Lebensmittelladen befindet sich in unmittelbarer Nähe von Maibaum und Kirche.
Der Lebensmittelladen befindet sich in unmittelbarer Nähe von Maibaum und Kirche. (Foto: Foto: Nila Thiel)

Gerade mal 20 Quadratmeter misst die Verkaufsfläche.  Früher gab es hier nahezu alles, was man so brauchte: Dicht an dicht waren die Regale mit Konserven, Gläsern und Flaschen gefüllt. Seit einigen Wochen aber leeren sich die Ablagen, denn sukzessive reduzieren Jäger und Holzeder das Sortiment. Sie wollen auf möglichst wenig Ware sitzen bleiben, wenn sie den Laden endgültig schließen. „Für uns ist das Geschäft einfach nicht mehr rentabel“, stellt Jäger fest. „Wir machen zu wenig Umsatz.  Und kaufen dann natürlich auch kleinere Mengen ein.“ Was zur Folge hat, dass die Einkaufspreise eben nicht so günstig seien. Es ist ein Dilemma. Die beiden Frauen sind Kunden bei Edeka. Aber auch hier gibt es Mindestabnahmen. Ähnlich wie bei der Solidargemeinschaft „Starnberger Land“, von der sie beispielsweise Kartoffeln und Nudeln beziehen.

Die Obst- und Gemüsesorten, die sie an diesem Tag anbieten, sehen verlockend aus, denn sie wurden frisch geliefert. Auf der Ladentheke steht ein Karton mit frischem Spargel. Es gibt bundweise Radieschen sowie Paprika, Tomaten, Nektarinen und Aprikosen. Nun hoffen die beiden, dass sich genügend Kunden finden, die ihre Ware kaufen, so lange sie frisch ist. Obst und Gemüse präsentieren die Inhaberinnen an schönen Tagen schon aus Platzgründen gern vor dem Laden. Das soll Besucher anlocken.

Obst- und Gemüsesorten gehören zum Sortiment des Dorfladens.
Obst- und Gemüsesorten gehören zum Sortiment des Dorfladens. (Foto: Foto: Nila Thiel)
Nudeln und Kartoffeln bezieht das Geschäft von der Solidargemeinschaft „Starnberger Land“.
Nudeln und Kartoffeln bezieht das Geschäft von der Solidargemeinschaft „Starnberger Land“. (Foto: Foto: Nila Thiel)
Saisonal gibt es auch frischen Spargel.
Saisonal gibt es auch frischen Spargel. (Foto: Foto: Nila Thiel)

Doch die sind an normalen Werktagen rar. An die 15 Leute seien es im Schnitt unter der Woche pro Tag, erzählen die beiden. Rund 50 Kunden sind es am Samstag - vor allem der Semmeln wegen. Diese beziehen sie täglich frisch aus der Bäckerei Valent in Schäftlarn, zwei Dörfer weiter. „Samstag ist unser bester Tag“, erzählen sie.  Würde das Haus, in dem sich ihr Laden befindet, nicht der Familie gehören, hätten die beiden wohl schon längst die Konsequenzen ziehen müssen. Denn das Geschäft werfe so gut wie nichts mehr ab. Im Gegenteil: „Wir haben Angst, wenn eine Rechnung kommt, dass wir sie nicht zahlen können“, sagt Jäger. Ein Zustand, der auf Dauer nicht tragbar ist. Vergangenen Montag war es dann so weit: Sie meldeten das Gewerbe zur Monatsmitte ab.

Die Zeit ist schnelllebiger geworden. „Früher“, erzählt Jäger, „hat man sich beim Kramer getroffen, hat ein wenig geratscht, aber jetzt pressiert es den meisten Leuten“.  Nur schnell etwas holen, was man vergessen hat, und dann heim. Dabei bildet der Lebensmittelladen mit dem Maibaum und den Bänken davor sowie der Kirche im Hintergrund zumindest optisch den Mittelpunkt des Ortes.  Doch Ortschaften wie Wangen haben es nicht leicht. Durch die Stadt-Land-Flucht sind sie zusehends gewachsen, aber nicht alle Einwohner fühlen sich gleichermaßen zugehörig zur Dorfgemeinschaft.  Sie schlagen keine Wurzeln. Jägers bitteres Resümee: „Es sind eben nicht mehr viele, die regelmäßig etwas mehr bei uns einkaufen. Das meiste holen sie bei Aldi oder Lidl.“

Eine, auf die dies nicht zutrifft, ist Maria Ritz: Die 89-Jährige kauft gern und viel im Dorfladen. Kurz vor der Mittagszeit betritt sie das Geschäft an diesem Tag. Ihren Rollator hat sie zuvor draußen abgestellt, der würde in dem kleinen Laden bloß im Weg herumstehen.  Joghurt und Quark lässt sie sich von Luise Jäger aus dem Kühlschrank reichen. Und etliches mehr fällt ihr beim Blick über die Theken und Regale noch ein. Dass der Kramer schon bald für immer schließen wird, erfährt sie erst im Verlauf des Gesprächs. „Oh mei“, sagt sie, „mir ist der Laden schon sehr viel wert.“  Wie es nun für sie weitergeht, wenn das Geschäft nicht mehr da ist? Die 89-Jährige zuckt bedauernd mit den Schultern. „Ich weiß nicht.“

Sie gehört zu den treuen Kundinnen des Kramerladens: Maria Ritz (vorne). Luise Jäger hat die 89-Jährige nach dem Einkauf nach draußen begleitet. Auf der Treppe liegt Hund Samy.
Sie gehört zu den treuen Kundinnen des Kramerladens: Maria Ritz (vorne). Luise Jäger hat die 89-Jährige nach dem Einkauf nach draußen begleitet. Auf der Treppe liegt Hund Samy. (Foto: Foto: Nila Thiel)
Die sechsjährige Rosi kauft im Laden eine Tüte Gummidrops. Im Schlepptau hat sie ihre Mutter Martina Hujber.
Die sechsjährige Rosi kauft im Laden eine Tüte Gummidrops. Im Schlepptau hat sie ihre Mutter Martina Hujber. (Foto: Foto: Nila Thiel)

Und noch eine zweite Besucherin öffnet an diesem Vormittag die Ladentür: die sechsjährige Rosi. Im Schlepptau hat sie ihre Mutter Martina Hujber. Rosi hat ihren kleinen Geldbeutel umhängen und bestellt etwas Süßes. Es soll günstig sein, sagt sie, denn sie will es verschenken. Luise Jäger zeigt ihr diverse Süßigkeiten. Rosi entscheidet sich für Gummidrops zu 80 Cent, die sie aus ihrem Geldbeutel kramt und auf den Ladentisch zählt.  Stolz verlässt die Kleine mit ihrer Mutter das Geschäft.

Draußen auf den Stufen liegt Hund Samy. Er lässt sich von Rosi kraulen. Der achtjährige Golden Retriever gehört zum Haus. Er liebt es, gestreichelt zu werden und freut sich über jeden, der die drei Stufen zum Laden hinaufsteigt. Ebenso wie Luise Jäger und Christine Holzeder - auch wenn sie wissen, dass es mit der mehr als 100-jährigen Familientradition bald vorbei sein wird.

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