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Volkskrankheit:Wie der Starnberger Pfarrer mit seiner Alzheimer-Erkrankung umgeht

Hans Martin Schroeder bekommt mit gerade einmal 59 Jahren die Diagnose: Alzheimer. Anfangs denkt er ständig daran, jetzt hat das Leben wieder die Oberhand gewonnen.

Plötzlich weiß Hans Martin Schroeder nicht mehr, wie man den Buchstaben "d" schreibt. Das alarmiert ihn. Der evangelische Pfarrer von Starnberg schreibt sehr gerne Briefe. Zu Weihnachten sind es meist an die 100 Stück. Aber im vergangenen Jahr schreibt er nur ganze drei. Schroeder glaubt, er sei ausgepowert, brauche vielleicht eine Kur. Darum lässt er sich auch durch die Gesundheitsmangel drehen. Vom Hausarzt bis zur Fachärztin in Neurologie im Zentrum für Schlaganfall- und Demenzforschung im Klinikum Großhadern. Der Befund ist eindeutig: Alzheimer im Anfangsstadium. Es ist der 18. Januar 2017, als Schroeder und seine Ehefrau Elke-Maria es erfahren, er ist da gerade einmal 59 Jahre alt.

Ihnen ist die Lust auf den geplanten Kinobesuch an diesem Tag vergangen. Sie fahren heim, kochen sich was Schönes, trinken ein gutes Glas Rotwein und reden. Noch ist alles irgendwie unwirklich für sie, recht weit weg. Am nächsten Morgen geht Elke-Maria Schroeder (69) auf den Markt in Starnberg. Eine Freundin fragt sie nichts ahnend, wie es ihr geht, und die Tränendämme brechen sofort. Das wird öfter in der nächsten Zeit passieren, es wird viel geredet im Hause Schroeder und auch geweint.

Anfangs wollen er und seine Ehefrau die Diagnose erst einmal für sich behalten. Doch dann entschließen sie sich zur Flucht nach vorne, was den Starnberger Geistlichen im vergangenen August dazu bringt, seine Erkrankung bei einer Pressekonferenz öffentlich zu machen. Die Anwesenden sind bestürzt. Es ist plötzlich ganz still im Raum.

Wer Schroeder heute besucht, der erlebt ihn anders, nicht ratlos, nicht verzweifelt. Der 60-Jährige lacht gerne und viel. Am vergangenen Sonntag haben ihn die Gläubigen mit einem Festgottesdienst verabschiedet. "Es war ein wirklich schöner Abschied", sagt er. Jetzt heißt es für die Schroeders aufbrechen, umziehen nach Rosenheim. Die Pfarrwohnung bei der evangelischen Kirche in der Starnberger Kaiser-Wilhelm-Straße ist eine Dienstwohnung und steht dem neuen Pfarrer zu.

Fünf Jahre ist Hans Martin Schroeder evangelischer Pfarrer in Starnberg, als er die Alzheimer-Diagnose bekommt. Er wäre gern länger geblieben, doch die Erkrankung zwingt den heute 60-Jährigen zum Rückzug. Am vergangenen Wochenende hat ihn die Gemeinde mit einem Festgottesdienst verabschiedet.

(Foto: Arlet Ulfer)

Die Eheleute freuen sich jetzt auf Rosenheim. Dort haben sie sich kennengelernt, längere Zeit gelebt und Freunde gefunden. Es ist eine Art heimkommen für sie. Der eigentliche Umzug findet am kommenden Mittwoch, am Buß- und Bettag, statt. Die Küche der beiden ist schon in der neuen Wohnung. Das neue Domizil liegt mitten im Stadtzentrum, alle Geschäfte sind zu Fuß zu erreichen.

Fragt man Hans Martin Schroeder, wie alles begann, wie er zum ersten Mal gemerkt hat, dass da etwas mit ihm nicht stimmen könnte, wird seine Stimme leiser. Es war im Sommer 2016. Beim Radeln an der Donau konnte er plötzlich mit der Landkarte nicht mehr so recht umgehen. Und dann war da besagte Sache mit dem "d". Überhaupt hatte sich sein Schriftbild verändert.

Schroeder hadert nicht mit seinem Schicksal und er hat keine Angst. Doch er ist ehrlich: "Anfangs habe ich jeden Augenblick daran gedacht." Jetzt ist das Thema Alzheimer noch immer gegenwärtig, aber nicht andauernd und auch nicht mehr bedrückend. Das Leben gewinnt wieder die Oberhand. "Was für mich lebensrettend war," erzählt er, ist ein einfacher Satz der behandelnden Oberärztin gewesen. Diese habe ihm gesagt: "Bitte versuchen Sie jetzt nicht das Münchner Telefonbuch auswendig zu lernen. Das ist Stress. Machen Sie etwas, was Ihnen Freude macht."

Und Schroeder tut, was ihm Spaß macht. Hält sich feste Termine und Stress möglichst vom Leibe. Fährt viel Fahrrad ("in Starnberg ist das praktisch Sport"), macht lange Spaziergänge und Flusswanderungen mit seiner Frau. Sie sind die Isar abgelaufen, derzeit sind Ammer und Amper an der Reihe, und als Nächstes wird das Mangfalltal von ihnen begangen, erzählt er. Schroeder macht also Pläne. Ob oder wenn ja, in welchem Umfang, er auch in Rosenheim seelsorgerisch tätig werden möchte, weiß er noch nicht. "Das liegt ja vollkommen bei mir", sagt er.

Die Zahl der Kranken steigt

Die Alzheimer-Krankheit ist eine Gehirnerkrankung, die mit dem Verlust von Nervenzellen und Eiweißablagerungen einhergeht. Sie ist nach dem Neurologen Alois Alzheimer (1864-1915) benannt, der unter anderem in Weßling lebte, und die Krankheit erstmals im Jahre 1906 wissenschaftlich beschrieben hat. Der größte Risikofaktor für die Erkrankung ist das Alter. Nur selten sind die Betroffenen jünger als 60 Jahre. Zum Krankheitsbild gehören Gedächtnis- und Orientierungsstörungen, Sprachstörungen, Störungen des Denk- und Urteilsvermögens. Diese Störungen sind bei den Betroffenen unterschiedlich stark ausgeprägt und nehmen im Verlauf der Erkrankung zu. Die Patienten sind auf Unterstützung angewiesen. Nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben in Deutschland gegenwärtig 1,5 Millionen Demenzkranke. Und die Zahl steigt jährlich um 40 000 an und dürfte 2050 bei etwa drei Millionen liegen. bad

Der Geistliche und seine Frau haben jetzt Patientenverfügungen und sind inzwischen Mitglieder der Alzheimergesellschaft München. "An Veranstaltungen dort haben wir noch nicht teilgenommen", sagt Schroeder. Aber die Mitarbeiter der Gesellschaft könnten einem Ratschläge geben und Fragen beantworten. Schroeder nimmt auch täglich ein Medikament, das den Krankheitsprozess verlangsamen soll. Und er weiß, "nicht jeder Ausrutscher heißt Alzheimer".

Hans Martin Schroeder wäre gerne noch länger Pfarrer in Starnberg geblieben. "Denn es ist eine schöne Arbeit." Aber die Tatsachen zwangen ihn letztlich dazu, nach fünf Jahren die Konsequenzen zu ziehen. Schon im vergangenen Vierteljahr hatten ihn seine Pfarrerkollegen stark entlastet, so dass Schroeder sich auf Taufen, Seelsorge und auf die Arbeit in der Starnberger Tafel konzentrieren konnte. Natürlich hat auch der Glaube den Eheleuten sehr geholfen. Er nimmt ihnen die Angst.

Für Schroeder sind persönliche Gespräche und Freundschaften auch wichtiger geworden. "Man muss sie pflegen." Und das tut er offenbar. Die Schroeders versuchen nicht weit in die Zukunft zu schauen. Sie denken daran, dass das Leben immer in diesem Augenblick stattfindet. "Wir leben jetzt", sagt der 60-Jährige.