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Vogelschutz:Ab in den Süden!

Flugtag der Mauersegler

Gute Reise! Ninon Ballerstädt entlässt einen ihrer Mauersegler in die Freiheit, Kinder und Erwachsene schauen zu.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Ninon Ballerstädt päppelt seit 20 Jahren Mauersegler auf. Und entlässt sie im Tutzinger Würmseestadion in die Freiheit

Von Carolin Echterbeck, Tutzing

Die Last der letzten Tage liegt auf den Schultern von Ninon Ballerstädt. Die promovierte Geologin, die ihr Leben der Vogelaufzucht widmet, hat die vergangenen Nächte kaum geschlafen. Nicht einmal genug Zeit zu essen hatte sie, weil sie wegen einer Augenoperation angeschlagen ist und für das Pflegen der Vögel mehr Zeit braucht als sonst. Sie schleppt große graue Kisten voller Mauersegler auf den Balkon des Würmseestadions in Tutzing und bereitet alles für die Fütterung und den anschließenden Freiflug ihrer Schützlinge vor. Neugierige Augen mustern die Boxen, und als sie den ersten Vogel vorsichtig herausholt, geht ein Raunen durch die Menge: "Sind die süß!", ruft ein Junge.

Der erste Vogel ist ein Sorgenkind von Ballerstädt. Sie legt eine Infusion und streichelt ihm das Köpfchen, während sie beruhigend auf den abgemagerten Vogel einredet. Als nächstes ist "Vinci" an der Reihe. Er wurde in Peißenberg gefunden und hat laut Ballerstädt "gerade noch mal die Kurve gekriegt". Ihm geht es bei der Tierschützerin so gut, dass er sich gerade wieder auf ein Normalgewicht von 40 Gramm runterhungert: "Er hat sich einen ordentlichen Ranzen angefressen", sagt Ballerstädt und lacht. Um Gewicht zu verlieren, machen Mauersegler Diät und Liegestütz: Sie verweigern das Essen und vollführen Auf- und Abbewegungen.

Eine Stunde lang füttert sie einen Vogel nach dem anderen mit Grillen und spricht jeden mit Namen an. Sie unterscheidet ihre Schützlinge mittels farbiger Ringe an den Füßen, aber auch anhand ihres Aussehens und Temperaments, sagt sie. Mauersegler verbringen fast ihr ganzes Leben im Flug. Sie trinken, essen und schlafen sogar fliegend, lediglich zur Brut im Frühjahr landen sie, wenn sie aus ihrem südafrikanischen Winterquartier zurückkehren. Die Zugtiere suchen jedes Jahr den selben Nistplatz auf. Allerdings wird dieser durch Gebäudesanierungen oft zerstört, wodurch ihr Lebensraum bedroht wird. Sie werden in der Roten Liste bayerischer Brutvögel als "gefährdet" eingestuft.

Ninon Ballerstädt versucht zu helfen, indem sie Vögel seit etwa 20 Jahren unter ihre Fittiche nimmt. Derzeit sind etwa 140 Mauersegler in ihrer Obhut. So eine ehrenamtliche Tätigkeit spricht sich herum: Zu der Tutzingerin werden verletzte Vögel bis aus Ingolstadt gebracht. Jungvögel, die noch nicht flügge sind, fallen oft aus ihrem Nest oder schaffen den ersten Freiflug nicht und enden mit einer Bruchlandung statt in der Freiheit. Ninon Ballerstädt päppelt die Tiere so lange auf, bis sie wieder in der Lage sind, für sich selbst zu sorgen.

Und an diesem Mittwochabend ist es wieder so weit: Der nächste Freiflug steht an. Dynamik kommt in die Zuschauermenge im Stadion. Kinderquietschen und Vogelzwitschern ertönen von allen Seiten. Jung und Alt versammelt sich um Ballerstädt, die auch schon den ersten Vogel aus einer Box holt: "Bobbi" aus Tutzing. Er hat sich beim letzten Freiflug vor 14 Tagen nicht getraut, auch dieses Mal erhebt er sich erst zaghaft, dann aber mit kräftigen Schlägen in die Luft. Beifall ertönt. Manche starten energisch in ein neues Leben, andere etwas holprig. "Hupsi" schreit aufgeregt und schafft es erst beim zweiten Anlauf, "Hansi" fliegt in die Menschenmenge. Und zwei Mauersegler bleiben lieber auf der Hand ihrer Pflegerin sitzen.

Der letzte Mauersegler stürzt sich in die Lüfte, das Spektakel ist vorbei. Wenn alles gut geht, werden sie ihren Artgenossen auf der Reise in den Süden folgen. Und wer weiß - vielleicht statten die Flugkünstler ihrer Ziehmutter nächstes Jahr einen Besuch ab.

© SZ vom 08.08.2020

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