Literaturzeitschrift "Das Gedicht":"Der Verlagspreis ist für mich ein echter Segen"

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Literaturzeitschrift "Das Gedicht": Ausgezeichnet: Der Verleger und Dichter Anton G. Leitner aus Weßling gehört zu den Gewinnern des Deutschen Verlagspreises 2022.

Ausgezeichnet: Der Verleger und Dichter Anton G. Leitner aus Weßling gehört zu den Gewinnern des Deutschen Verlagspreises 2022.

(Foto: Pavel Broz)

Der Dichter und Verleger Anton G. Leitner aus Weßling ist durch die Pandemie und eine schwere Krankheiten finanziell in die Bredouille geraten. Jetzt erhält er eine hoch dotierte Auszeichnung.

Interview von Gerhard Summer

Viel Ehr, viel Geld: Anton G. Leitner gehört zu den Gewinnern des Deutschen Verlagspreises 2022. Erst bei der Verleihung der Auszeichnungen am 22. Juni in der Kongresshalle in Leipzig wird sich zeigen, wie hoch der Geldsegen für ihn ausfällt: 60 Verlage erhalten jeweils 24 000 Euro, drei bekommen die Spitzenprämie von jeweils 60 000 Euro. Die SZ sprach mit dem 60-jährigen Weßlinger, der seit 30 Jahren die Jahresschrift "Das Gedicht" herausgibt.

SZ: Der Preis kommt ja wie bestellt zum 30. Jubiläum und nach Ihren persönlichen Rückschlägen mit Krankheiten.

Anton G. Leitner: Genau, ich hab' eigentlich gar nicht damit gerechnet. Wir haben uns erstmals für den Verlagspreis des Bundes beworben, denn in Bayern habe ich mit staatlichen Preisen ja eher die Erfahrung gemacht, dass ich sie nicht bekomme. Eine freie Mitarbeiterin meines Verlags, Johanna Trischberger, hat mich dann zur Bewerbung überredet.

Ob Sie vielleicht sogar mit 60 000 Euro Preisgeld rechnen können, wird sich aber erst in Leipzig zeigen?

Sagen wir so: Ich bin schon sehr glücklich mit den 24 000 Euro, die uns aus allem Schlamassel führen.

Es wäre wahrscheinlich ein bisschen kühn zu behaupten, dass der Preis die späte Anerkennung für die 2000 herausgegebene "Erotik Special"-Nummer Ihrer Jahresschrift ist?

Das wäre es. Was ich noch schön finde an dem Preis: Begleitend dazu soll eine Broschüre mit Verlagsporträts erscheinen, die an die deutschen Buchhandlungen geht. Das ist eine gute Sache, weil man so vielleicht auch die Chance hat, dass die Buchhandlungen dann von jedem Preisträger mindestens einen Titel vorrätig halten. Allerdings sollte die Förderung nicht so ausfallen, wie's der erste Buchhändler bei mir schon gemacht hat: "Sehr geehrte Damen und Herren, ich gratuliere Ihnen herzlich zum Verlagspreis, bitte schicken Sie mir doch kostenlos ein Ansichtsexemplar Ihrer Zeitschrift."

Zu den Kriterien der Jury gehörten die Umsetzung innovativer Projekte und das Engagement bei der Lese- und Kulturförderung. Tatsächlich waren Sie, was Internetpräsenz und Blogs, aber auch Seminare und den 2009 erfundenen Dichterwettstreit um den "Lyrikstier" betrifft, ganz früh dran.

Da war ich tatsächlich einer der ersten Verlage: Wir sind seit 1994 im Netz und haben das immer wieder auf ein neues Level gebracht. Heuer habe ich unsere Seiten samt Webshop komplett neu aufsetzen und auf den neuesten technischen Stand bringen lassen, auch aus Gründen der Sicherheit, weil wir einer IT-Attacke ausgesetzt waren. Das hat mich mehrere Tausend Euro gekostet und war eine ganz schön riskante Investition: Wegen der Pandemie haben wir immer noch deutlich weniger Umsatz, weil ich keine Seminare veranstalten und "Das Gedicht" nicht präsentieren kann. Dazu kommt, dass Papier jetzt knapp und unglaublich teuer wird.

Wie hoch ist der Umsatz momentan?

Der war nie besonders hoch, ich selbst entnehme aus meinem Verlag auch kein festes Gehalt. Der Umsatz lag in normalen Zeiten bei etwa 120 000 Euro im Jahr, er ist wegen meiner Krankheiten 2018 und 2019 auf etwa 75 000 oder 80 000 Euro gesunken. Das war dann mein Problem: Das Referenzjahr für Corona-Hilfen war 2019, als ich wegen meines Herzinfarkts fünf Monate ausfiel. Ich habe dann vom Staat außer der ersten Förderung von 5000 Euro in der Pandemie nichts bekommen, es gab auch keine Ausnahmeregelung für mich. Privatleute haben mich finanziell unterstützt, ohne sie wäre ich nicht über die Runden gekommen. Heuer habe ich mir schon ernsthaft Geldsorgen gemacht, deshalb bin ich über die Auszeichnung unendlich glücklich. Der Verlagspreis ist für mich ein echter Segen.

Literaturzeitschrift "Das Gedicht": Jede Ausgabe der Literaturzeitschrift "Das Gedicht" hat ein eigenes Thema. Im Jahr 2000 gab es ein Erotik-Spezial.

Jede Ausgabe der Literaturzeitschrift "Das Gedicht" hat ein eigenes Thema. Im Jahr 2000 gab es ein Erotik-Spezial.

(Foto: Georgine Treybal)

Dichter und technische Neuerung, ist das nicht eine seltene Kombination?

Einerseits bin ich ein spielerischer Mensch und habe früher auch sehr wortspielerische Gedichte geschrieben, andererseits hat mich das Internet von Anfang an fasziniert. Und das Ganze war auch eine Notwendigkeit: Im Jahr 2000, als wir das "Erotik-Special" und im Jahr danach die Religions-Ausgabe herausbrachten, war in fast jeder Buchhandlung in Deutschland noch "Das Gedicht" zu haben. Letztlich musste ich aber auf Direktvertrieb umstellen, weil immer weniger Buchhandlungen meine Literaturzeitschrift bezogen haben. Es gab Zeiten, da haben wir circa 70 Prozent aller Hefte an den Buchhandel verkauft und 30 Prozent direkt ausgeliefert. Inzwischen versenden wir zu fast 80 Prozent an Endkunden, wobei der internationale Versand leider sehr teuer und aufwendig ist.

Wann kommt die Jubiläumsausgabe, das 30. Heft "Das Gedicht", auf den Markt?

Wie immer im Herbst. Wir möchten eine besondere Ausgabe machen, die Offenheit als Thema hat. Wir waren ja immer offen für alle Strömungen von Lyrik, immer offen auch für alle Nationen, das ist mir ganz wichtig. Es gibt jetzt schon den ersten Deckblatt-Entwurf, der eine offene Schranke zeigt.

Wird der Krieg in der Ukraine eine Rolle spielen im Jubiläumsheft?

Vielleicht machen wir einen Sonderteil mit Friedensgedichten im Heft. Andererseits hat ja schon die geöffnete Schranke etwas mit der Situation der Ukraine zu tun. Sie steht auch dafür, dass Flüchtlinge jederzeit zu uns kommen können und willkommen sind.

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