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Pendelverkehr:Mit der S-Bahn zum Flughafen Oberpfaffenhofen

Unternehmer und Forscher am Hightech-Standort des Landkreises kämpfen um eine bessere Verkehrsanbindung für die 10000 Angestellten. Sie fordern zeitnah eine provisorische Haltestation in Weichselbaum.

Von Patrizia Steipe

Oberpfaffenhofen ist der größte Hightech-Standort im Landkreis, doch viele Firmenmitarbeiter gehen die letzte Meile nach wie vor zu Fuß, um ihn zu erreichen. Seit Jahren kämpft der Campus um eine bessere Anbindung, nun wenden sich seine Chefs mit deutlichen Worten an die Politik. "Wir fordern jetzt den S-Bahnhalt Weichselbaum", sagen Christian Juckenack, Standortleiter des Sonderflughafens und Sprecher der ansässigen Industrie, Alin Albu-Schäffer, Direktor des Instituts für Robotik und Mechatronik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, und DLR-Standortleiter Zekeriya Ceyhanli. Ihr Vorschlag: Bis die endgültige Lösung kommt, könnte für Testzwecke ein provisorischer "Pop-up-Stop" direkt vor dem Campus errichtet werden. Also ein Haltepunkt mit einem einfachen Bahnsteig.

Weßling Weichselbaum

"Pop-up-Stop" in Weichselbaum gefordert: Wenn es nach dem Campus geht, soll die S-Bahn vor den Toren des Hightech-Standorts Oberpfaffenhofen halten. Bisher rauscht sie durch.

(Foto: Georgine Treybal)

Der Freistaat Bayern lässt im Rahmen des "Bahnausbaus Region München" zwar bereits untersuchen, ob ein S-Bahnhalt in Weichselbaum möglich ist. Bis Ergebnisse vorliegen, kann es aber dauern: Das Programm umfasst neben 28 bereits konkreten Maßnahmen noch weitere 421, die zunächst auf ihre verkehrliche Wirkung und bautechnische Machbarkeit zu prüfen sind, bevor entschieden wird, ob sie realisiert werden oder nicht. Juckenack dauert das zu lange: "Wir brauchen jetzt eine Lösung und erwarten zeitgemäße schnellere Reaktionen statt starrer Strukturen." Dabei möchte sich der Campus von Anfang an einbringen. Der Standort mit seiner Mischung aus produzierendem Gewerbe, Start-ups, Grundlagenforschung und Wissenschaft boomt und bietet mit den angrenzenden Gewerbegebieten etwa 10 000 Arbeitsplätze. Er habe aber den Ruf, "nicht so leicht erreichbar zu sein", was potenzielle Mitarbeiter abschrecke, ergänzt Albu-Schäffer. Dabei gebe es längst Ideen für innovative Mobilität. Der S-Bahnhalt sei dabei ein zentraler, aber nicht der einzige Baustein. So könnte im Rahmen eines Forschungsprojekts eine autonome Shuttle-Buslinie getestet werden. Ein Robomobil könnte Verbindungen innerhalb des weitläufigen Campus und der angrenzenden Gewerbegebiete schaffen. Die Passagiere sollen dann aber auch über eine Sonderspur zu einem S-Bahn-Haltepunkt Weichselbaum gebracht werden.

Alin Albu-Schäffer ist Direktor des Instituts für Robotik und Mechatronik am DLR und Sprecher der Wissenschaft. Er lehrt zugleich an der TU in München.

(Foto: DLR)

Es ist die sogenannte letzte Meile, also die Strecke, die zu Fuß zurückgelegt werden muss, um den Arbeitsplatz zu erreichen, die den Campus-Mitarbeitern Kummer macht. Viele Beschäftigte mussten sich ein Auto kaufen oder fahren mit der S 8 nach Gilching-Argelsried und marschieren dann nach Oberpfaffenhofen, um außerhalb der Stoßzeiten nicht auf einen Bus warten zu müssen. Flexiblere Verbindungen fordert deswegen Ceyhanli.

Juckenack erinnert daran, dass der Campus durch die privatwirtschaftlich realisierte und öffentlich nutzbare Verbindungsstraße über Privatgrund ins Gewerbegebiet Gilching-Süd in Vorleistung getreten sei. Auch der Expressbus fährt über die neue Trasse. "Wir haben schon einen kräftigen Beitrag geleistet." Jetzt liege es am Freistaat, seinen Part zu erfüllen.

Christian Juckenack ist Standortleiter des Sonderflughafens und Sprecher der ansässigen Industrie. Er berät auch den Flughafeneigentümer Triwo.

(Foto: Patrizia Steipe)

"Die Umsetzung der Idee eines Provisoriums ist nach unserer Einschätzung nicht möglich", erklärt freilich Wolfgang Oeser, Sprecher der Bayerischen Eisenbahngesellschaft. Behelfsbahnsteige gebe es nur bei Baumaßnahmen an Verkehrsstationen, die die Nutzung des regulären Bahnsteigs temporär verhindern. "Das vorgeschlagene Projekt wäre ein Bahnsteigneubau, der im üblichen Standard errichtet werden müsste." Dafür müssten Verfahrensschritte wie ein Planfeststellungsverfahren eingehalten werden. Eine provisorische im Vergleich zu einer endgültigen Lösung hätte außerdem "praktisch keine Kostenvorteile", dafür wären Themen wie Barrierefreiheit, Park&Ride sowie der Umstieg auf andere Verkehrsmittel "nicht hinreichend umfassend gelöst", befürchtet Oeser.

Sie sei immer "offen für gute Ideen" und am autonomen Fahren "sehr, sehr interessiert", sagt Verkehrsmanagerin Susanne Münster vom Landratsamt Starnberg, das in die Machbarkeitsprüfung für den S-Bahnhalt eingebunden ist. Eine prompte Realisierung bezweifelt sie aber. "Beim Bus kann man schnell mal einen Ersatzstopp einrichten, bei einem Schienenverkehrsmittel geht das nicht." Schließlich gehe es bei einer neuen S-Bahnhaltestelle um Millionenbeträge. Was die Beteiligung des Campus betreffe, so sei Geduld gefragt. "Wir sind in der Anfangsphase, das ist noch nicht der geeignete Zeitpunkt, um die Unternehmen einzubinden."

Der Weßlinger Bürgermeister Michael Sturm steht den Campus-Ideen positiv gegenüber, warnt aber vor "Schnellschüssen". Seiner Meinung nach könnte aber eine Anbindung an die bestehenden Bahnhöfe Gilching-Argelsried und Weßling versucht werden. Wenn die Staatsstraße nach Weßling zur Ortsstraße zurückgestuft werde, könnte beispielsweise eine Sonderspur für den autonomen Bus eingerichtet werden, überlegt Sturm.

Mit dem autonomen Fahren experimentiert die Bahn bereits. Zuletzt seien Projekte mit Verkehrsverbünden und Kommunen realisiert worden, sagt Florian Kreibe, Sprecher der S-Bahn. Dafür hat die DB das Tochterunternehmen "Ioki" gegründet, das klassische und neue Mobilitätsformen vernetzt. Zum Beispiel verbinden seit 2017 vollautomatisierte Elektrobusse in Bad Birnbach den Bahnhof mit dem rund zwei Kilometer entfernten Ortszentrum.

© SZ vom 22.12.2020
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