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Verkehr in Gauting:Ausgebremst

Starnberg: Bürgerinfo zum Gesamtmobilitätskonzept

Bei einer Informationsveranstaltung im Januar 2017 blicken Bürgermeisterin Brigitte Kössinger (links) und Planer Ralf Kaulen (rechts) noch zuversichtlich auf die ersten Ansätze für ein Verkehrskonzept. Jahre später ist das Verhältnis nicht mehr so gut.

(Foto: Nila Thiel)

Nach Unzufriedenheit mit einem Planer sucht die Gemeinde nun ein neues Büro

Von Michael Berzl, Gauting

Den Grünen in Gauting dauert das alles viel zu lange mit dem Tempo 30. "Die Bürger wollen sofort Maßnahmen sehen", glaubt Fraktionssprecherin Anne Franke und sagte am Dienstag im Verkehrsausschuss, sie habe sogar über eine Dienstaufsichtsbeschwerde nachgedacht, weil die Rathausverwaltung ihrer Ansicht nach bisher viel zu wenig unternommen habe.

Nach vier Jahren liegt nun immerhin der etwa hundert Seiten umfassende Abschlussbericht des Aachener Verkehrsplaners Ralf Kaulen vor. Bis Taten folgen und neue Schilder stehen, müssen sich die Anhänger von Entschleunigung auf den Straße aber noch etwas gedulden, denn die Gemeinde sucht nun erst einmal ein anderes Büro, das dessen Konzept in die Tat umsetzen soll. Das hat seinen Grund: Im Ausschuss wurde erstmals deutlich, wie unzufrieden Rathausspitze und ein Großteil des Gemeinderats mit der Arbeit des Planers sind.

"Teilweise ist es eine bodenlose Frechheit. Da sind wieder haufenweise Fehler drin", sagte etwa der UBG-Gemeinderat Richard Eck. Er sprach von "Widersprüchen und Ungereimtheiten". So enthalte der Bericht Vorschläge, die gar nicht der Meinung des Gemeinderats entsprächen, zum Beispiel ein Bürgerbus. Nicht ganz so drastisch aber ähnlich im Tenor äußerten sich auch Vertreter anderer Fraktionen. Harald Ruhbaum (Miteinander-Füreinander) zum Beispiel erklärte, ihn habe "in den seltensten Fällen überzeugt, was Kaulen präsentiert hat."

Die Chemie zwischen der Gemeinde Gauting und dem Aachener Planer, der unter anderem auch für Herrsching ein Konzept erstellt hatte, stimmt schon länger nicht mehr. Das weiß auch Kaulen selbst. Nach einer Bürgerinformation Mitte 2018 habe ihn das Rathaus eineinhalb Jahre warten lassen, ehe es weiterging. Zur Ausschusssitzung am Dienstag, bei der über seinen Abschlussbericht diskutiert wurde, sei er nicht eingeladen gewesen; er habe erst durch den Anruf von der SZ davon erfahren. Eigentlich sei es üblich, dass der Planer selbst seinen Bericht vorstelle. Darin geht es nicht nur um Geschwindigkeitsbeschränkungen, sondern auch um Radwege und den öffentlichen Nahverkehr. Die Gesamtkosten für die Umsetzung eines Tempo-30-Zonen-Konzepts belaufen sich demnach auf etwas mehr als sechs Millionen Euro.

Ein Hauptzweck dieser Arbeit ist es aber, Tempo-30-Beschränkungen beständig gegen Klagen zu machen, nachdem die Gemeinde in der Vergangenheit schon etliche Niederlagen vor Gericht kassiert hatte. Mehrfach mussten Geschwindigkeitsbeschränkungen wieder aufgehoben werden, unter anderem auf der Römerstraße, der Unterbrunner Straße und der Schrimpfstraße. Durch die Einbindung in ein Verkehrskonzept für den gesamten Ort sollen solche Tempolimits künftig Bestand haben. "Wir müssen das auf rechtlich sichere Füße stellen", betonte Bürgermeisterin Brigitte Kössinger (CSU) im Ausschuss. Dazu gehöre eine "Einheit von Bau und Betrieb", wie das in der Fachsprache heißt. Das bedeutet, dass Fahrbahnen auch so gestaltet sein müssen, dass dort langsamer gefahren wird.

Einstimmig wurde nach dem Vorschlag von Verkehrsreferent Florian Egginger (CSU) dafür eine Reihenfolge festgelegt. Demnach stehen ganz oben auf der Liste Römerstraße und Buchendorfer Straße sowie die Ortsdurchfahrt von Buchendorf. "Dieses Mal", so sagte CSU-Gemeinderat Benedikt Kössinger, solle ein kompetentes Planungsbüro eingeschaltet werden.

Was das integrierte Mobilitätskonzept gekostet hat, das nun vorliegt, verraten weder Kaulen noch das Rathaus. Einen Anhaltspunkt für die Größenordnung liefert eine Bemerkung von Bürgermeisterin Kössinger, wonach Kaulen sich für einen Planungsauftrag für den Radfahrer-Schutzstreifen an der Bahnhofstraße interessiert hätte. Kostenpunkt: 35 000 Euro. "Da haben wir uns anders beholfen", sagte Kössinger, "den Schutzstreifen haben wir immerhin schon."

© SZ vom 10.09.2020

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