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Venezianische Pfähle in Tutzing:Wo die Stangen Kronen tragen

An der Brahmspromenade ragen weiß-blau geringelte Holzstämme mit Kronen aus dem Wasser. Die Wirtschaftsfördergesellschaft lädt zum Auftakt einer neuen Reihe dazu ein, den Austausch eines maroden Pfahls zu verfolgen

Von Anna Maria Fink, Tutzing

Was unterscheidet die Brahms-Promenade in Tutzing von anderen Parks und Flanierwegen am Starnberger See? Genau, die bayerisch eingefärbten, drei bis acht Meter langen und bis zu 200 Kilogramm schweren venezianischen Pfähle mit goldgelber Krone, die dort aus dem Wasser ragen. Durch Wind und Wetter werden die weiß-blau geringelten Pfähle brüchig und verrotten. Deshalb müssen sie immer wieder mal ausgetauscht werden, was eine knifflige Angelegenheit sein kann. Die Zimmerei Brennauer hat sich auf derlei Einbauten im Fünfseenland spezialisiert und erneuert Stege, Bootshäuser, Brücken, Pfähle und Badehütten.

Ihr Einsatz in Tutzing ist eine Art Showtermin: Die GWT, die Gesellschaft für Wirtschafts- und Tourismusentwicklung im Landkreis Starnberg, hat zu dem Nachmittag eingeladen, dem Auftakt ihrer neuen Reihe Region/Wasser/Identität". Ein gutes Dutzend Zuschauer ist gekommen, die Besucher beobachten die Handwerker vom Steg aus. Sechs Zimmerer sind im Einsatz, als einer der venezianischen Pfähle, die allesamt Privatleuten gehören, herausgezogen wird. Der 25 Jahre alte Stamm ist an der Wasserlinie marode und unter Wasser morsch. Der neue Pfahl ist aus Lerche, acht Meter lang, hat einen Durchmesser von 20 Zentimetern und wiegt etwa 200 Kilogramm. Das Holz mit speziellem Kronen-Aufsatz ist in München gedrechselt, zugeschnitten und drei Mal gestrichen worden. Anfertigung und Montage kommen auf 2500 bis 3000 Euro.

Den Pfahl aus dem Wasser zu ziehen, kann bis zu drei Stunden dauern. Die Arbeitsweise sei aufwendig, oft brauche es auch mehrere Versuche, "da sind echtes Können und Erfahrung gefragt", sagt Florian Brennauer, der Inhaber der Zimmerei mit Sitz in Haunshofen bei Wielenbach. Er und sein Team haben extra zwei Flöße gebaut, um den Pfahl sicher austauschen zu können.

Zunächst kurbeln die Zimmerer das gute Stück mit einem Kettenzug heraus und zerteilen es peu à peu mit der Kettensäge. Danach dreht und drückt das Team mit vereinten Kräften den neuen Pfahl vorsichtig in das alte Loch und richtet ihn gerade aus. Jetzt ist die Ramme dran. Das monströse Werkzeug hämmert den Stamm mit Gewalt in den Grund des Sees, das Holz saugt sich dann gleichsam im Untergrund fest. Zum Schluss kommt noch mit einer Bohrschablone die Krone auf den Pfahl. "Die Arbeit muss im Team laufen, sonst ist so was nicht zu schaffen. Jeder hat seine Aufgabe", sagt Brennauer. Nachdem der Pfahl sicher im Starnberger See platziert worden ist, schaut Brennauer zur Eigentümerin. "Passt des so?", ruft er. Sie lacht ihm zu: "Ein Muckerl soll er noch mehr heraus schauen."

Laut GWT sind die Stämme nach venezianischem Vorbild am Starnberger See einzig in Tutzing zu finden. Wie sie dort hinkamen, ist allerdings ungewiss, mit der Tradition der Prunkschifffahrt auf dem Starnberger See haben sie offenbar nichts zu tun. Zimmerer Jörg Dietrich, der Mann an der Ramme, hat eine Erklärung parat: Angeblich soll der Urgroßvater eines Tutzinger Anwohners um 1920 mit dem Zug einen Ausflug nach Venedig gemacht habe. Dort habe er die eleganten Stangen gesehen. Und sie hätten ihm so gut gefallen, dass er vor seinem Anwesen in Tutzing auch solche Pfähle haben wollte, berichtet Dietrich. Also seien die Pfähle nachgebaut und in Tutzing sozusagen bayerisch umgesetzt worden, scherzt Brennauer.

Dietrich hat in seinen 44 Jahren als Zimmerer schon acht der insgesamt zehn Pfähle in Tutzing erneuert. "Zu meiner Lehrlingszeit war der Winter so kalt, dass meine Handschuhe an der Kettensäge angefroren sind", erinnert sich Dietrich. Heutzutage gebe es zum Glück so gute Arbeitskleidung, dass die Pfahlbauarbeiten mit Blick auf See und Alpen richtig Spaß machten.

© SZ vom 07.07.2020

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