Erster Probeflug eines Prototyps im kommenden Jahr, Zulassung und Serienproduktion eines neunsitzigen Elektroflugzeugs ab 2030: Mit dem Einzug in eine Halle auf dem Gelände des Sonderflughafens Oberpfaffenhofen startet die Münchner Firma Vaeridion gerade durch. Und das an einem Ort des Scheiterns. Denn es ist noch gar nicht so lange her, dass die ambitionierten Pläne der Firma Lilium für den Bau eines Elektroflugzeugs dort in einer Pleite endeten. Nachmieter Ivor van Dartel indes lässt sich davon nicht beeindrucken. Kürzlich hat er dem EU-Kommissar für Klimaschutz Wopke Hoekstra erläutert, was er alles vorhat, im März wird mit geladenen Gästen der Einzug in Oberpfaffenhofen gefeiert.
Die im vergangenen Herbst bezogene Halle ist karg eingerichtet, gelbe und blaue Streifen auf dem grauen Boden markieren die Wege, auf einer Empore befinden sich Schreibtische mit Bildschirmen, an den denen die Entwickler arbeiten, „Testing“ steht auf der Tür zu Raum 06. Und mitten in der Halle sind aus Anlass der Politikervisite Teile des neuen Flugzeugs aufgebaut: ein Stück Rumpf mit zwei Stühlen und Fensterluken, das kleine Cockpit mit Steuerknüppeln, Pedalen, Armaturen und Bildschirmattrappen. Auch das ganze Flugzeug ist schon zu sehen, allerdings nur als kleines Modell, denn am Prototyp wird noch getüftelt.
Die zentrale Fertigungs- und Testeinrichtung in Oberpfaffenhofen ist nun einer von mehreren Standorten des Start-ups. Der offizielle Firmensitz ist an der Prinzregentenstraße in München; dann gibt es ein Design-Office in Münchner Osten und einen Forschungs- und Entwicklungsstandort in Zusammenarbeit mit der Firma Bosch in Holzkirchen sowie eine Niederlassung in Delft und eine Repräsentanz in Brüssel.
Hauptzweck der Anlage in Oberpfaffenhofen ist die industrielle Fertigung der Batterie-Module. Der erste Prototyp wird ebenfalls dort angefertigt, allerdings in einer weiteren Halle, wie Firmensprecherin Bozhena Hryvnak mitteilt. Mitarbeiten werden daran auch ehemalige Lilium-Leute, denn einige von ihnen sind direkt zu Vaeridion gewechselt. Von März an arbeiten dort etwa 40 Beschäftigte, weitere werden gesucht. Die Belegschaft ist international; die insgesamt 80 Mitarbeiter kommen aus mehr als 20 verschiedenen Ländern.
Mit seiner Spannweite von 24 Metern und einem Propeller an der Spitze erinnert das Elektroflugzeug an einen Motorsegler. Eine traditionelle Bauweise im Gegensatz zu dem von Lilium konzipierten Senkrechtstarter. Neun Passagiere sollen einmal Platz finden in dem Microliner, der mit einer Batterieladung eine Reichweite von etwa 400 Kilometern haben soll. Mit etwa 350 Euro werde der Preis für einen Flug über so eine Strecke in der Größenordnung einer Zugfahrkarte der ersten Klasse für einen ICE im Flexi-Tarif liegen. Die Kosten für ein Flugzeug beziffert van Dartel auf fünf Millionen Euro.
Der Vaeridion-Mitgründer ist selbst Segelflieger. Der 42-jährige Niederländer hat Luft- und Raumfahrttechnik studiert und war zwölf Jahre Ingenieur bei Airbus. Nun hat er sein eigenes Unternehmen; das liegt ihm eher. Pro Jahr sollen 250 Kleinflugzeuge produziert werden, berichtete van Dartel seinem Landsmann Hoekstra bei dessen Besuch in der vergangenen Woche.


Erste Bestellungen aus Belgien lägen schon vor, mit weiteren Interessenten würden Gespräche geführt; insgesamt gehe es dabei um etwa 100 Flugzeuge. Außerdem würden in Kooperation mit dem ADAC die Möglichkeiten für Krankentransporte in dem Flieger untersucht. Wenn alles nach Plan läuft, wird ein Prototyp des Neunsitzers im nächsten Jahr über dem Fünfseenland seinen Jungfernflug absolvieren.
Angetrieben wird das Flugzeug von Batterien. In jeder Tragfläche werden 60 feuerfest verpackte Akkus in einem Standardformat mit einem Gewicht von jeweils knapp 40 Kilogramm verstaut. Das ergibt ein Gesamtgewicht in einer Größenordnung, wie es auch in einem größeren Lastwagen verbaut ist. Der Neunsitzer ist für Vaeridion nur ein Anfang. Wie sich die Kapazitäten entwickeln, hängt wesentlich von der Leistungsfähigkeit der Batterien ab.
In den 2040er-Jahren hält van Dartel ein Platzangebot für bis zu 50 Passagiere für möglich. Seine vor fünf Jahren gegründete Firma sieht er dabei in der Pole-Position, sie könne das weltweit führende Unternehmen werden. „We have the chance“, sagte er im Gespräch mit EU-Kommissar Hoekstra. „Wir werden der erste am Markt sein und der größte Europas werden“, hatte er einmal in einem Podcast gesagt.
Ein Elektroflugzeug könnte gerade auf der kurzen Distanz eine ökologisch sinnvollere Alternative zu konventionellen Flugzeugen werden. Kurz- und Mittelstrecken könnte man komplett elektrifizieren, glaubt van Dartel. Man könne die Passagiere in einem neunsitzigen Van abholen und direkt zum Flugzeug fahren. Die geräuscharme Variante könnte noch zum Einsatz kommen, wenn ansonsten ein Nachtflugverbot gilt.

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Einsatzmöglichkeiten sieht van Dartel zum Beispiel in einem Bereich wie den griechischen Inseln. Für den EU-Klimakommissar Hoekstra gibt es insgesamt viele Aspekte, die so ein Projekt sehr interessant machen. Die Firma Vaeridion ist in seinen Augen ein „hervorragendes Beispiel für europäisches Unternehmertum. Genau solche Unternehmen braucht Europa.“ Für Briefing und Rundgang hat er sich wesentlich mehr Zeit genommen, als vorgesehen war. Hoekstra ließ sich über technische Details wie Gewicht und Kapazität der Akkus informieren, legte sein Sakko ab und zwängte sich in das enge Modell-Cockpit. „Der Besuch unterstreicht die wachsende Bedeutung von Start-ups wie Vaeridion für die Weiterentwicklung des europäischen Luft- und Raumfahrt-Ökosystems“, meint van Dartel.

Was sind die Themen, die ein EU-Kommissar von so einem Termin mitnimmt? Dem Vernehmen nach ging es dort gar nicht so sehr ums Geld wie bei anderen Unternehmensbesuchen. Zum Beispiel die Sache mit der Stromversorgung. Für den Betreiber eines Elektroflugzeugs wäre es schließlich von Interesse, dass auf Flughäfen möglichst europaweit eine einheitliche Ladeinfrastruktur vorhanden ist. Welche Routen sich für so ein Kleinflugzeug eignen, könnte ein weiteres Thema sein, das auf europäischer Ebene zu klären ist.
Mitte März ist die offizielle Eröffnung des Produktions- und Testhangars in Oberpfaffenhofen mit geladenen Gästen geplant. Dazu wird auch Staatskanzleichef Florian Herrmann erwartet.

