Der Täufling fährt fast pünktlich als Tandem-Zug ein, und dabei strahlt sogar kurz die Sonne an diesem verregneten Samstagnachmittag. Nach mehrmaligem Rangieren steht er auf Gleis eins, die Blasmusik Utting spielt auf, der Kinderchor von Anna Schneider singt und zahlreiche Interessierte begrüßen den „leichten innovativen Nahverkehrstriebwagen“, kurz: LINT. Eine Zugtaufe – oder richtiger eine Namensgebung, wie Geschäftsführer Arnulf Schuchmann von der Bayerischen Regiobahn GmbH (BRB) sagt – kommt gar nicht so häufig vor.
In diesem Jahr macht Utting im Netz „Ammersee-Altmühltal“, das die BRB betreibt, den Anfang. Am selben Wochenende erhielt ein weiterer LINT den Namen „Friedberg“. Die BRB bedient dieses Netz seit 2008. Im Dezember 2022 wurde eine neue Flotte für den Linienbetrieb angeschafft, die aus 41 neuen Zügen mit Dieselantrieb besteht. Einer davon trägt nun das Uttinger Gemeindewappen und den Namen „Utting“.
Dazu beigetragen hat auch Uttings Bürgermeister Florian Hoffmann, der von sich selbst sagt, dass er gerne Auto fährt. Dass er dennoch ein „Eisenbahn-Fan“ ist, hat auch mit der BRB und ihren Zügen zu tun: Vor zehn Jahren habe es ihm ein kleiner Zug im Maßstab 1:87 angetan, ein Mini-„LINT“ mit der Aufschrift: „Mit uns nach Utting“. Dieser kleine Zug sei der Start für seine große Leidenschaft für Modelleisenbahnen gewesen.
Davon können sich auch jährlich zur Adventszeit große und kleine Modelleisenbahnfans überzeugen, wenn der Bürgermeister tagelang eine Landschaft im Eingangsbereich des Uttinger Feuerwehrhauses aufbaut. Schon länger war Hoffmann in Kontakt mit der BRB, bereits im vergangenen Jahr sollte eine Namensgebung stattfinden, aber dann kam die vier Monate dauernde Streckensperrung dazwischen.
Das Geheimnis der überdurchschnittlichen Pünktlichkeit: Wer nicht fährt, kommt auch nicht zu spät.
2024 wurden von der DB InfraGO AG, ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn, die für die Infrastruktur des Schienennetzes zuständig ist, auf der Strecke zwischen Geltendorf und Weilheim Schienen, Schwellen und Gleisuntergrund sowie mehrere Weichen erneuert. Ein Grund dafür, warum die BRB im vergangenen Jahr mit einer überdurchschnittlichen Pünktlichkeit von 91 Prozent aufwarten konnte, sagte Schuchmann. Ganz nach dem Motto: Wer nicht fährt, kommt nicht zu spät.
Auch in diesem und im nächsten Jahr werden die Arbeiten am Streckennetz fortgesetzt, kündigte er an. „Die Infrastruktur ist ein Problem“, sagte der Geschäftsführer, der Sorge hat, dass es noch lange dauert, bis das marode Netz instandgesetzt sein wird. Rund fünf Millionen Fahrgäste im Jahr werden laut der Information der BRB auf dieser Strecke befördert, rund einhundert Fahrer und Kundenbetreuer werden eingesetzt. Bis 2031 läuft der aktuelle Vertrag für diese 215 Kilometer lange Nahverkehrsstrecke, dann wird neu ausgeschrieben, sagte Schuchmann.
Auch von oben kam es übrigens wieder feucht, als Hoffmann und Schuchmann nach der feierlichen Enthüllung dem Wappen mit dem Schriftzug eine Sektdusche verpassten. Gesegnet wurde der Zug „Utting“ vom katholischen Pater Xavier Namplampara und dem evangelischen Pfarrer Jochen Eberhardt.
Badezüge aus Augsburg waren bald berühmt
Die Ammerseebahn gibt es seit 1898, schilderte anschaulich Claus Strobl, Uttings Ortschronist. Als die Lokalbahn „Mering-Weilheim“ in Betrieb ging, war das Uttinger Stationsgebäude nur eine kleine Wellblechhütte. Anfangs passierten drei Personenzüge pro Tag den Bahnhof, am Sonntag sogar vier. Der damalige Bürgermeister Leonhard Resch veranlasste 1903, dass der Bahnhof in der Nähe des damals stark frequentieren Dampferstegs gebaut wurde – und praktischerweise führte der 200 Meter lange Fußweg vorbei an der Gastwirtschaft Summer.
Die Ausflugsgäste ließen nicht lange auf sich warten, die Badezüge aus Augsburg waren bald berühmt. Wie sich eine solche Zugfahrt in früheren Zeiten anfühlte, lässt sich mit den historischen Zügen der Ammersee Dampfbahn erleben, die von Pfingsten an wieder an einigen Sonntagen von Augsburg nach Utting fahren. Doch es gibt auch dunkle Seiten im Geschichtsbuch der Ammersee-Bahn: Strobl ließ nicht unerwähnt, dass am Uttinger Bahnhof „im August 1944 (...) ein Zug mit fünfhundert jüdischen Häftlingen ankam, von denen dann die Hälfte durch Zwangsarbeit im Betonwerk Utting starb“.

