Auch in diesem Winter leuchtet der kleine Ausstellungsraum in der Dunkelheit. Passanten, Pendler, Flaneure und Gassigeher werden von der Kunst in einem Moment überrascht, in dem sie nicht damit rechnen: Besonders in den Abendstunden entfaltet sich die von außen einsehbare Ausstellung des Münchner Künstlers Martin Dessecker zu einer stillen, aber doch höchst verwirrenden Installation im Alltäglichen.
Unwillkürlich fühlt man sich an die langen und dunklen Lockdown-Monate erinnert, als der allabendlich beleuchtete „Raum B1“ für die Künstler der Ammersee-Region praktisch die einzige Möglichkeit war, sichtbar zu bleiben. Für die Uttinger waren die „pandemieunbedenklichen“ Ausstellungen hinter dem großen Schaufenster damals eine überraschende und sehr willkommene Möglichkeit des Kunstgenusses. Wieder sind die Zeiten finster – und wieder sorgt die Kunst für unerwartete Lichtblicke.
Ein politisches Statement aber sollen die Ausstellungen keineswegs sein, betont Joerg Staeger. Als einer von drei Kuratoren zeichnet er für die insgesamt fünf verschiedenen Positionen der winterlichen Reihe „Lichterkette“ verantwortlich, die aus ganz pragmatischen Gründen ins Leben gerufen wurde: In der kalten Jahreszeit sollen Licht-, Video- und Rauminstallationen, die nach dem frühen Einbruch der Dunkelheit durch das Fenster zu sehen sind, die Kunst in den öffentlichen Raum bringen und möglichst niedrigschwellig die Menschen ansprechen. Zusammen mit Susu Gorth stellte Staeger zuletzt selbst im „Raum B1“ aus, davor waren Installationen von Vanessa Hafenbrädl und Axel Wagner zu sehen, im März geht die Reihe mit einer Ausstellung von Hubertus Hamm zu Ende.

Martin Dessecker, Jahrgang 1958, arbeitet an der Schnittstelle von Zeichnung, Skulptur, Installation und Raum. Er thematisiert Wahrnehmung als offenen, instabilen Prozess. Sein Eingriff in den öffentlichen Raum ist zunächst durchaus subtil, denn man könnte an dem komplett schwarz ausgekleideten Ausstellungsraum auch achtlos vorbeigehen. Wären da nicht auf einmal diese kleinen Astronauten, die inmitten dieser schwarzen Dunkelheit nach unten sinken. Oder nach unten zu sinken scheinen. Und wären da nicht die sonderbaren Menschlein, die, gleichsam im leeren Raum schwebend, in ihren Tätigkeiten innehalten und die Landung der Astronauten beobachten.
Und haben sie sich nicht gerade bewegt? Ebenso wie die in einem geheimnisvollen roten Licht aufglühenden Objekte, die aussehen wie Ufos? Und was um Himmels willen soll diese merkwürdig altmodisch anmutende Werbung für Damen- und Herrenunterwäsche, die dort im Hintergrund um Aufmerksamkeit heischt? Was bedeuten die zur Lichterkette aufgereihten winzigen Monde und was diese wabernde, blasenartige Substanz? Ist am Ende der Affe der eigentliche Protagonist des Geschehens? Und wie ist das alles miteinander verbunden?

Die Pappfiguren-Installation „o.T. (normal?)“, die noch bis 1. März zu sehen ist, ist Diorama, Traumbild, Comic und Geisterbahn zugleich. Martin Dessecker, der die zum Teil winzigen Objekte detailgenau nach Fotos malt, ausschneidet, vor einer Plexiglasscheibe montiert und dann ebenso sparsam wie effektvoll illuminiert, verunsichert den Betrachter in seinen Wahrnehmungskonventionen. Er setzt dort an, wo Gewissheiten zu kippen beginnen und das vermeintlich Normale fragwürdig wird – nicht als Provokation, sondern als leise Verschiebung und als Einladung, eben nicht achtlos weiterzueilen, sondern genauer hinzusehen.

