Anfang September ist die Zwiebelhaube auf den Turm der neuen Christuskirche in Utting gehoben worden und das alte restaurierte Kreuz wurde an der Spitze der Haube befestigt. Seitdem sendet die Baustelle der evangelischen Kirche in der Ammerseegemeinde die Botschaft aus: Unsere Kirche ist wieder da! Freilich wurde das im August 2021 bei einem Großbrand komplett zerstörte Gotteshaus mit Gemeindesaal nicht eins zu eins wiederaufgebaut. Aber der Wiedererkennungswert ist vorhanden, denn das besondere Aussehen der früheren „Holzknüppelkirche“ wurde nachgeahmt.
Verwendet wurde wieder der Baustoff Holz, aber diesmal sind es dreißig Zentimeter dicke Massivholzwände. Ein „Willkommen“ soll die neue Kirche ausstrahlen, sagt Pfarrerin Alexandra Eberhardt. Die Architektur des Sakralbaus präge auch die Gemeinde. Von Tag eins nach dem Brand arbeitete das Pfarrerehepaar Jochen und Alexandra Eberhardt für den Wiederaufbau. Entstanden ist eine gelungene Mischung aus alt und neu, obwohl nur sehr wenige Stücke aus der alten Kirche gerettet und restauriert werden konnten.

Beim Baustellenbesuch weist Alexandra Eberhardt auf die zwei Bänke links und rechts vom Eingang hin, ein Vorschlag des Architekten Mauritz Lüps. Diese sind fest mit der Fassade verbunden. „Wir wollen die Kirche offenhalten“, sagt sie. Aber wegen des Brandes, dessen Ursache nicht ermittelt werden konnte, gibt es auch Sicherheitsabwägungen. Noch gibt es eine Baustellentür, durch die es unter den drei sichtbaren neuen Glocken in den Kirchenraum geht. „Wir werden die alte, restaurierte Tür wiederbekommen und so durch etwas Altes in etwas Neues eintreten“, sagt die Pfarrerin.
Während des Gesprächs kommen zwei Frauen aus der Kirchengemeinde Oberhaching zur Baustelle und fragen, ob sie reinschauen dürfen. Sie dürfen. „Das Interesse an der neuen Kirche ist nach wie vor groß“, berichtet Pfarrer Jochen Eberhardt. Einladend wirkt die Kirche auf Brigitta Waldecker. „Wir haben gespendet“, sagt Elvira Schymkowitz, die inzwischen in Geltendorf wohnt. In ganz Oberbayern wurde gesammelt, denn Landesbischof Christian Kopp hatte in seiner Zeit als Regionalbischof eine große Spendenaktion initiiert.
Immer noch klafft eine Finanzierungslücke, 800 000 Euro waren es zu Anfang, inzwischen ist die aufzubringende Summe höher geworden. Dabei sind über die Jahre mehr als 700 000 Euro an Mitteln eingegangen, die aus Zuschüssen und Spenden stammen. Im vergangenen Jahr gab es kleinere Spendenaktionen, die aus den Kreisen der Gläubigen initiiert wurden, erzählt Jochen Eberhardt.
Im August 2024 wurde der Grundstein gegenüber dem Pfarrhaus gelegt. Auch die Kirchengemeinde hilft mit. So war eine größere Gruppe Freiwilliger unter Führung von Pfarrer Dirk Wnendt an sechs Samstagen im Wald und hat Fichtenstämme gefällt, halbiert, zurechtgeschnitten und entrindet, erzählt die Pfarrerin. Fünfeinhalb Kilometer halbrunde Fichtenstämme bieten als Wandverkleidung eine ähnliche Optik wie bei der früheren „Holzknüppelkirche“. Diese entstand einst aus einem Betsaal, der 1927 mit einfachsten Mitteln gebaut wurde. Vier Jahre später kam der Glockenturm dazu, in den 1980er-Jahren wurde umgebaut.

Entscheidungsprozesse, beispielsweise wie die Stühle aussehen sollen, seien in verschiedenen Gruppen erarbeitet und mit dem Kirchenvorstand abgestimmt worden, sagt Alexandra Eberhardt. Von einhundert E-Mails, die Pfarrer Eberhardt derzeit bekommt, betreffen neunzig die Baustelle. Bis die Finanzierung stand und die Verhandlungen mit der Brandversicherung abgeschlossen waren, habe es auch gedauert. Die größte Deckungslücke gab es für den Rohbau, gerade läuft der Innenausbau.
Die Prinzipalien, das sind Altar, Taufstein, Ambo (Lesepult), bewegliches Kreuz und Kerzenständer, sind bestellt, ebenso wie die einhundertdreißig Stühle. Diese ähneln dem Vorgängermodell und sind eigens gefertigte stapelbare Eisenstühle mit einer geflochtenen Sitzfläche und einer Holzplatte darunter. Insgesamt wurde eingangs mit 3,5 Millionen Euro Kosten kalkuliert, aktuell liegen diese rund 200 000 Euro darüber, wie Jochen Eberhardt sagt.

Gerne zeigt das Pfarrerehepaar die Besonderheiten und Neuerungen beim Bau. Das Kirchengebäude ist nach Norden hin drei Meter länger geworden und zum Teil unterkellert. Kirche und Gemeindesaal sind wie bisher aneinandergebaut und durch eine Schiebetür getrennt. Diese verschwindet nun fast vollständig und die Glastüren des Saales gehen nach außen auf. Auch sichtstörende Säulen gibt es keine mehr. Etwa dreihundert Gläubige passen in den erweiterten Kirchenraum, der Altar steht dann an der Ostseite, wo eine Gaube für Licht und Höhe sorgt.
Dabei bleibt die Anordnung flexibel, denn bei kleineren Gottesdiensten kann der Altar wie früher an die Nordseite wandern oder beim Ostergottesdienst in die Mitte der Kirche rücken. „Eine Wohnzimmeratmosphäre“ sollen verschiedenen Komponenten wie die eher dunkle Farbgebung oder klappbare Kirchenbänke an den Wänden vermittelt, erzählt die Pfarrerin. Auf das Kreuz in der Decke, wie bei der früheren Kirche, weist Jochen Eberhardt hin und berichtet von der indirekten Beleuchtung, die aber noch nicht installiert ist. Ein neues Element ist ein Glasobjekt, gestaltet von der Künstlerin Laura Stracke, das im Gemeindesaal genau gegenüber dem Ostfenster aufgehängt wurde. Auch die neue Orgel ist bestellt, sie wird in der Mitte an der Nordseite eingebaut. Die Sakristei und die Musiksakristei rechts und links davon sind mit Einbauschränken ausgestattet.

Der Rohbau wird bereits manchmal für Gottesdienste genutzt. Dann dient ein Biertisch mit Tischdecke als Altar, auf dem ein aus Holzresten gefertigtes Kreuz steht, und ein Notenständer wird als Lesepult genutzt. Im Improvisieren haben die Eberhardts inzwischen eine große Perfektion entwickelt. So dient ein Wasserkrug mit passender Kuchenplatte – Bunzlauer Keramik mit weiß-blauem Muster, die die Pfarrerin Eberhardt von ihrer Mutter bekommen hat – als Ersatz für den Taufstein. Sechs Kinder wurden bereits im Rohbau getauft, da die Seetaufe in Utting in den verregneten und kühlen Juli fiel und wieder einmal ein Ersatzraum gefunden werden musste.

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Die zurückliegenden Jahre waren für die Gläubigen und die beiden Pfarrer nicht leicht. Sie sind froh, dass bei aller Unterstützung und Hilfe die Zeit ohne ein Kirchengebäude im Zentrum der Kirchengemeinde bald vorbei sein wird. Auch der ebenfalls wiederaufgebaute Gemeindesaal, der jetzt eine größere Raumhöhe hat, wird für die umfangreiche kirchliche Jugendarbeit dringend benötigt.
Noch birgt die Baustelle Überraschungen. Zum Beispiel war die Pfarrerin von der Lautstärke des neuen Glockengeläutes überrascht. Wie früher werden die Glocken beim Gottesdienst von Kindern per Hand geläutet. Aber auch dafür wird sich eine Lösung finden, wie auch für den Wunsch vieler Gläubiger, beim Einweihungsgottesdienst dabei zu sein. Bei der feierlichen Einweihung am 7. Dezember nachmittags wird Landesbischof Kopp ebenso erwartet wie Regionalbischof Thomas Prieto-Peral. Pfarrerin Eberhardt denkt an eine Bestuhlung draußen. Kein Wunder, denn die Gläubigen sind inzwischen wetterfest.

